Bis Ende September backt Luigi Laurito noch Pizzen im TV07-Tennisheim in Watzenborn-Steinberg, danach wechselt er nach Leihgestern. FOTO: SRS
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Bis Ende September backt Luigi Laurito noch Pizzen im TV07-Tennisheim in Watzenborn-Steinberg, danach wechselt er nach Leihgestern. FOTO: SRS

Rückkehr nach 10 Jahren

53 Jahre Gastwirt: Wie Luigi Laurito zur Pizza-Legende wurde - Ab Oktober wieder in Linden

  • vonStefan Schaal
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Luigi Laurito hat für Helmut Kohl Pizza gebacken, war mit dem hessischen Ministerpräsidenten auf Hasenjagd und 24 Jahre lang als Wirt in den Lindener "Ratsstuben" eine Institution. Nun kehrt der Gastronom nach Linden zurück.

Wer Luigi Laurito begegnet und in sein Gesicht blickt, dem fallen zwei Dinge auf: ein mildes Lächeln. Und eine flache Boxernase. "Ich habe Pech, dass ich zu klein bin", erklärt er. In seinem Leben als Gastwirt und Inhaber von 13 Restaurants in den vergangenen Jahrzehnten sei er immer wieder gewalttätige Menschen gestoßen, die ihn angegriffen haben, "ein paar Leute haben mich nicht respektiert". Er habe bisweilen auch einstecken müssen, sagt der 1,58 Meter große Laurito. "Ich habe sie aber alle k.o. geschlagen."

Ab Oktober in Sportheim-Gaststätte der TSG Leihgestern

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Der 68-Jährige ist aufgrund seiner freundlichen, friedlichen und verbindlichen Art eine Institution im Kreis, vor allem durch seine 24 Jahre als Chef der Lindener "Ratsstuben". Wer wie Laurito 53 Jahre lang in der Gastronomie tätig ist, muss sich hin und wieder auch durchboxen.

Nun, nach knapp zehn Jahren und Stationen in Gießen und Pohlheim kehrt er zurück nach Linden, er übernimmt ab Oktober die Sportheim-Gaststätte der TSG Leihgestern.

Anekdoten aus China

Es gibt eine Anekdote, die Lauritos Talent, Menschen zum Gespräch anzuregen und sich dabei wohl zu fühlen, treffend beschreibt. Anfang der 70er Jahre unternimmt er eine Studienreise nach Asien. In China wird ihm eingetrichtert, ja nicht mit Einheimischen zu reden. An einem frühen Morgen aber schleicht er sich heimlich aus dem Hotel. "Ich bin zum nächsten Park gelaufen", erzählt er. "Ich wollte die Menschen beim Schattenboxen beobachten."

Im Park spricht ihn plötzlich ein Mann in gebrochenem Englisch an. Laurito kann kein Englisch, kramt aber einen Zettel und einen Kugelschreiber hervor und versucht, die Fragen des Chinesen zu beantworten. Er komme aus der Nähe von Neapel und arbeite in Deutschland, erzählt er. Auf die Frage, wieviel Geld er verdient, sagt er: 2000 Dollar. Er fahre einen Mercedes 180 SE. Und schon steht eine Menschentraube rund um Laurito herum. Man hat die Szene vor Augen, wie er sich mit Händen und Füßen und Notizen verständlich macht, wie er sich unterhält, schmunzelnd, mit kleinen und großen Gesten - ähnlich wie später in den "Ratsstuben". Damals nimmt ihn die chinesische Polizei fest, belässt es aber bei einer Ermahnung und bringt ihn zum Hotel zurück.

"Der ist zu klein"

Auf die Frage nach seinem Charakter antwortet Laurito: "Ich bin zu gutmütig. Das sagt auf jeden Fall meine Frau." Er könne nicht Nein sagen.

Am 26. Februar 1968 kommt er in Gießen an. aus dem kleinen Dorf Cannalonga. Er ist damals 15 Jahre alt. In den ersten Tagen ist ihm einfach nur kalt. Er will hier arbeiten, wie sein Vater, der Anfang der 60er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist, zu dem Zeitpunkt aber bereits ins Allgäu weitergezogen ist. Laurito spricht beim Gastronomen Luca Bortoli am Schwanenteich vor, dieser aber weist ihn sofort ab. "Der ist zu klein", sagt Bortoli.

Pizza für die Gumminsel, Büfett für den Ministerpräsidenten

Laurito erzählt: "Am selben Abend gab es dort in der Küche einen Riesenstreit." Bortoli habe plötzlich Personal gebraucht und ihm dann angeboten, er könne Gläser spülen. "Danach hat er mich nicht mehr weggelassen." Zwei Jahre später ist er Küchenchef. Und weitere zwei Jahre später, 1971, übernimmt er mit Bortoli das Restaurant "Zum Löwen". Er ist 19 Jahre alt.

Es ist der Beginn einer gastronomischen Laufbahn, die ihn mit verschiedensten Menschen in Kontakt bringt. "Wir haben Pizza für 3,50 Mark in die Gumminsel geliefert", erzählt Laurito. "Und am selben Abend haben wir für Ministerpräsident Osswald ein Büfett für 40 000 Mark zubereitet."

Hasenjagd mit Albert Osswald

Den Ministerpräsidenten trifft er übrigens bereits kurz nach seiner Ankunft in Gießen - auf einer Hasenjagd. Seine Aufgabe: Er muss die Tiere in Richtung des Ministerpräsidenten scheuchen. Doch ein Hase entwischt durch die Beine Osswalds. Dieser schießt zwar noch im Umdrehen, der Hase entwischt aber. Aus Versehen lässt Laurito dann auch noch den Hund von der Kette. "Herr Osswald hat geflucht."

Eine Zeit lang arbeitet Laurito in Mainz - und bewirtet in einer Pizzeria den Stammgast Helmut Kohl, damals Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz. "Sie war mit Salami belegt", sagt Laurito. "Ich war Helmut Kohls Pizzabäcker."

"Ich kann nicht in Rente gehen"

Laurito erzählt bei einem Glas Apfelschorle und hat unzählige Anekdoten auf Lager. Er berichtet von Abenden in der berüchtigten Corso-Bar in Gießen, "da gab es Mord und Totschlag jede Nacht". Dass er noch heute gesund und fit ist, verdankt er seiner Disziplin, seiner Frau Lucia, seinen zwei Kindern und den Enkeln.

Nun also die Rückkehr nach Linden. "Ich kann nicht in Rente gehen", sagt er. "Wenn ich aufhöre zu arbeiten, bin ich in sechs Wochen tot." Er wolle nicht einfach nur in einer Pizzeria arbeiten und Geld verdienen. Er liebe es, mitten im Geschehen zu sein. Mit lokalen Größen aus Sport, Gesellschaft und Politik. Er wolle unter Leuten sein, "die was schaffen, die was machen". Die Vorstellung seiner Rolle als Gastronom beschreibt er in einem Satz: "Ich bin der beste Kamerad."

Doppelte Rückkehr

Für Luigi Laurito ist die neue Aufgabe im Sportheim der TSG Leihgestern eine Rückkehr im doppelten Sinn. Er wird wieder Gastronom in Linden nach 24 Jahren in den "Ratsstuben". Gleichzeitig ist die TSG Leihgestern sein Heimatverein, dort hat er 30 Jahre lang als linker Verteidiger Fußball gespielt

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