Hagelgedenken: Gutes Wetter früher lebenswichtig

Wölfersheim-Wohnbach (sto). Am 28. Juni 1772, einem Freitag, verdunkelte sich der Himmel über dem kleinen Wetterau-Dorf Wohnbach, das damals Wambach hieß. Das Unwetter tobte sich genau über dem 100-Häuser-Dorf aus. Fortan begingen die Wohnbacher bis nach den Weltkriegen den Hageltag - nach einer Pause seit 1998 wieder. Pfarrerin Belzer hielt den Gottesdienst vor der Kirche.

Viele Wohngebäude, Scheunen und Ställe wurden zerstört oder stark beschädigt, die Ernte praktisch komplett vernichtet von den Hagelkörnern und Wassermassen. Eine Katastrophe für die Landbevölkerung, die in jener Zeit einzig von der Landwirtschaft lebte - Not und Hunger standen bevor.

Wohnbach gehörte damals zur Grafschaft Solms-Laubach. Der Landesherr ordnete daraufhin an, künftig am 28. Juni jegliche Arbeit außer der Versorgung des Viehs ruhen zu lassen und den Hageltag mit zwei Buß- und Bittgottesdiensten in schwarzer Kleidung in Erinnerung an das Unglück von 1772 zu begehen.

Diesen historischen Hintergrund erläuterte am Sonntagnachmittag Winfried Gramatte beim Hagelgottesdienst der Wohnbacher Kirchengemeinde. Gramatte erwähnte weitere Unwetter ähnlichen Kalibers: am 29. Juni 1737, 28. Juni 1818 und 19. Juni 1871 - und am 30. Mai 2008, das Dächer abdeckte und mehrere Keller mit Wasser volllaufen ließ.

Ihren Hagelfeiertag begingen die Wohnbacher ab 1773 bis 1914 immer am 28. Juni. Ab 1915 verlegte die Gemeinde die beiden Gottesdienste auf den Sonntag, der am nächsten bei dem Datum lag - vermutlich um im Hintergrund des 1. Weltkriegs einen Arbeitstag zu gewinnen. Ab 1944 fand dann nur noch ein Gottesdienst an jenem Sonntag statt, später fiel das öffentliche Gedenken ganz flach. Die alte Tradition belebte die Kirchengemeinde erst 1998 wieder.

Ortspfarrerin Martina Belzer und ihr Kirchenvorstand hatten am Sonntag auf die Wetterbesserung spontan reagiert und den frühabendlichen Gottesdienst auf den Platz vor der Kirche verlegt, "um der Natur näher zu sein". Pfarrerin Belzer unterstrich, dass das Wetter für die Menschen früherer Generationen eine noch wichtigere, weil die Existenz gefährdende Bedeutung gehabt habe als für die Menschen der Jetzt-Zeit. Gutes Wetter sei "die Grundlage für einen vollen Bauch in den nächsten Monaten" gewesen.

In ihre Fürbitte schloss Pfarrerin Belzer alle ein, für die noch heute die Mächte der Natur lebensgefährdend sind. Sie bat zudem um Schutz für alle Menschen, die in der Produktion von Nahrung tätig sind. Und sie appellierte an die Zweibeiner, ihre Haustiere nicht nur als Fleischproduzenten und Freizeitvergnügen zu sehen und ihnen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Im Gottesdienst wurden die neuen Wohnbacher Konfirmanden vorgestellt: Celine Bonarius, John Diehl, Denise Kettner, Lara Königshoven und Hendrik Morgenstern.

Den Hagelgottesdienst umrahmten musikalisch die Flötengruppe und der Chor Laudate Cum Musica. Anschließend waren die trotz der Übertragung des Frauenfußball-WM-Spiels rund 100 Besucher zum gemütlichen Beisammensein gekommen.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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