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In ihren Räumen in Rodheim hat Larissa Weisensee ein offenes Ohr für ihre Patienten. Die psychotherapeutische Praxis ist an ihre Wohnung angegliedert und barrierefrei zugänglich.

Psychotherapie barrierefrei

Steiniger Weg in die Selbstständigkeit: Rosbacher Rollstuhlfahrerin eröffnet eigene Praxis

Larissa Weisensee leidet an einem Gendefekt. Sie ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Aber auch sie selbst will Menschen helfen und eröffnet eine Praxis für Psychotherapie - ein steiniger Weg.

Rosbach – Psychologie studieren wollte Larissa Weisensee schon direkt nach der Schule. Doch daraus wurde nichts: »Ich habe bei der Uni in Frankfurt nachgefragt, ob ich auch als Rollstuhlfahrerin Psychologie studieren kann. Am Telefon sagte mir ein Statistikprofessor, dass der Statistikraum im dritten Stock sei und ich da nicht hinkommen würde.« Von dieser Aussage entmutigt, hat Weisensee mit einem Germanistikstudium begonnen.

In der Uni gab es eine Interessengemeinschaft für Behinderte. »Dort habe ich meine Geschichte erzählt. Das hat ein anderer Professor zufällig mitbekommen. Er war sehr betroffen, und kümmerte sich darum, dass mir die Universität einen Platz für das Psychologiestudium angeboten hat.« Nun war es plötzlich möglich, dass Weisensee durch eine entsprechende Raumplanung alle Kurse besuchen konnte. Doch das war nur eines von vielen Hindernissen auf ihrem Weg zur eigenen Praxis.

Rosbach: Ihre Ausbildung zur Psychotherapeutin kostete 17 000 Euro

Um als Psychotherapeutin zu arbeiten, benötigt man nicht nur ein Studium, sondern auch eine Ausbildung. Hier trat ein weiteres Problem auf: Es gab kein barrierefreies Ausbildungsinstitut für Psychotherapie. Hinzu kam, dass Weisensee auch immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. »Wegen meiner Beeinträchtigung wurde ich von vielen als Belastung gesehen. Doch ein Oberarzt in Alzey ist mir auch mit Offenheit begegnet. Er hat mir einen Ausbildungsplatz gegeben«, sagt Weisensee.

Das nächste Problem: Eine Ausbildung zur Psychotherapeutin kostet 17 000 Euro. »Durch meinen Gendefekt, die spinale Muskelatrophie - eine Krankheit, bei der sich die Muskeln abbauen -, habe ich einen hohen Pflegegrad und benötige 24 Stunden am Tag eine Assistenz.« Diese unterteile sich in eine Pflege-, Alltags- und Arbeitsassistenz. »Deshalb wurde ich als erwerbsunfähig eingestuft, obwohl ich es nicht bin. Ich habe nicht die Kraft, mir eine Cola einzuschenken, aber ich kann und will arbeiten.«

Bevor 2019 das Bundesteilhabegesetz in Kraft trat, hatte die Pflege zur Folge, dass Weisensee insgesamt nicht mehr als 2600 Euro besitzen durfte. Alles, was diesen Grundfreibetrag überschreite, habe sie abgeben müssen. »Dadurch war es mir nicht möglich, für die Ausbildung zu sparen. Einen Kredit habe ich auch nicht bekommen.« Auch hier kam Hilfe von außen: Dank eines Stipendiums und durch einen privaten Kredit von einem Freund konnte Weisensee die Ausbildung meistern.

Rosbach: Viele Probleme im Arbeitsalltag als Angestellte

Stolpersteine tauchen auch auf der Arbeit auf. »Es fängt schon damit an, dass es nicht überall barrierefreie Toiletten gibt. Zudem muss ich für jede Arbeitsstelle erneut einen Antrag für eine Arbeitsassistenz stellen. Einmal hat es bis zu einem Jahr gedauert, bis dieser bewilligt worden ist«, sagt Weisensee.

Auch habe sie bei Bewerbungen erlebt, dass eine unbefristet ausgeschriebene Stelle doch befristet worden ist. »Ich habe den Eindruck als müsste ich mich immer mehr beweisen als andere. Als bräuchte ich mehr Erfahrung für dieselbe Stelle«, sagt Weisensee. »Bei meiner jetzigen Praxis wurde mir mit Offenheit begegnet, und ich werde wie die anderen Kollegen behandelt.« Bei dieser Praxis möchte die Psychotherapeutin bleiben, bis sich ihre eigene Praxis trägt.

Die Motivation zur Selbstständigkeit kam im Berufsalltag: »Ich habe drei Jahre als Stationspsychologin in einer Fachklinik gearbeitet. Mir ist aufgefallen, dass viele Patienten nach ihrem Kliniksaufenthalt keinen Platz für eine ambulante Therapie finden«, sagt Weisensee. »Wenn jemand Unterstützung braucht, bin ich da, um zu helfen.« Ein besonderes Merkmal ihrer Praxis in Rodheim ist die Barrierefreiheit. »Da ich selbst Rollstuhlfahrerin bin, wurde ich oft damit konfrontiert, keine Arztpraxen aufsuchen zu können, da sie nicht zugänglich waren.«

Bundesteilhabegesetz

»Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) ist ein umfassendes Gesetzespaket, das in vier zeitversetzten Reformstufen bis 2023 in Kraft tritt, und das für Menschen mit Behinderungen viele Verbesserungen vorsieht.

Mit dem BTHG wurden mehr Möglichkeiten der Teilhabe und mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen geschaffen. Menschen mit Behinderungen, die Eingliederungshilfe beziehen, können mehr von ihrem Einkommen und Vermögen behalten«, schreibt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Hindernisse als Lebensschule

Die Hindernisse, die der approbierten Psychotherapeutin im Alltag begegnet sind, betrachtet sie als »Lebensschule«. »Früher war ich traurig und habe mich den Vorurteilen gegenüber hilflos gefühlt.

Doch ich habe Strategien entwickelt, damit umzugehen.« Auch als Mensch mit Behinderungen bekomme man Möglichkeiten. »Doch man muss wissen, dass es sie gibt«, sagt Weisensee. »Und man muss sich selbst darum kümmern.«

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