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Es gibt wieder mehr Kiebitze in der Wetterau. Ein Grund dafür ist ein extra Schutzzaun nahe Reichelsheim. Für das Projekt interessieren sich auch Mitarbeiter der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (v. l.): Gerardo Unger Lafourcade, Stefan Stübing, Walter Schmidt und Udo Seum.

Vogelkunde

Deutschlands größte Kiebitzkolonie: Webcam gibt Einblicke in Wetterauer Naturschutzgebiet

  • vonSophie Mahr
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In der Wetterau lebt die deutschlandweit größte Kiebitzkolonie. Seit Samstag kann man die Kiebitze, Stockenten und andere Bodenbrüter in ihrem Lebensraum beobachten und hören - ohne zu stören.

Reichelsheim – Es zwitschert und schnattert im Mähried nahe Reichelsheim. Plötzlich kommt ein Raubvogel angeflogen. Doch über 30 Kiebitze vertreiben gemeinsam den Angreifer aus ihrem Revier hinter dem Schutzzaun. Der Artenreichtum innerhalb des Zauns kann seit Samstag aus nächster Nähe und dennoch in sicherem Abstand beobachtet werden - in einem Livestream des Hessischen Umweltministeriums.

Seit knapp drei Jahren schützt ein rund 1000 Meter langer und fest installierter Wildschutzzaun im Mähried die dortigen Bodenbrüter. »Dieses Projekt hat unter anderem die Bruterfolge des vom Aussterben bedrohten Kiebitz massiv gesteigert, und das wollen wir gerne mit der Öffentlichkeit teilen«, sagt Umweltstaatssekretär Oliver Conz. »Daher liefert uns eine Kamera ab sofort per Livestream einmalige Einblicke in die Lebensweise der hessischen Wiesenbrüter.«

So viele Kiebitze in der Wetterau wie in ganz Rheinland-Pfalz

Ende der 80er Jahre gab es noch circa 2000 Kiebitz-Brutpaare in Hessen - aktuell sind es nur noch 200 bis 300 Paare, wie das Umweltministerium mitteilt. »2019 konnten mehr als 40 geschlüpfte Kiebitz-Gelege mit etwa 100 Jungen innerhalb der Umzäunung gezählt werden.

2020 waren es schon mindestens 178 Junge, von denen etwa 118 groß geworden sind«, sagt Stefan Stübing, Avifauna-Referent der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Er hat den »Monitoringbericht Wiesenbrüter« im Auftrag der Staatlichen Vogelschutzwarte zusammengestellt und die Bruterfolge innerhalb des Zauns systematisch dokumentiert.

Das Wetterauer Projekt ist so erfolgreich, dass Thomas Dolich und Gerardo Unger Lafourcade aus der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz den Brutplatz der Kiebitze angeschaut haben, um das Kiebitzprojekt Rheinland-Pfalz auszuweiten. »Im letzten Jahr sind in ganz Rheinland-Pfalz so viele Kiebitze geschlüpft wie hier im Zaun«, sagt Dolich.

Die Kamera im Mähried wurde Mitte März aufgebaut. »Vorher war es durch das Hochwasser und den Bodenfrost nicht möglich«, sagt Walter Schmidt, zuständig für Naturschutz beim Forstamt Nidda.

Durch den Bodenfrost habe auch die Brutzeit der Kiebitze später eingesetzt als normal. Stübing ergänzt: »Wir haben den frostreichsten April seit 1929. Dadurch sind rund ein Drittel der Jungen auf der Strecke geblieben.«

Betrieb der Kamera in Wetterauer Naturschutzgebiet mit Solarstrom

Schmidt hatte die Idee zur Installation des festen Zaunes und kümmert sich seither um alle Belange am Zaun. Er hat auch den Aufbau der Kamera koordiniert und durchgeführt. Dabei wurde er von Stübing unterstützt. Privater und amtlicher Naturschutz gehen hier Hand in Hand.

Die Webcam sendet ihre Live-Aufnahmen per LTE-Verbindung und wird ausschließlich über Solarstrom betrieben. Den Stream in Betrieb zu nehmen, sei schwieriger gewesen als erwartet, sagt Schmidt. »Zunächst musste eine Internetverbindung hergestellt werden. Dann musste man es so einrichten, dass der Stream nicht zusammenbricht und natürlich auch rechtliche Aspekte beachten.«

Durch eine Kamera können nun auch außenstehende die Vögel im Naturschutzgebiet beim Brüten beobachten.

Erste Live-Kamera in Hessen

Die Kamera des Ministeriums dient nicht nur zur Übertragung des Streams in heimische Wohnzimmer. Die Aufnahmen werden ebenfalls zum Monitoring eingesetzt. Udo Seum, Arbeitskreisleiter Wetteraukreis der HGON, sagt: »Die Bilder der Kamera helfen zum Beispiel beim Zählen der Gelege.« Stübing ergänzt: »Man kann jetzt auch sehen, was hier nachts los ist. Neulich war ein Uhu zu Besuch. Doch dieser musste nach 20 Minuten ohne Beute wieder verschwinden.«

Neben der Ministeriums-Kamera im Mähried hat die HGON eine weitere im Bingenheimer Ried aufgestellt. Diese überträgt keine Bilder für die Öffentlichkeit, doch so könne noch besser verglichen werden, wie die Tiere hinter dem Zaun aufwachsen und wie in freier Wildbahn, sagt Stübing.

Im Bingenheimer Ried seien zwar mehr Tiere, doch auch mehr Jäger wie zum Beispiel Füchse unterwegs. »Die Stockenten kommen beispielsweise in den Zaun, um ihre Eier auszubrüten. Sie wandern danach aber mit ihren Küken ins Bingenheimer Ried zurück, um sie dort großzuziehen. Da ist mehr Platz«, sagt Stübing.

Die beiden Kameras in der Wetterau sind hessenweit die ersten. Der Live-Stream aus dem Kiebitzschutzzaun kann über die Startseite des Hessischen Umweltministeriums aufgerufen werden. So können nicht nur Wetterauer die Küken aufwachsen sehen und hören, ohne diese zu stören.

Wetterauer Kiebitzschutzzaun vom Land gefördert

Die Errichtung des Schutzzaunes wurde vom Hessischen Umweltministerium mit mehr als 33 000 Euro gefördert. Hinzukommen jährlich etwa 1000 Euro für Reparaturen und Instandsetzungsmaterial.

Neben dem Schutzzaun nahe dem Reichelsheimer Flugplatz gibt es inzwischen auch Zäune nahe Karben und Ilbenstadt. Es sollen noch weitere Gebiete in der Wetterau umzäunt werden, um den Schutz der Wiesenbrüter zu fördern.

Wer Tiere in freier Wildbahn sehen möchte, kann auf dem Besucherparkplatz beim Bingenheimer Ried parken und das Gebiet zu Fuß erkunden. Während der Brutzeit ist der gesamte Südteil der Horloffaue - umrandet von Horloff-Flutgraben und Horloff sowie der Mittelweg - gesperrt. Naturinteressierte Besucher und Fotografen sollten nicht nahe an den Kiebitzschutzzaun herangehen, um die Vögel beim Brüten nicht zu stören. (Von Sophie Mahr)

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