Markus Karger liest bei der Reihe "RomanTisch"

Reichelsheim (arc). Mit einer Kuh im Nacken und Kartoffeln in den Ohren folgten viele Gäste am Freitag einem weiteren Lese- und Erlebnisabend der Reihe "RomanTisch" des Frauenkreises "Mittendrin".

Schauspieler Markus Karger aus Büdingen las aus Uwe Timms Episodenroman "Johannisnacht", einer Schnitzeljagd nach einem Geschmacksverzeichnis für Kartoffeln, die durch das Berlin kurz nach der Wende führt. So hatten die Besucher, die in der Scheune der Familie Winter Platz genommen hatten, die Kartoffeln nicht wahrhaftig im Ohr. Wahrhaftig dagegen waren die Rinder, die einigen Zuhörern schmatzend in den Rücken atmeten.

Nach Beginn der Lesung waren die Tiere allerdings ruhig, bis auf ein gelegentliches Brummen, als stimmten sie Kargers Vortrag zu. Erst kurz vor 22 Uhr durchdrang ein lautes Muhen die Versammlung, die Kühe wollten nun wohl ihre Ruhe haben, die Zeit bis dahin war wie im Fluge vergangen.

Einmal mehr zeigte Markus Karger vom "Theater ohne doppelten Boden" (TheodoBo) sein Können, als er aus dem Roman "Johannisnacht" vorlas. Die Melodie seiner Stimme, die Pausen zwischen Wörtern und hier und da ein kurzes Zögern, als müsse er in seinem Gedächtnis kramen, erweckten den Eindruck, Karger erzähle von seinen eigenen Erlebnissen. Die dadurch entstandene, fast private Atmosphäre machte die Lesung noch spannender.

Der Episodenroman begann mit einem Autor, der nach einem Anfang suchte und schließlich eine Auftragsarbeit annahm, um seine Schreibblockade zu überwinden. Die Recherche zu den verschiedenen Kartoffelsorten führte ihn schließlich zur Johannisnacht in das Berlin kurz nach der Wende.

Der Autor arbeitet in kurzen Episoden die Unterschiede zwischen West und Ost heraus, aber auch die erst auf den zweiten Blick erkennbaren Gemeinsamkeiten sowie die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Lebenseinstellung der Menschen. Der Autor, der nach dem "Kartoffelarchiv" eines Dr. Rogler sucht, verbindet die Szenen auf eine hintersinnige, humorvolle Art.

Der Onkel des Autors war zu Lebzeiten allgemein bekannt als Faulenzer, konnte jedoch jede Kartoffel an ihrem Geschmack erkennen. Diese Erinnerung machte den Schriftsteller neugierig auf die "Sättigungsbeilage", wie sie im Osten oft abwertend bezeichnet wurde. Als Karger vorlas, wie der Onkel die Kartoffelstücke in den Mund nahm, sie betastete, kaute, schmeckte und dabei Luft einsog, tat er das so überzeugend, dass die Besucher dem Schauspieler auf den Mund schauten, ob er tatsächlich etwas verkostete. Mancher glaubte sogar, die Kartoffel auf der eigenen Zunge schmecken zu können.

So intensiv ließ er die Gäste auch an anderen kuriosen Episoden teilhaben. Etwa die, in der ein alternder Friseur erzählte, die Russen hätten die Abflussrohre geklaut, da diese aus Blei gewesen seien. Der Ersatz aus Plastik sei im Winter gefroren, und man habe die neuen Rohre kurzerhand durch seine Räume gelegt. Nun "purzelten die Würste" durch sein Zimmer, und mittlerweile könne er gut unterscheiden, ob der Stuhlgang der Nachbarn "flüssig" oder "knochenhart" sei. Auch die Begegnung mit einem Italiener, der angeblich von einer Messe Lederjacken im Kofferraum hatte, diese zu einem Spottpreis anbot und seinen italienischen Akzent verlor, je länger er sprach, amüsierte die Zuhörer. Der Autor hatte diesen windigen Geschäftsmann auf dem Potsdamer Platz getroffen, und obwohl er von Anfang an ahnte, dass dieser ihn über den Tisch ziehen wollte, ließ er sich auf ein Geschäft ein. Heimlich versuchte er, den Italiener übers Ohr zu hauen und war sich sicher, das auch geschafft zu haben, bis sich die Lederjacke im Regen auflöste, weil sie aus Papier bestand.

Unterbrochen wurde der Ohrenschmaus durch einen themenbezogenen Gaumenschmaus. Aus den Kartoffeln von Sieglinde und Ulrich Winter waren zwei Suppen gekocht worden, die sich die Gäste schmecken ließen. An einem kleinen Tisch zeigten die Winters die unterschiedlichen Kartoffelsorten, die sie anbauen. "Ohne Spritzen. Und das Feld wird nur mit Pferden bearbeitet", versicherte Sieglinde Winter.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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