Vor knapp 250 Jahren an die Wolga ausgewandert

Ortenberg-Lißberg (rad). Der erste Kontakt ergab sich im Jahr 2008 per Internet: in Form einer E-Mail an den Webmaster der Lißbergseite, auf der Olga Schürer, die heute in Wolfsburg lebt, nach ihren Vorfahren mit dem Familiennamen Lais aus dem Ortenberger Stadtteil forschte.

Richtige Ansprechpartner fand sie in den Lokalhistorikern Rudolf Beck und Manfred Redling. Schürer übermittelte ihre Familiengeschichte, die auf der Lißbergseite ins Netz gestellt wurde.

Jetzt war es endlich soweit: Olga Schürer organisierte ein Familientreffen in Lißberg, dem Wohnort ihrer Vorfahren. 15 Menschen, angereist aus verschiedenen Bundesländern und sogar aus Argentinien, trafen sich unter der Linde vor der Burg, wo sie von Beck und Redling begrüßt wurden. Sie hatten eine Führung vorbereitet, um den Besuchern Land und Leute näher zu bringen. Die Gruppe besichtigte zunächst die Burg und genoss den herrlichen Rundblick vom Turm.

Als die Besucher die Burg in Richtung Museum verließen, erklangen Drehleier- und Dudelsackmusik: Uwe Savioli und seine Partnerin sorgten für den harmonischen Übergang zum Besuch des Musikinstrumentenmuseums, das mit einer Führung von Beate Schubert auf dem Programm stand. Bei der Besichtigung der Kirche gab Rudolf Beck Erläuterungen zur Baugeschichte und Entwicklung der Pfarrei. Ein Rundgang durch die Altstadt beendete die Führung.

Am Abend trafen sich die Lais-Nachfahren in einer Gaststätte, um sich ihrer Familiengeschichte zu widmen. Manfred Redling beschrieb den Weg, den die meisten Auswanderer aus der Gegend von Büdingen, dem damaligen Sammelplatz, genommen hatten: Über Hersfeld, Fahrt auf Fulda und Weser zu den Ostseehäfen, die Überfahrt nach St. Petersburg und den Landweg über Moskau zu den Siedlungsgebieten an der Wolga.

Die Familiengeschichte der Familie Lais geht von Johann Nicolaus Leiß aus, der am 14. März 1721 geboren wurde. Er war "Bürger und Schneider in Lißberg", Lutheraner, und verheiratet mit Anna Margareth. Die Familie wanderte aus Darmstadt per Schiff nach Russland aus. Am 14. September 1766 kamen sie bei St. Petersburg an. Im folgenden Frühjahr landeten sie mit anderen Auswanderern an der Wolga an und gründeten dort deutsche Kolonien. Zur Familie gehörten die Kinder Johann Conrad, Johann Jacob, Anna Juliana und Johann Henrich. "Von dem Jüngsten, Johann Henrich, geht meine Ahnenlinie aus. Wir, die Nachkommen, kamen im September 1978 zurück nach Deutschland", weiß Olga Schürer, deren Vater noch an der Wolga geboren wurde.

Die Siedlergeschichte fand ein trauriges Ende. Die etwa 400 000 "Wolgadeutschen" wurden nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion der "kollektiven Kollaboration" beschuldigt, nach Sibirien und Zentralasien deportiert und dort in Arbeitslager gezwungen. Erst 1964 wurden sie vom Vorwurf der Kollaboration befreit, und Deutschland ermöglicht ihnen seit den 70er Jahren die Einreise und Einbürgerung.

Alle recherchierten Ergebnisse wurden in Form einer Broschüre an Olga Schürer übergeben. Im Verlauf des Abends gab es Einblicke in kulinarische oberhessische Spezialitäten wie Handkäs' mit Musik oder Beulches, und es wurde über die Spitznamen der Lißberger gesprochen, die als "Waffelmäuler" oder "Gräiskuche" bezeichnet werden.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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