Ober-Mörler Student auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Ober-Mörlen (en). Jan Brauburger ist in Ober-Mörlen noch bestens bekannt. Aber im Moment ist er in weiter Ferne: Der Student der Islamwissenschaft in Freiburg/Breisgau absolviert ein Auslandssemester in Ägypten. In der vergangenen Woche war er mehrmals auf dem Tahrir-Platz in Kairo, um mit den Demonstranten zu sprechen

"Tantawi soll gehen. Diese Forderung ist, glaubt man den Sprechchören und Bannern auf dem Tahrir-Platz, unumstritten. Doch sieht man genauer hin, stellt man fest, dass die Sprechchöre nie von mehr als 70, vielleicht 100 Leuten angestimmt werden. Die meisten Leute sind dabei, wenn "Hurya" gerufen wird, Freiheit. Ansonsten herrscht große Uneinigkeit unter den Protestierenden. Niemand auf dem Platz scheint eine Patentlösung für die Probleme zu besitzen. Sollen die Wahlen stattfinden wie geplant, oder verschoben werden? Wenn sie stattfinden – war das dann genügend Zeit für die neuen Parteien, um sich vorzubereiten?

Oder werden nicht etablierte Strukturen, wie zum Beispiel der politische Arm der Muslimbruderschaft, die sich unter Mubarak im Untergrund organisierte, dadurch begünstigt? Viele sehen das so.

Wann geht das Militär?

Zumindest die Muslimbruderschaft selbst, die am Wochenende vor den Wahlen den Tahrir-Platz mied. Sie will verhindern, dass die Wahlen verschoben werden. Denn als sicher gilt, dass sie bei den Wahlen sehr gut abschneiden, wenn nicht sogar gewinnen wird. Aber sollten die Wahlen verschoben werden, werden sie dann überhaupt stattfinden? Soll der Militärrat sofort gehen? Oder erst nach den Wahlen im Juli? Dies sind die Fragen, die die Menschen in Ägypten derzeit beschäftigen.

Ein Mann, er sagt, er sei Polizist, fordert vehement den Rücktritt von Feldmarschall Tantawi. Er will anonym bleiben. Tantawi, unter Mubarak jahrzehntelang Minister, nun Chef des SCAF, sei Teil des alten Regimes, so wie die gesamte Militärführung. Und durch die vielen Toten der vergangenen Tage habe er seine Berechtigung verloren, das Land zu führen.

Die Jugendlichen auf dem Platz, so scheint es, wollen sich lieber über das Leben in Europa unterhalten. Sie sind gut ausgebildet, hatten Deutsch oder Französisch in der Schule, Englisch sowieso, studieren alle. Wenn es hart auf hart kommen sollte, werden sie das Land verlassen und ihr Glück im Westen versuchen. Sie alle tragen Atemschutzmasken, die ihnen locker vom Hals herunter baumeln. Seitdem die Polizei massiv Tränengas eingesetzt hat, sind sie auf den Straßen vor dem Platz der Verkaufsschlager.

Da sein, weil man dabei sein muss

Sie sind hier, sagen sie, um für ihre Freiheit zu kämpfen. Doch macht es eher den Eindruck dass sie hier sind, weil man hier eben sein muss. Sie wollen gleich wieder in die Mohammed-Mahmud-Straße, die Straße, die vom Tahrir-Platz aus zum ägyptischen Innenministerium führt. Hier fanden in den letzten Tagen die heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten statt. Hier, so denken viele, wird die Freiheit der Ägypter erkämpft.

Eine weitere Gruppe, die auf dem Tahrir-Platz für Furore sorgt sind die Leute aus Suez. Sie sind daran zu erkennen, dass sie als einzige nicht die ägyptische Flagge schwenken, sondern die blau-weiße Flagge ihrer Region. Ihre Forderung? Sie wollen, dass die Gebühr, die Schiffe für die Passage des Suez-Kanals zu zahlen haben, in Zukunft nicht mehr in US-Dollar, sondern in Ägyptischen Pfund gezahlt wird. Dies würde den Pfund aufwerten, die Lebensumstände im ganzen Land damit verbessern. Ob die Wahlen stattfinden sollen? Sie wissen es nicht. Die Forderung aus Suez sorgt bei den Ägyptern aus anderen Teilen des Landes für Achselzucken. Deswegen sind sie nicht hier. Ein stärkeres Pfund würden sie schon gerne sehen. Aber sich von den internationalen Standards so abzukehren, dass man den Dollar nicht mehr akzeptiert? Das würde sehr weit gehen.

Steine gegen falsche Feinde

Yassir kann über die Gewalt der letzten Tage nur den Kopf schütteln. Die, die hier mit Steinen werfen, verstehen es nicht, sagt er. Die Polizisten, die Soldaten, die hier auf den Straßen stehen, sind auch Ägypter. Sie sind nicht die Feinde. Das sind eher die Generäle, die Polizeichefs, das SCAF, also der Militärrat, der seit dem Sturz Mubaraks regiert. Aber die treffen wir ja mit der Gewalt nicht. Wir müssen friedlich bleiben. Friedlich protestieren, dann werden wir gewinnen. Alle Ägypter werden dann gewinnen.

Die Proteste sind keiner Altersgruppe zuzuordnen. Väter bringen ihre Töchter auf den Schultern mit, alte Männer trinken Tee an einem der vielen fahrbaren Stände, die sich hier angesiedelt haben, 17-jährige Jugendliche haben es sich auf einer Verkehrsinsel gemütlich gemacht und rauchen, eine Frau in den 30ern gibt die Vorsängerin für den "Tantawi-muss-fallen"-Chor. Tantawi, der Chef des SCAF, hat sich in den letzten Wochen viele Sympathien verscherzt. Die Polizei hat so reagiert, wie sie schon unter Mubarak regiert hat. Mit Gewalt, mit Tränengas, gegen das eigene Volk. Einheitliche Forderungen sind auf dem Tahrir-Platz so kaum zu erkennen.

Freiheit und Demokratie, da sind sich alle einig. Und früher oder später ein Ende der Militärherrschaft. Aber die allermeisten haben schlicht Angst vor der Zukunft."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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