Vom täglichen Kampf ums Überleben

Nidda (ema). Von Pommern nach Oberhessen, von einem 700-Morgen-Gut auf einen weit kleineren Hof - wie viele seiner Generation hat der 80-jährige Gero Gaede oft genug wieder von vorne anfangen müssen. Nach einem arbeitsreichen Leben fand der Ruheständler jetzt endlich Zeit, seine Erinnerungen aufzuschreiben und hat mit gutem Grund den Titel "Gib niemals auf - Mein Kampf ums Überleben" gewählt.

Als jüngster von fünf Brüdern wurde Gero Gaede 1930 in Rummelsburg/Pommern geboren. Alte Fotos und Informationen zur Stadtgeschichte werfen Schlaglichter auf das Leben im deutschen Osten. Frisch und anschaulich schildert er in dem 200-Seiten-Band seine Kindheit im bäuerlichen Jahresablauf, die eher mäßigen Schulzeugnisse ("Ich kümmerte mich mehr um die Pferde und Fohlen als um die Schularbeiten!") und den Krieg, der mehr und mehr das Familienleben überschattete.

Dann der Zusammenbruch der gewohnten Welt: die Flucht im Februar 1945, die von der einrückenden Roten Armee aufgehalten wurde, die Rückkehr auf den völlig verwüsteten Hof, eine kleine Überlebenschance der Familie als landwirtschaftliche Hilfskräfte und Pferdepfleger bei russischen Einheiten. Schließlich die Katastrophe für den 17-Jährigen: völlig unschuldig in eine Intrige zwischen dem Kommandanten und dem Lagerverwalter des Standortes geraten, wurde er mit anderen wegen "Wirtschaftsverbrechens an der Sowjetunion" zu zehn Jahren Zwangsarbeit in sibirischen Lagern verurteilt. Schwere Waldarbeit, eisige Kälte, Ernährung mit Wassersuppe und Trockenfisch - Überleben schien ungewiss. Am 17. Juni 1953, im Zuge einer Amnestie nach dem Tod Stalins, war der junge Häftling wieder ein freier Mann und schlug sich über das Lager Friedland zu seiner Familie in Ostfriesland durch.

Lange Arbeitstage, existenzielle Geldsorgen

Zu entkräftet für die Arbeit auf dem Bauernhof, machte er eine Ausbildung im Holzhandel, kam als Leiter eines Sägewerks nach Merkenfritz, dann zu einem Niddaer Baugeschäft. Dort lernte er seine zukünftige Frau Iris kennen und mit ihr die Krötenburg, den Bauernhof ihrer Familie. Und wieder ein Bruch: Landwirtschaft und Mühle, die Jahrhunderte lang die Familie auf dem Hof ernährt hatten, wurden durch die Konkurrenz der Großbetriebe immer unrentabler. Dennoch konnte sich Iris Gaede - das Paar hatte 1965 geheiratet - einen Verkauf des Hofs, ihrer Kindheitsheimat, nicht vorstellen.

So übernahmen die beiden 1966 Haus, Hof und Felder. Ein Nebenerwerb war dringend nötig. Zunächst bot man "Ferien auf dem Bauernhof", was während der Schulferien blendend lief, aber das Jahr über nicht genügend einbrachte. Eine kleine Schweinzucht, schließlich Wechsel zur Milchviehhaltung und zum Herdbuchbetrieb - flexibel suchte das Ehepaar Gaede immer neue Nutzungsmöglichkeiten, denn die Familie wuchs, drei Kinder wurden geboren.

Dann der nächste Schlag: Auf den Viehweiden zeigten sich Vernässungen, die Futterqualität sank rapide, die Milchviehhaltung schien am Ende - die Bodenabsenkungen, in der ganzen Niddaer Innenstadt zu beobachten, waren Ergebnis der Wasserentnahmen für die Stadt Frankfurt. Die Gaedes, deren wirtschaftliches Fundament zerstört war, klagten gegen das Förderunternehmen. Das schien zuerst völlig aussichtslos, und zugleich musste der Betrieb zu einer Pferdepension mit Gaststätte umgebaut werden, um überhaupt zukunftsfähig zu bleiben.

Zeiten extremer Geld- und Prozesssorgen für die Gaedes begannen, dazu Arbeitstage, die von morgens um 7 Uhr bis abends gegen Mitternacht gingen. Erst eine Sendung des Hessischen Rundfunks am 7. November 1991 brachte den Durchbruch: Der Prozess der Gaedes vor dem Landgericht wurde fortgeführt, nach dem Urteil zugunsten der Geschädigten kam es 1993 zu einem Vergleich, die Weiterführung der Krötenburg war gesichert.

"Alles für die Nachkommen erhalten"

Doch die Kräfte des Paars ließen nach, die Gaststätte wurde verpachtet, die Pferdepension brachte genug Arbeit. Am 25. März 2002 der nächste Schicksalsschlag: Iris Gaede stürzte bei einer landwirtschaftlichen Arbeit und verunglückte tödlich. Gero Gaede verlor damit sein "anderes Ich" - eine Partnerin, die ihm in allen Höhen und Tiefen zur Seite gestanden hatte. So beschließt Gaede sein Buch: "Heute lebe ich allein auf der Krötenburg und versuche, alles was ich übernommen und weiter aufgebaut habe, für die Nachkommen zu erhalten."

Für wen sein Buch interessant ist? Zum einen für die Menschen seiner Generation, vor allem, wenn auch sie Heimatvertriebene sind. Auch junge Leuten wäre die Lektüre zu wünschen, zum einen wegen der Zeitgeschichte im Spiegel des Privaten, zum anderen, weil man von Gaede Haltung lernen kann: Stehvermögen in Schicksalsschlägen, Fantasie für neue Problemlösungen, Zusammenhalt in der Familie.

Das Buch "Gib niemals auf - Mein Kampf ums Überleben" ist direkt bei Gero Gaede, Telefon 0 60 43/42 91 erhältlich.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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