Ein Krimi lässt Nachttischlampen brennen

Nidda (ema). Der erste Applaus des Publikums im neuen Jahr galt einem Autor, dessen Bücher in 33 Sprachen erschienen sind: Peter James. "Sie werden gelesen von Singapur bis New York", betonte Moderatorin Cordelia Borchardt, stolz, dass der Erfolgsautor, Gast bei Krimifestivals in ganz Europa, auch zu oberhessischen Zuhörern gekommen war.

James war einer der ersten IT-Provider, produzierte Filme mit Stars wie Jeremy Irons oder Peter Sellers, wandte sich dann ganz dem Schreiben zu und ist bekennender Fan rasanten Autofahrens: "Germany is the only country I can have fun in a car!"

James kam nach einem Einbruch in seinem Haus in England in Kontakt mit der Spuren sichernden Kriminalpolizei, woraus sich rasch eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung entwickelte. Seine Bücher, deren Manuskripte er vor der Veröffentlichung von Kripo-Leuten gegenlesen lässt, geben davon Zeugnis: Statt coolen Überhelden und eiskalten Showdowns zeigen sie mühsame Detailarbeit, das Zusammenwirken etlicher Berufsgruppen und die Hoffnung auf die Hilfe von "Kommissar Zufall". Sehr authentisch führt auch das in Nidda vorgestellte Buch "Und morgen bist du tot" auf Tauchboote und in Anatomiesäle, in Vernehmungszimmer und vor Bildschirme mit einschlägigen Dateien.

Begegnung mit dem Abgründigen hatte James übrigens schon als 18-Jähriger. Sein erstes eigenes Auto war ein schwarzer Rolls-Royce, vorher Leichenwagen. Einem Freund machte es Spaß, sich unter einem Leintuch in den großen Kofferraum zu legen. Einmalig der Effekt an Tankstellen, wenn die Gestalt unter dem Laken langsam hochkam... Das ist vielleicht die schönste Eigenschaft von Peter James: Er ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, selbstironisch, mit treffsicher formulierten Pointen.

Neben ihm als Sprecher der deutschen Textpassagen der Schauspieler Hans Jürgen Stockerl, einer, der mit sparsamen Nuancen in der Stimme, den Personen von James’ Thriller eindringliches Leben gibt. So bot dieser Abend einen der faszinierenden "Nidda literarisch"-Brückenschläge zur englischsprachigen Literatur hin. James ist übrigens ausgesprochen gern in der Bundesrepublik, obwohl er in der Generation seiner Eltern - die Mutter musste vor Hitler fliehen - verständlicherweise ein negatives Deutschland-Bild erlebte: "Germany is a civilized and free country!" Die Deutschen seien nach den Isländern die intensivsten Leser der Welt - welch ein Trost für ein PISA-geschocktes Land!

James las seinen deutschen Zuhörern zuliebe langsam und prononciert. Schon in der Alltagsschilderung einer jungen Frau, die ihren Mann mit dem klassischen "Fahr vorsichtig!" verabschiedet, baute sich Spannung auf. James’ Vorerfahrungen als Drehbuchautor wirken nach. Fast sieht man seine Figuren vor sich: die Mutter am Rande der Panik, die ihrer schwer kranken Tochter die Kopfhörer herunterreißt, weil eine lebenswichtige Entscheidung ansteht. Das Mädchen hat sich in eine Parallelwelt geflüchtet - "in irgendeine beschissene galaktische Sackgasse". - Oder Jugendliche neben den Fernheizungsrohren im Untergrund von Bukarest. Eine Plastiktüte dicht vor der Nase, schnüffeln sie Dämpfe von Farbverdünner: "Wenn man sie inhalierte, verschwand der nagende Hunger... Dann verspürten sie Erleichterung, aber keine Hoffnung." - Oder ein grauer Tag, der den Sektionsraum der Gerichtsmedizin in graues Licht taucht. Auf dem Tisch die Leiche eines dunkelhaarigen, sehr mageren Jugendlichen - seine Leibeshöhle seltsam leer, die lebenswichtigen Organe fehlen.

Am eindringlichsten vielleicht die Szene auf der Intensivstation, von Stockerl meisterhaft gelesen. Dialogpartner sind die junge schwangere Frau eines verunglückten Motorradfahrers und die Fachkrankenschwester, die eine Hiobsbotschaft zu überbringen hat. Außerdem soll sie die Verzweifelte überreden, Organe ihres Mannes zu spenden... Ob das schwer kranke Mädchen gerettet werden kann? Und was wird aus der rumänischen Obdachlosen, von einer freundlichen Frau auf der Straße aufgelesen und nach England gebracht, um dort einen Job zu bekommen?

Eine lange Schlange sammelte sich am Büchertisch, schnell verschwanden die Stapel von "Und morgen bist du tot." In den folgenden Stunden haben wohl noch etliche Nachttischlampen gebrannt...

Quelle: Wetterauer Zeitung

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