Hitlers erster Feind

Wieder bot die Reihe »Nidda erlesen«, die Chance, eine bekannte Persönlichkeit direkt zu erleben: Stefan Aust, ein Prominenter des deutschen Journalismus, stellte sein Buch »Hitlers erster Feind – Der Kampf des Konrad Heiden« vor, teils als Lesung, teils im Gespräch mit der Journalistin, Hörfunk- und Fernsehmoderatorin Anja Höfer. 150 Zuhörer waren gekommen und bekamen eine zu Unrecht wenig bekannte Quelle der Zeit- und der NS-Geschichte präsentiert.

Von MEZ

Wieder bot die Reihe »Nidda erlesen«, die Chance, eine bekannte Persönlichkeit direkt zu erleben: Stefan Aust, ein Prominenter des deutschen Journalismus, stellte sein Buch »Hitlers erster Feind – Der Kampf des Konrad Heiden« vor, teils als Lesung, teils im Gespräch mit der Journalistin, Hörfunk- und Fernsehmoderatorin Anja Höfer. 150 Zuhörer waren gekommen und bekamen eine zu Unrecht wenig bekannte Quelle der Zeit- und der NS-Geschichte präsentiert.

Denn Konrad Heiden, der durch mehrere Länder fliehen musste und erst 1940 im sicheren Asyl in den USA landete, blieb im Nachkriegsdeutschland ein Unbekannter, bekam bei seinem Tod 1966 nur in der »New York Times« einen Nachruf. In den gelesenen Abschnitten wie im intensiven Gespräch zwischen Aust und Höfer wurde eine wenig beachtete Variante des Emigrantenschicksals deutlich. Auch wenn die Flucht gelang, schafften viele talentierte Künstler, Autoren, Publizisten im anderen Land keinen Neuanfang, zumindest nicht auf Dauer. So auch Konrad Heiden.

Aust, lebhaft, beredt, ganz stark mit seinem Thema identifiziert, stimmte ohne Weiteres Höfers Einschätzung zu, dass er keine eigentliche Biografie geschrieben hat: »Ich wollte den Aufstieg Hitlers im Spiegel von Konrad Heidens Berichten, seinen hellsichtigen Analysen, seiner coolen Sprache zeigen.« Eher zufällig durch einen Hinweis des Publizisten Michael Kroft und durch ein Buch Heidens wurde Austs Interesse geweckt.

Er begann eine Recherche, schwierig durch die zerstreuten Quellen, und suchte das Gespräch mit Zeitzeugen. Langsam nahm das Manuskript »Hitlers erster Feind« Gestalt an, wurden Lebensstationen deutlich. Eher einsam bei wechselnden Bezugspersonen verbrachte der früh verwaiste Heiden, Sohn eines deutschen Gewerkschafters, einer jüdischen Mutter, Kindheit und Jugend. Selbst in Heidens Schule, dem Frankfurter Lessing-Gymnasium, in dem Aust kürzlich las, erinnerte man sich nicht mehr an ihn.

Der junge Mann studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in München, war früh wie sein Vater SPD-Mitglied und begann journalistisch zu arbeiten, meist für die linksliberale »Frankfurter Zeitung«. In den Hinterzimmern von Schwabinger Kneipen lernte er die Vorläufergruppierungen der NSDAP kennen, traf Hitler, dessen Aufstieg er fortan kritisch begleitete – so kontinuierlich, dass ihm linke Gesinnungsgenossen »Faszination durch die Gewalt« vorwarfen.

Zeitgeschichte wird in Heidens Artikeln lebendig, so beim blutigen Überrumpelungsversuch des »Sturmes auf die Feldherrnhalle« 1923. Die Zeitungskrisen der späten Weimarer Republik machten Heidens wirtschaftliche Situation prekär. Opportunistische Kehrtwenden kamen für ihn nicht infrage, er blieb bei seiner Einschätzung des Nationalsozialismus als »Marsch ohne Ziel, Taumel ohne Rausch, Glauben ohne Gott«.

Taumel ohne Rausch

1932 konnte Heiden sein erstes Buch »Geschichte des Nationalsozialismus – Karriere einer Idee« durchaus erfolgreich herausbringen, doch die Machtübernahme konnten er und seine Gesinnungsgenossen nicht verhindern. 1933 begannen die Stationen seiner Flucht: Schweiz, Saarland, wo er sich gegen die Angliederung an Hitler-Deutschland einsetzte und an der Zeitschrift »Deutsche Freiheit« mitarbeitete, dann Frankreich und schließlich in letzter Minute die USA. Dort galt er als Experte für NS-Deutschland, viel Beachtung fand 1944 seine Biografie »Der Fuehrer – Hitler’s Rise to Power«. Dauerhafter publizistischer Erfolg gelang nicht, Heiden starb krank und verarmt.

Jugendliche des Gymnasiums Nidda befragten in einer Gesprächsrunde nach der Lesung Höfer und Aust nach ihrer Berufsbiografie. Aust nahm souverän zum Entstehen seiner Bücher, auch seines größten Erfolges »Der Baader-Meinhof-Komplex«, Stellung und sagte: »Nicht der Autor sucht sich das Thema – das Thema sucht sich den Autor.«

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