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Lars Benedict Hoppe pendelt zwischen Trais-Münzenberg und Mainz. Dort macht er eine Ausbildung zum Schauspieler. Da er aber nachts an eine Dialysemaschine muss, fährt er jeden Abend nach Hause. Doch, sagt er: »Die Ausbildung ist das, was ich unbedingt machen will, deswegen stört mich der Weg nicht.«

Dialyse

22-Jähriger wartet auf eine Spenderniere

Lars Hoppe aus Trais-Münzenberg hat schon viel Zeit in Kliniken verbracht. Als Neugeborener hat er ein Spenderherz bekommen. Seither muss er Medikamente nehmen, die sich auf seine Nieren auswirken.

Das Datum ist leicht zu merken, sagt Lars Benedict Hoppe grinsend: »3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit.« Er war damals gerade 18 Tage alt, als ihm ein Herz transplantiert wurde. Knapp 23 Jahre ist das nun her. Von den Ereignissen, davon, wie sein Herz einen Tag nach der Geburt aufhörte zu schlagen, wie das Spenderherz kam und von der Transplantation weiß er bloß aus den Erzählungen seiner Mutter. Und durch die Narbe in der Mitte seines Brustkorbs.

»Seine linke Herzhälfte war bei der Geburt verkümmert«, erzählt Mutter Iris Hoppe. Zuerst haben die Ärzte gesagt, er könne es mit einer Herzkammer schaffen. »Am nächsten Tag ist er blau geworden. Der Körper war nicht durchblutet.« Der Säugling kam auf die Warteliste für ein Spenderherz. 15 Tage später die Transplantation.

Damit ein Körper transplantierte Organe nicht abstößt, müssen Patienten ihr Leben lang Immunsupressiva nehmen, die die Abwehrmechanismen unterdrücken. Trotzdem kann es auch Jahre später zu Abstoßungsreaktionen kommen. »Weil die Zellen des Herzens niemals die Zellen des eigenen Körpers sein werden«, sagt Lars Hoppe.

Die Medikamente wirken sich aus: Da sein Immunsystem heruntergefahren ist, muss er immer aufpassen. In den ersten Jahren versuchten seine Eltern, alle Kinderkrankheiten von ihm fernzuhalten. Wenn im Kindergarten ein Schnupfen kursierte, blieb Lars daheim. Und, sagt er: »Jetzt einen Mundschutz zu tragen war für mich eine leichte Übung.«

Schon damals war er oft im Krankenhaus. Einmal zum Beispiel wegen einer Abstoßungsreaktion. Er hatte 43 Grad Fieber.

Mit zehn Jahren erkrankte Lars Hoppe an Lymphknotenkrebs (womöglich als Nebenwirkung eines Medikaments, wie er sagt). Die Diagnose kam in den Herbstferien. »Danach bin ich für lange Zeit nicht mehr zur Schule gegangen.«

Der damals Zehnjährige bekam Chemotherapie. Sechs Termine waren angesetzt, dazwischen durfte er unter größter Vorsicht nach Hause. Keine Haustiere, keine Pflanzen mit Erde. Alles desinfizieren. »Ich erinnere mich daran, wie mein Bruder meine Computertaststatur auseinandergebaut und sauber gemacht hat.«

Diese Zeit »war sehr krass«. 29 Kilo hat er gewogen, seine Haare waren ausgefallen. Es gab Tage, da konnte er keine 100 Meter gehen.

Dann, einen Tag vor Weihnachten, bekam er die Nachricht, der Tumor sei weg. Von da an musste er nur noch zu den Nachsorgeuntersuchungen auf die Kinderkrebsstation. Ebenso wie er in all den Jahren regelmäßig zum Kardiologen geht.

»Ich kenne es nicht anders«, sagt Lars Hoppe. Er war oft in Kliniken. Und mit ihm die ganze Familie. Die Mama, die zum Vorlesen oder zum Mühle-Spielen gekommen ist, die Brüder, er hat drei ältere, die abends mit einer Pizza vorbeigekommen sind. »Eine Krankenschwester hat mal gesagt, Du bist der Patient mit dem meisten Besuch.«

Nach dem Krebs wurden die Klinikaufenthalte weniger. Lars Hoppe konnte normal zur Schule gehen, hat sein Abi in Hungen gemacht. Doch wenig später stellte sich heraus, dass seine Nieren wegen der vielen Medikamente versagen. Er steht seit einem Jahr auf der Warteliste für eine Spenderniere. »Im Durchschnitt dauert es sieben bis acht Jahre.«

Deswegen nun die Bauchfelldialyse: Im Bauch hat er einen Katheter, über den Flüssigkeit in die Bauchhöhle geleitet wird. Die Flüssigkeit muss täglich ausgetauscht werden. Seit einiger Zeit hat er eine Maschine dafür, an die er über acht Stunden angeschlossen sein muss - nachts.

Das macht den Alltag etwas kompliziert, da Lars Hoppe kürzlich seine Schauspielausbildung in Mainz begonnen hat. Morgens fährt er mit dem Auto in die Schule, abends zurück nach Trais-Münzenberg. »Es ist das, was ich unbedingt machen will, deswegen stört mich der Weg nicht.«

Schauspieler zu werden habe er sich früh in den Kopf gesetzt - schon in der Theater-AG ab der fünften Klasse. Später belegte er das Fach Darstellendes Spiel, in dem er sich fürs Abi prüfen lassen (und mit Bravour bestanden) hat. »Ich habe mich zwar nach anderen Sachen umgeschaut, aber nichts hat mich so gefesselt wie das Theaterspielen.«

Manches in der Ausbildung ist »spannend als schwerbehinderter Dialysepatient«, wie er schmunzelnd sagt. Akrobatikunterricht zum Beispiel. »Ich mache mit, was geht.«

Einschränkungen gehören für ihn dazu. Beherrschen lassen will er sich davon aber nicht. Auch wenn die Konsequenzen manchmal hart sind. Auf sein erstes Festival zum Beispiel, er war damals 16, folgte ein Magen-Darm-Infekt, der ihn für vier Monate außer Gefecht setzte. Aber deswegen verzichten? Nein. Sobald es geht, will er mit Freunden wieder auf ein Metal-Festival. Er lacht. »Ich bin nicht der vorbildlichste Schwerbehinderte.« Seine Mutter hakt ein. »Na und«, sagt sie. »Dafür hast du ein Leben.«

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