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Wende im Spargelanbau?

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Auf einigen Flächen hat Familie Bär die Spargelernte eingestellt, weil in diesem Jahr der Absatz eingebrochen ist. Hans-Christian Bär zeigt, dass Bienen die Spargelblüten gern anfliegen. © Jürgen W. Niehoff

Auf den Feldern der Familie Bär in Burg-Gräfenrode wächst das Edelgemüse. Senior-Chef Heinz-Christian Bär hat eine solche Spargelsaison noch nicht erlebt.

Normalerweise wird im Frühjahr, wenn der Spargel sprießt, Südhessen vorübergehend zum kulinarischen Zentrum Deutschlands. Denn dann landet das »weiße Gold«, wie der Spargel auch genannt wird, auf den Tellern der Feinschmecker und lässt dabei die Kassen der Spargelbauern klingeln. In diesem Jahr ist jedoch alles anders. Der Krieg in der Ukraine, die Krisen wegen Corona und dann auch noch die steigenden Preise für Düngemittel und Erntehelfer haben die Situation auf den Kopf gestellt. Einige Landwirte sprechen sogar von einem Wendepunkt.

»So etwas hat es bisher noch nicht gegeben. Je nachdem wie das Ergebnis der Ernte ausfällt, werden wir darauf auch reagieren«, stellt der Karbener Landwirt Hans-Christian Bär nüchtern fest. Er hat sich schon vor langer Zeit mit seinem Sohn Marcus auf Spargel- und Erdbeeranbau spezialisiert. Als durch die Ukraine-Krise die Preise für Lebensmittel, Dünger und Treibstoff geradezu explosionsartig in die Höhe schossen und im selben Atemzug die Nachfrage nach Spargel sank, da hatten Bär und sein Sohn bereits auf die Bremse getreten. »Wir merkten schnell, dass die großen Lebensmittelketten sich im Ausland eindeckten. Spargel aus Südamerika und Erdbeeren aus Südspanien. Mit den Preisen konnten wir hier in Deutschland einfach nicht mithalten«, erklärt Bär. Also orderten sie als erstes weniger Erntehelfer aus Rumänien. Und als sie merkten, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen mit den Preisen aus dem Ausland nicht mithalten konnten, da beschlossen sie, ein Teil der Spargelfelder in diesem Jahr einfach nicht mehr abernten zu lassen.

Spargel weicht für Raps und Weizen

»Der nicht abgeerntete Spargel wächst aus, wird im Herbst gemulcht und treibt im kommenden Frühjahr wieder aus«, klärt Bär über den Kreislauf der Spargelpflanze auf. Sechs bis acht Jahre könne die Pflanze beerntet werden. Dann kann sich der Ackerboden vier Jahre erholen und neue Nährstoffe sammeln.

Sohn Marcus ist schon ein Schritt weiter, wie sein Vater berichtet. Er überlegt bereits, wie viel Spargel er im nächsten Jahr überhaupt noch anbauen will. Denn die Situation mit den hohen Preisen für Dünger, Benzin und Löhne wird sich nicht ändern und damit auch kein »Weiter so«. Raps, Weizen und Sonnenblumen seien derzeit aufgrund des Kriegs sehr gefragt, darin sieht er eine Chance. Und er ist der Überzeugung, dass viele seiner Kollegen das ähnlich sehen und ebenso handeln werden. Der Spargel habe sich aufgrund seines Preises zu einem echten Luxusgemüse entwickelt und da er wegen der allgemeinen Krisensituation das Geld auch für Lebensmittel bei den Leuten nicht mehr so locker sitze, steht der Spargel immer seltener auf der wöchentlichen Einkaufsliste. Momentan verkauft Familie Bär ihren Spargel das Kilo für zwischen acht und 12 Euro je nach Qualität. Damit liegt der Preis etwa zehn Prozent unter dem Vorjahrsniveau. Da gleichzeitig die Kosten der Landwirte aber um bis zu einem Drittel gestiegen sind, werde ihre Gewinnspanne immer kleiner. »Das merken wir natürlich in der Kasse«, seufzt Heinz-Christian Bär. Noch einmal kleiner werde diese Spanne, wenn im kommenden Jahr der Mindestlohn auf dann zwölf Euro ansteigt.

Traditionell dauert die Spargelsaison bis zum Johannistag, dem 24. Juni. Doch weil in diesem Jahr viele Spargelanbauer ein Teil ihrer Spargelfelder sich selbst überlassen und den Spargel austreiben lassen, »kann es durchaus sein, dass wir schon vorher ausverkauft sind«, sagt Bär. Spargel ist nur begrenzt haltbar, gekühlt vielleicht drei bis vier Tage. Und um keine Lebensmittel wegschmeißen zu müssen, riskieren nun viele Spargelanbauern, dass ihre Vorräte nicht bis zum letzten Verkaufstag dem 24.Juni reichen.

Erdbeer-Absatz bricht auch ein

Es habe zwar immer mal Jahre gegeben, in denen die Saison etwas früher zu Ende gegangen sei. »Aber unter solchen Umständen haben wir die Ernte noch nie verkürzt«, sagt Bär und klingt sehr nachdenklich. Ähnlich problematisch verhalte es sich mit der Erdbeerernte. Auch bei den süßen Feldfrüchten sei der Absatz deutlich eingebrochen.

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