+
Der Nidda-Altarm in Klein-Karben mag optisch eine Idylle sein, ökologisch sieht es anders aus. Der Wasserspiegel sinkt, die Sedimente lagern sich in großer Tiefe ab, der Sauerstoff wird immer weniger. Nun gibt es einen Vorschlag zur Rettung des Gewässers.

Paradies in Gefahr

  • schließen

Für Spaziergänger ist er ein idyllischer Ort. Der Nidda- Altarm in Klein-Karben wirkt wie ein kleines Paradies. Aber das ist in Gefahr, denn das Gewässer droht nach den heißen und trockenen Sommern umzukippen, sodass ein großes Fischsterben und eine Verlandung drohen. Um das zu verhindern, soll eine Verbindung zur Nidda geschaffen werden. Dazu liegt jetzt ein Gutachten vor - mit überraschendem Ergebnis.

D er Herbstmorgen ist schön: Die Sonne scheint, der Wind geht ein wenig und bewegt die Pflanzen am Ufer des Nidda-Altarms. Doch wo ist das Wasser? Zu sehen ist es vom östlichen Ufer her nicht. Man muss vom Parkplatz aus ein-, zweihundert Meter laufen, um an eine Stelle zu kommen, an der die Angler gerne ihre Ruten ins Wasser halten. Ja, es gibt noch Wasser im Altarm, aber auch für den Laien ist unschwer zu sehen: Der Wasserstand ist niedrig, das westliche Ufer wirkt dementsprechend sehr hoch.

"Der Altarm ist nur noch 40 bis 50 Zentimeter tief, an der einen oder anderen Stelle vielleicht mal knapp einen Meter", weiß Jörg Hoss, der Vorsitzende der Karbener Sportangler. Zurzeit können er und seine Vereinskollegen ihrem Hobby hier nicht nachgehen, "obwohl das Gewässer voller Fische ist". Der Grund: "Der Bewuchs an den Ufern ist ausgesprochen dicht geworden."

In der Tat sind Gräser, Bäume und Büsche so hoch und dicht geworden, dass von den Wegen aus das Wasser kaum einmal zu sehen ist. Der starke Bewuchs und der niedrige Wasserspiegel werden zum Problem. Nachdem es zwei trockene und heiße Sommer gegeben hat, gibt es hier noch weniger Wasser. Zudem weist der Altarm keinerlei Bewegung auf. In dem stehenden Gewässer sinkt der Sauerstoffgehalt mithin immer mehr. Der Altarm verschlammt.

Seit mittlerweile acht Jahren gibt es diese Probleme, jetzt offenbar verschärft. Schon 2011 hatten die Angler darauf aufmerksam gemacht. Nach vielen Gesprächen und Ortsterminen wurde ein Verfahren gewählt, das eine Entschlammung und damit mehr Sauerstoff für das Wasser verhieß. Fast anderthalb Jahre wurde mittels Pumpen und Schläuchen permanent Sauerstoff ins Gewässer gepumpt. Doch das Ganze ist gescheitert, stellte der Vorstand der Angler im März 2017 fest.

Der Altarm verlandet

Danach war klar: Nur eine Verbindung zwischen dem Altarm und der in 130 Metern Entfernung vorbeifließenden Nidda könnte das Problem lösen. Denn nur, wenn permanent Wasser in den Arm gepumpt wird und dabei also Bewegung entsteht, ließe sich die Wasserqualität steigern. Die Stadt gab dazu ein Gutachten in Auftrag. Ingenieure sollten ermitteln, welchen Nutzen ein solches Projekt hätte und welche Kosten es verursachen würde.

In der jüngsten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses nun legte Bürgermeister Guido Rahn (CDU) die Ergebnisse des Gutachtens vor. Die Ingenieure hätten herausgefunden, dass die Feinsedimente bis in maximal 1,50 Meter Tiefe vorkommen. "Der Alt- arm verlandet langsam." Der Vorschlag des beauftragten Büros: Herstellung eines rund 1,50 Meter breiten Verbindungskanals zwischen der Nidda und dem höher liegenden Altarm. Das Wasser sollte aus der Nidda mittels einer sogenannten Archimedischen Schraube in die kleine Wasserstraße gepumpt und dann in den Altarm geleitet werden. Am anderen Ende des laut Ingenieuren 630 Meter langen und 14 bis 20 Meter breiten Altarms sollte das Wasser wieder ausfließen und in den Fluss geleitet werden.

Kosten-Nutzen-Rechnung vorgelegt

Rahn stellte verschiedene Teile des Gutachens vor, unter anderem eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Als er die Kosten nannte, stockte vielen im Klubraum der Atem: zwischen 2,1 und 2,4 Millionen Euro hatten die Ingenieure für das System der Archimedischen Schraube hochgerechnet, je nachdem, ob per Wind oder per Solarstrom angetrieben. Größter Kostenbrocken wäre die Deponierung des Schlamms aus dem Altarm. Denn der muss laut unterer Naturschutzbehörde als Sondermüll entsorgt werden und kann nicht auf die Äcker ausgebracht werden. "Der Boden aus dem Altarm hat keinen Düngecharakter", zitierte das Stadtoberhaupt.

Die Ausschussmitglieder hatten zunächst etliche Fragen. Bei deren Beantwortung stellte sich heraus, dass die Archimedische Schraube acht Meter lang wäre und einen Durchmesser von 1,25 Metern hätte. "Das ist ja ein Riesenteil", entfuhr es einem Ausschussmitglied. Rahn ergänzte, dass die Ingenieure so gerechnet hätten, dass die Schraube rund 500 Liter Wasser pro Sekunde bewegen würde.

Da das Gutachten schon einmal Gegenstand des sogenannten Karbener Umweltgesprächs war, wusste Peter Hofmann vom Naturschutzbund bereits, dass die Ingenieure mit einem elektrischen Antrieb gerechnet hätten. Dabei würden zudem Stromkosten von 300 000 Euro entstehen. Er glaube, dass das Geld "zehnmal effektiver für eine Renaturierung des Heitzhöfer Baches eingesetzt werden könnte".

Zudem gebe es andere Methoden, den Altarm von Schlamm zu befreien, etwa indem man eine Sickermulde schaffe und Schilf anpflanze. "Dann muss man die Sedimente vielleicht alle zwei oder drei Jahre mal abpumpen." Das aber sei allemal billiger als das jetzt vorgeschlagene Verfahren.

Grünen-Fraktionsvorsitzender Rainer Knak meine, bevor er und seine Fraktion endgültig entscheiden würden, müssten zunächst die Fördermittel geprüft werden. Also, was die Stadt eventuell vom Land oder Bund erhalten könnte. Insgesamt ergab sich am Mittwochabend ein uneinheitliches Meinungsbild. Vom Verlandenlassen war ebenso die Rede wie von anderen Methoden, um das Gewässer zu retten. Alle Ausschussmitglieder wollten das Gutachten mit in die Fraktionen nehmen und es dort diskutieren. Der Bürgermeister meinte, seine Tendenz gehe zur Erhaltung des Gewässers. "Den Altarm verlanden zu lassen, wird mit Blick auf die Emotionen der Bürger ein schwieriger Prozess." Und für die Angler steht sowieso der Erhalt im Vordergrund. Hoss gegenüber dieser Zeitung: "Man darf den Altarm nicht verkommen lassen."

Quelle: Wetterauer Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare