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Arne mit seinen wichtigsten Bezugspersonen (v. l.): Bruder Lasse, Mama Meike und sein bester Freund Kjell Bischoff.

Unfall überlebt

Nach Schädel-Hirn-Trauma: Wie sich ein Wetterauer ins Leben zurückkämpft

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Manchmal genügen ein paar Sekunden, um ein Leben zu verändern. Vor über sechs Monaten kam der damals 17-jährige Arne Schläfer aus Petterweil genau in eine solche Situation. Die Ärzte hatten kaum Hoffnung.

Zuvor die Party mit seinen Freunden in Okarben war lustig gewesen. Wenn Arne vorbeikam, stand er oft im Mittelpunkt des Geschehens. Das lag ohne Zweifel an seiner Art: ein bisschen draufgängerisch, mit einem gewissen Charisma ausgestattet, einfach ein cooler Typ. Doch in dieser einen Nacht änderte sich alles. Seine damalige Freundin Maya meinte später, dass sie als einzige eine ungute Vorahnung gehabt habe. "Er wollte unbedingt noch bleiben und weiter feiern, schlug das Angebot einer Mitfahrgelegenheit aus. Halb eins war ihm noch zu früh, um die Party zu verlassen", erinnern sich Leonie und Kjell, zwei enge Freunde.

Wetterauer kämpft sich ins Leben zurück: Fahrerin dachte, sie hätte ein Tier angefahren

Arne selbst kann sich an Details nicht mehr erinnern. Wie ausgelöscht scheinen die Erinnerungen zu sein. Manchmal kommen sie in Fragmenten zurück. "Ich glaube, dass ich so um drei Uhr von der Party weggegangen bin", spricht er ruhig und konzentriert. Bei Datum und Ort ist er sich indes sicher: "Es war der 9. Februar, an der B 3 zwischen Okarben und Nieder-Wöllstadt."

Gegen 3.40 Uhr waren dort drei Mädchen aus der Nähe von Gießen im Auto unterwegs. Plötzlich gab es einen starken Aufprall seitlich am Fahrzeug. Die Fahrerin glaubte zunächst ein Tier angefahren zu haben, hielt an und rief die Polizei. Der von der Polizeidienststelle Bad Vilbel alarmierte Rettungswagen war zuerst an der Unfallstelle.

Wetterauer kämpft sich ins Leben zurück: Niederschmetternde Diagnose

Bald war klar, dass es sich nicht um einen Wildunfall handelte, denn ein Sanitäter fand einen schwer verletzten Jungen. Es war Arne. Er lag nicht direkt an der Unfallstelle, sondern war durch die Wucht mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden.

Meike Truelsen erfuhr 650 Kilometer entfernt, in Norddeutschland, von dem Unfall ihres Sohnes. Sie war übers Wochenende zu ihren Eltern gefahren. Am Samstagmorgen rief die Polizei an. "Ich bin daraufhin sofort zurückgefahren", erzählt sie. "Zunächst wurde mir nur gesagt, dass Arne sich einen Halswirbel und die Schulter gebrochen habe. Hätte ich zu dem Zeitpunkt schon gewusst, wie es wirklich um ihn stand, hätte ich wohl kaum Auto fahren können. Ich bin dann direkt in die BGU nach Frankfurt gefahren."

Wetterauer kämpft sich ins Leben zurück: Kaum Überlebenschancen

Die Diagnose des Arztes war niederschmetternd: An dem schweren Schädelhirntrauma, das Arne erlitten hatte, versterben normalerweise 30 Prozent der Patienten direkt am Unfallort, einige auch innerhalb der ersten 48 Stunden im Krankenhaus. Die größte Gefahr geht von Nachblutungen aus. In Arnes Fall sitzt ein Knochensplitter an der Schädelbasis. "Nachher habe ich erfahren, dass ihm die Ärzte in der Notaufnahme keine Überlebenschance gaben", sagt Arnes Mutter. "Bei einer solchen Verletzung gibt es nur Leben oder Tod."

In der ersten Woche sei sein Bruder kaum ansprechbar gewesen, habe nur genuschelt und sich über Handzeichen verständigt, schildert Lasse Schläfer. Die Familie sei immer bei ihm gewesen. "In der zweiten Woche hat er wieder angefangen zu essen. Allerdings nur den Karamell-Pudding, den unsere Schwester Jana für ihn gemacht hat." Sitzen, Stehen, Schuhe anziehen, Gehen - alltägliche Dinge mussten erst wieder geübt werden. Dazu kamen immer wieder heftige Zitteranfälle.

Wetterauer kämpft sich ins Leben zurück: Fortschritte gemacht

Trotz allem machte er schnell Fortschritte. Nach nur zwei Wochen wurde der Junge zur Reha in das Hegau-Jugendwerk nach Gailingen in Baden-Württemberg verlegt. In dieser Spezialklinik konnte er wieder richtig auf die Beine kommen. Er bekam Besuch von seinen Freunden aus Karben und fand neue Freunde, denen es auch schlecht ging. "Eigentlich wollte ich schon zu Ostern nach Hause", beschreibt er eine Situation. "Dann sagten die Ärzte bei meiner Fallbesprechung aber, ich müsse bis Pfingsten bleiben. Ich war am Boden zerstört, an meinem Geburtstag wollte ich doch zu Hause sein. Schließlich einigten wir uns auf drei Wochen." Es hat geklappt.

Mittlerweile geht er schon wieder an drei Tagen halbtags arbeiten, an zwei Tagen hat er Schule. Arne möchte Fachabitur machen; die Ausbildung dazu findet dual statt. Und nächstes Jahr möchte er wieder einen Backflip (Rückwärtssalto) machen. "Aber natürlich nur, wenn der Arzt grünes Licht gibt", lacht er.

Sein Bruder Lasse spricht etwas aus, was andere auch schon an ihm bemerkt haben: "Arne hat in den letzten Monaten einen Reifeprozess durchgemacht, er hat sich positiv verändert. Er ist ruhiger, emotionaler, verletzlicher und sozialer geworden. Kaum zu glauben, dass der Unfall am Ende sogar noch Gutes bewirkt hat."

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Quelle: Wetterauer Zeitung

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