Landgrebes kämpferischer Blick nach vorne

Karben. Große Debatten gab es keine, nicht einmal ansatzweise wurde über die vergangenen, die Partei erschütternden Wochen diskutiert, und außer in der Rede des Bewerbers für den Wahlkreis 25, Udo Landgrebe, spielte die jüngste Vergangenheit bei der SPD-Wahlkreiskonferenz am Mittwochabend im Bürgerzentrum zumindest an den Mikrofonen kaum eine Rolle. Die Spannung war ohnehin ‘raus, denn schon vor drei Wochen war bekannt geworden, dass der Bad Vilbeler SPD-Vorsitzende in die Fußstapfen des Friedberger »Abweichlers« Jürgen Walter treten würde.

Karben. Große Debatten gab es keine, nicht einmal ansatzweise wurde über die vergangenen, die Partei erschütternden Wochen diskutiert, und außer in der Rede des Bewerbers für den Wahlkreis 25, Udo Landgrebe, spielte die jüngste Vergangenheit bei der SPD-Wahlkreiskonferenz am Mittwochabend im Bürgerzentrum zumindest an den Mikrofonen kaum eine Rolle. Die Spannung war ohnehin ‘raus, denn schon vor drei Wochen war bekannt geworden, dass der Bad Vilbeler SPD-Vorsitzende in die Fußstapfen des Friedberger »Abweichlers« Jürgen Walter treten würde. Da wollten die Wahlkreisdelegierten aus Bad Vilbel, Karben, Wöllstadt, Rosbach, Niddatal und Friedberg denn auch eher nach vorne schauen, und so war – als Versammlungsleiter Detlev Engel den Wahlgang aufrief – nur noch die Frage, mit wieviel Prozent denn Landgrebe von den Delegierten in die Wahlschlacht bis zum 18. Januar geschickt würde. Nun, es waren am Ende 92,11 Prozent; mit 35 von 38 abgegebenen Stimmen soll Udo Landgrebe im Friedberger Westkreis gegen den Vilbeler CDU-Vorsitzenden Tobias Utter antreten. Und dafür lief sich der 58-Jährige im Saal des Bürgerzentrums schon mal warm.

Karbens Ehrenbürgermeister Detlev Engel hatte gleich zu Beginn fast trotzig die Marschrichtung vorgegeben: »Wir wollen heute ein Signal nach außen setzen, wollen geschlossen und hochmotiviert in den Wahlkampf gehen. Wir wollen zeigen, dass die gute alte SPD noch nicht tot ist.« Der stellvertretende SPD-Unterbezirksvorsitzende Herbert Unger stellte den Kandidaten als dynamisch vor und bezeichnete ihn als »gestandenen Sozialdemokraten«. Bereits im vergangenen Wahlkampf sei Landgrebe, der Ersatzbewerber für Walter war, engagiert aufgetreten. Er gelte als »Hoffnungsträger im Bad Vilbeler SPD-Ortsverein in einem für die SPD politisch schwierigen Umfeld«, so der Florstädter Bürgermeister.

Der Name Jürgen Walter fiel nicht

Solchermaßen vorbereitet, erwarteten die 38 Delegierten einen kämpferischen Landgrebe – und den erhielten sie auch. Der Vilbeler SPD-Chef legte gleich mächtig los, geißelte die »plötzliche Entdeckung des Gewissens« der Abweichler und deren unsolidarische Kehrtwende.

Es wäre genug Zeit gewesen, den Gesinnungswandel kundzutun, aber die drei – nur Dagmar Metzger hatte bereits Monate zuvor verkündet, dass sie mit Hilfe der Linkspartei keinen Regierungswechsel in Hessen herbeiführen wolle – Genossinnen und Genossen hätten mit ihrer unsolidarischen Handlung »ein in die Zukunft weisendes politisches Projekt in Inhalt und Person« verhindert. Immer wieder brandete Beifall auf, als Landgrebe – nach anfänglichen kleinen Unsicherheiten – immer nachdrücklicher redete und seinen Unmut über die Genossen kundtat, die das Wahlkampfziel der Partei »Koch muss weg!« einfach »zunichte gemacht« hätten. In Landgrebes Rede fiel der Name Jürgen Walter übrigens nicht ein einziges Mal.

Der Kandidat sprach auch von einem Neuanfang und blickte nach vorne, wollte seinen Genossen Mut machen. Es habe in der 145-jährigen Geschichte der Partei »ganz andere politische Widrigkeiten« gegeben, die in Solidarität gemeistert worden seien. »Wir Sozialdemokraten sind Kämpfer und geben nie auf – auch und gerade dann nicht, wenn die Umfragen das Gegenteil vorhersagen«, so Landgrebe im weiteren Verlauf seiner Rede.

Er sei »felsenfest« davon überzeugt, dass seine Partei den »besseren und zukunftsweisenderen Politikentwurf« habe, »der nur darauf wartet, umgesetzt zu werden«. Und mit Thorsten Schäfer-Gümbel habe man eine »kreative, innovative und politisch intelligente Person an die Spitze gestellt«, lobte der Vilbeler den Gießener Spitzenkandidaten. Schließlich streifte Landgrebe noch die Themen, die er im Wahlkampf ansprechen will, wie Bildungspolitik, Familienpolitik, Umwelt- und Energiepolitik und Sozialpolitik.

Aber auch zur Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik äußerte sich der Kandidat, will »gute und zukunftssichere Arbeitsplätze«, von denen die Menschen auch leben können müssten. Zudem forderte er eine »sozial gerechtere Arbeitswelt«. Landgrebe bekannte sich nachdrücklich zum Ausbau des Rhein-Main-Flughafens, denn dieser sei Arbeitgeber für viele Wetterauer »und damit der Garant für Arbeitsplätze und die Sicherheit für viele Familien«. Den letzten Teil seiner Rede widmete er dem amtierenden Ministerpräsidenten und dessen Regierung. Koch und die CDU hätten den gigantischen Schuldenberg von 1,3 Milliarden Euro aufgetürmt; und so bezeichnete Landgrebe Koch als »Schuldenbaron«.

Koch sei auch der Wahlverlierer: Hätte dieser nur ein Quäntchen Anstand und Ehrgefühl gehabt, hätte er noch in der Wahlnacht seinen Hut nehmen müssen. Landgrebe warnte zudem davor, diesem Koch, »der nun Kreide gefressen hat«, zu trauen. So werde er nach einem Wahlsieg die Studiengebühren wieder einführen, obwohl er jetzt etwas anderes sage. Dazu würden er die Finanznöte des Landes und sonstige Sachzwänge vorgeben.

Minutenlanger Beifall belohnte eine in der Tat engagierte Rede, die manche Genossen wohl zeitweise vergessen ließ, dass die SPD sich im selbst verschuldeten Umfragetief befindet. Viel Applaus, Blumen und Umarmungen gab es auch nach der Verkündung des deutlichen Wahlergebnisses.

Thomas Görlich Ersatzkandidat

Mit ebenso großem Vertrauen wurde auch Thomas Görlich ausgestattet: Der Karbener SPD-Fraktionschef ist Ersatzkandidat für die Landtagswahl in diesem Wahlkreis 25. Der 49-Jährige hatte sich den Delegierten vorgestellt und angekündigt, ebenso einen engagierten Wahlkampf führen zu wollen. Görlich möchte dabei auch lokalpolitische Themen ansprechen, will »die Bürger mit ihren Problemen vor Ort abholen«.

So brauche man klare Aussagen zu den S-Bahngleisen und zum Bau der Nordumgehung, ebenso zum Lückenschluss der B 3. Aufmerksam registriert wurde Görlichs Haltung zu Windrädern. Man brauche alternative Energien, »aber nicht an jedem Standort und nicht dort, wo sie nicht wirtschaftlich betrieben werden können«.

Kritische Töne in Richtung eigene Partei blieben aus, eine Aufarbeitung sollte an diesem Abend nicht stattfinden. In den vergangenen Wochen sei ja schon viel diskutiert worden, so der Karbener SPD-Vorsitzende Jochen Schmitt, aber nun gelte es, »sich wieder auf die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner zu konzentrieren«. Dem wollten zumindest die im Bürgerzentrum Versammelten nicht widersprechen. Holger Pegelow

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