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Mit großem Eifer bei »Ausbildung trifft Kunst«

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Karben (jas). »Sie haben wirklich alle toll durchgehalten«, sagt Künstlerin Anne Lehinant und spricht dabei nicht, wie man vielleicht denken mag, von Sport. Nein, es geht um Kunst. Und zwar um Kunst, die eine wahre Zerreißprobe für den so oft zitierten Geduldsfaden ist. Punkt für Punkt, oder besser gesagt Kästchen für Kästchen, insgesamt 12 220 an der Zahl, tragen die Jugendlichen des Berufsbildungswerks Südhessen (BBW) auf die großformatige Leinwand auf.

Ganz akkurat und genau in der vorgegebenen Farbe, die vorher auf einer kleinen Palette selbst gemischt wird. Denn nur, wenn Farbgebung und Position des Punktes genau stimmen, dann stimmt auch der Gesamteindruck.

Und der ist schon jetzt, kurz vor Fertigstellung des Kunstwerks, faszinierend. Je weiter der Betrachter sich vom Bild entfernt, desto mehr verschmelzen die einzelnen Vierecke zu einem großen Ganzen. Aus blauen, roten und weißen Kästchen werden Menschen, die sich an den Händen halten und Gemeinsamkeit demonstrieren. Doch nur Beine und Oberkörper sind zu sehen. Anstelle der Köpfe zieht sich ein Zitat aus dem Duden horizontal über das Bild. »Respekt (Achtung, Ehrerbietung)« ist dort zu lesen - das Motto, unter dem in den vergangenen Wochen nicht nur die pointilistische Gemeinschaftsarbeit, sondern eine Vielzahl von Kunstwerken im BBW entstanden sind. Zum 25. Geburtstag des Berufsbildungswerkes hatten sich Geschäftsführerin Renée-Eve Seehof und ihre Mitarbeiter etwas ganz Besonderes ausgedacht.

Das Jubiläum sollte nicht nur mit Festreden und -vorträgen über die in der Einrichtung lebenden und arbeitenden Jugendlichen gefeiert werden, sondern die jungen Frauen und Männer sollten selbst etwas geschenkt bekommen. Das Ergebnis dieser Überlegungen war das Projekt »Ausbildung trifft Kunst«, das den 141 Jugendlichen des zweiten Ausbildungsjahres ermöglichte, sich drei Monate lang künstlerisch auszuprobieren. Hilfestellung bekamen die jungen Leute dabei von Künstlern aus der Region. Ob Hip-Hop oder Theater, Landart und Installationen aus Plastik oder aber das Arbeiten mit Metall und Holz - die Auszubildenden hatten die Qual der Wahl.

Großformatige Malerei

Für das Projekt von Gabriele Saur-Burmester, in dem es um großformatige Malerei ging, hatten sich Raumausstatter-Azubi Oliver Ganzwindt und Francesco La Rosa, der zum Maler und Lackierer ausgebildet wird, entschieden. »Hat Spaß gemacht, mal künstlerisch zu arbeiten«, sind sie sich einig. Das Material, so Francesco, sei für ihn nicht neu gewesen, aber die Arbeitsweise. Werde in der Ausbildung das akkurate Arbeiten mit Farbe gefordert, habe man nun frei malen können. »Die Umstellung hat einen Moment gedauert, aber dann kam ich gut zurecht.«

»Unreal Fantasy«

Stolz präsentieren die Künstler, was sie gemeinsam geschaffen haben. Da ist zum einen das riesige Bild mit dem Titel »Unreal Fantasy«, das demnächst einen Platz in der BBW-Kantine finden soll. Das quadratische Bild, das eine Vielzahl unterschiedlicher Köpfe zeigt, ist in Anlehnung an die Arbeitsweise von Georg Baselitz entstanden - es wurde nämlich auf dem Kopf gemalt. »Jetzt diskutieren wir nur noch, ob wir es auch kopfstehend aufhängen. Das fordert natürlich eine Erklärung«, sagt Künstlerin Gabriele Saur-Burmester.

Die Nachwuchskünstler in der Metallwerkstatt haben gerade hohen Besuch. Dr. Stefan Soltek, der Leiter des Klingspor-Museums aus Offenbach, ist eingetroffen, um das Metall-Kunstwerk zu betrachten. Einen Überblick über die entstanden Objekte will der Kunstexperte sich verschaffen, denn zur Ausstellungseröffnung am 7. Dezember hält er die Einführungsrede. Die Metaller haben auf den Schriftzug »Respekt« drei Menschen postiert.

Eine Frau, einen großen und einen kleinen Mann. »Die Figuren sollten klar und einheitlich sein, auf Einzelheiten wurde verzichtet«, beschreibt Projektleiterin Gabriele Gröninger-Zahn das Werk. Von der Arbeitsweise der jungen Leute ist sie begeistert. »Es haben alle zusammengehalten. Auch die Jugendlichen, die aus einem anderen Ausbildungsbereich kamen, wurden voll integriert.«

Öffentliche Präsentation

Der Öffentlichkeit präsentiert werden die Kunstwerke, zu denen auch Ufos aus Plastikabfällen und ein ganzes Planetarium gehören, am Sonntag, 7. Dezember. Alle nicht vergänglichen Kunstobjekte werden anschließend ihren Platz auf dem BBW-Gelände finden. Hip-Hop- und Theatervorführungen werden im Internet zu sehen sein.

Wer das Projekt »Ausbildung trifft Kunst« finanziell unterstützen möchte, kann sich unter Telefon 0 60 39/48 20 an das Berufsbildungswerk wenden.

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