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Nach 40 Jahren Selbstständigkeit hat Friseurin Doris Leidner (65) ihren Salon in Karben an ihre Nachfolgerin Nadine Harendza übergeben. Zur Ruhe setzen will sich die Obermeisterin aber damit noch nicht, wie sie im Interview erzählt.

Interview

"Der Friseur-Beruf braucht Herzblut"

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Friseurin Doris Leidner hat ihren Karbener Salon an Nachfolgerin Nadine Harendza (30) abgegeben. Zur Ruhe setzt sich die Obermeisterin der Friseure im Wetteraukreis damit jedoch keinesfalls.

Doris Leidner hat 40 Jahre lang ihren Salon in Karben geführt. Nun hat sie ihn abgegeben. Doch deshalb ist für 65-jährige Obermeisterin der Friseure im Wetteraukreis noch nicht Schluss. Auch im "Ruhestand" will sie noch weiter Haare schneiden.

Frau Leidner, Sie waren 40 Jahre lang als Friseurin in Karben selbstständig. Nach all den Jahrzehnten: Was macht Ihren Beruf zum schönsten der Welt?

Dass er jeden Tag aufs Neue Freude bereitet! Als Friseurin kann ich Menschen verschönern und glücklich machen. Das ist ein nicht zu vernachlässigender Beitrag zu einer gesunden Psyche. Denn: Nur, wenn ich mich mit meinen Haaren, ihrem Schnitt und der Farbe wohlfühle, bin ich selbstbewusst - und nur dann geht es einem Menschen wirklich gut.

Viele junge Menschen sehen diese Freude nicht - auch das Friseurhandwerk leidet an Nachwuchsmangel. Warum?

Das liegt leider in erster Linie an der Bezahlung. Obwohl die Tarife ja bereits stark erhöht wurden - was meiner Meinung nach absolut richtig ist - liegt die Bezahlung immer noch unter anderen Branchen. Ein Problem dabei ist, dass Kunden heutzutage nicht mehr bereit sind, so viel für den Friseurbesuch auszugeben.

Woran liegt das?

Auch heute wird noch viel Geld für die Schönheit ausgegeben, aber eben anders als früher. Früher sind Frauen jede Woche zum Friseur gegangen. Heute zählt zur "Schönheit" viel mehr: gemachte Fingernägel, Tätowierungen, ordentliche Zähne. Der Anspruch ist damit ein ganz anderer. Das merke ich auch in den einzelnen Sitzungen: Früher habe ich drei Kunden pro Stunde bedient, heute brauche ich - gerade bei komplizierten Färbetechniken - mitunter drei Stunden für eine Kundin.

Also nagt vor allem die Geldfrage am Friseurnachwuchs?

Nicht nur. Vielen jungen Menschen fehlt auch einfach das Durchhaltevermögen. Unser Beruf ist anstrengend, wir stehen viel, arbeiten körperlich. Viele Auszubildende beklagen das. Dabei ist doch jeder Beruf anstrengend! Aber um erfolgreich als Friseurin zu sein, braucht es wohl tatsächlich eine Portion Herzblut.

1979 sind Sie in einem dunkelbraun-beige ausgestatteten Salon gestartet, und haben seither immer wieder umgebaut und renoviert. Inwiefern ist eine solch stete Entwicklung nötig?

Wenn Salons schon von außen altmodisch aussehen, bleiben die Kunden ganz weg. Man darf nie stehenbleiben, auch persönlich nicht. Eine der Erfahrungen meines Berufslebens, die mich mit dem größten Stolz erfüllt, ist der Abschluss als staatlich geprüfte Coloristin. Das ist die größte Herausforderung im Leben eines Friseurs, und ich habe den Abschluss 2017 gemacht - als älteste Teilnehmerin. Sich lebenslang weiterzubilden ist der Schlüssel, auch wenn das natürlich Kraft kostet.

So haben Sie Ihren Laden nun in hochmodernem Zustand übergeben können - an Ihre Nachfolgerin Nadine Harendza, die seit zehn Jahren bei Ihnen tätig ist. Wie fühlt sich das an?

Einerseits toll: Wir haben die "Scherenübergabe" während eines Festabends mit fast 300 Leuten gefeiert (diese Zeitung berichtete). In den vergangenen Jahren - erstmals habe ich vor fünf Jahren über die Zukunft meines Ladens nachgedacht - haben wir das gezielt vorbereitet. Die geregelte Nachfolge erleichtert mir den Abschied ungemein. Nichtsdestotrotz kommen mir noch ab und zu die Tränen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Nun ist es in Ihrem Fall ja nur ein Abschied aus der Selbstständigkeit - keinesfalls aber aus dem Laden…

Genau. Ich bleibe vier Tage die Woche - mittwochs bis samstags - als angestellte Friseurin im Laden. Mich ganz zur Ruhe zu setzen, könnte ich mir noch gar nicht vorstellen! Was ich aber neu gewinne, sind die Feierabende: Wenn der Laden schließt, habe ich frei, da wartet dann keine Abrechnung mehr. Das bedeutet eine neue, riesengroße Freizeit für mich.

Was machen Sie mit der neu gewonnenen Zeit?

Gestern war ich an meinem freien Tag entspannt zu einer Besprechung in der Kreishandwerkerschaft (lacht). Ehrenamtlich werde ich mich weiter engagieren, ich bin noch bis 2021 als Obermeisterin des Wetteraukreises gewählt - und könnte auch für eine weitere Amtsperiode antreten. 2020 ist bereits komplett durchgeplant mit Seminaren, die ich organisiere. Auch das braucht das Friseurhandwerk: dass wir nicht nur fachlich fit sind, sondern wir uns in Sachen Teamführung, Motivationsstrategien, Umgang mit Kundenreklamationen weiterbilden. Dafür werde ich mich natürlich auch weiterhin einsetzen. Nicht zuletzt macht das Spaß und hält jung.

Gemeinsam stärker

Die Friseurinnung des Wetteraukreises ist eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts und eine von 14 Handwerksinnungen im Kreis. Traditionell ist eine Innung ein regionaler Zusammenschluss von Handwerkern desselben Handwerks, der dem Zweck dient, die gemeinsamen Interessen zu fördern. In der Wetterau zählt die Friseurinnung nach eigenen Angaben 40 Mitglieder. Im Gegensatz zur Mitgliedschaft in den Handwerkskammern ist die Mitgliedschaft in einer Innung auf freiwilliger Basis.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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