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Winnetou-Debatte in vollem Gange - auch in der Wetterau

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Karl May ist selbst schon in Bad Nauheim gewesen. Jetzt beschäftigt die Winnetou-Debatte auch die Region. Die Meinungen gehen auseinander.

Bad Nauheim – Als Karl May 1904 Bad Nauheim besuchte, war er einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Dass sein berühmtestes Werk mal einen Skandal erzeugen würde, hätte er vermutlich nicht gedacht.

Karl und Klara May logierten 1904 in Bad Nauheim im Hotel Reichshof an der Ecke Lessingstraße/Ernst-Moritz-Arndt-Straße. An diesen Besuch erinnert eine Bronzeplatte auf dem »Walk of Fame« im Rosengarten. Mays Abenteuerbücher sind derzeit in aller Munde, das hat etwas mit einem angekündigten Kinofilm und zwei neuen »Winnetou«-Kinderbüchern zu tun. Der Ravensburger-Verlag zog diese Buchtitel nach einem Shitstorm im Internet jüngst zurück. »Kulturelle Aneignung« lautete der Vorwurf, womit die unerwünschte Übernahme der Merkmale einer Minderheitenkultur gemeint ist. Nun hagelt es Kritik wegen des Rückziehers, den manch einer aber auch für nachvollziehbar hält.

Bundestagsabgeordneter Heidt findet Reaktion in Winnetou-Debatte überzogen

In sozialen Netzwerken diskutieren Internetnutzer das Agieren des Verlags - auch der Bad Nauheimer Bundestagsabgeordnete Peter Heidt (FDP): »Ich finde die Reaktion des Verlages überzogen. Man muss auch mal einen Shitstorm aushalten und nicht gleich einknicken.« Wolle man die Maßstäbe der heutigen Zeit an alle Märchen und erfundenen Geschichten legen, »kann man auch bei Goethe und Schiller anfangen«, argumentiert der Freidemokrat. Er habe früher gerne Karl May gelesen und habe noch circa 40, 50 Bücher von ihm im Regal. Scharf kritisiert Heidt die ARD, die die alten »Winnetou«-Filme nicht mehr zeigen will. »Diese Filme sind Highlights der deutschen Filmgeschichte. Sehr traurig.«

»Überzogen.« Das ist die Meinung von Dörthe Herrler (Stadtbücherei Ortenberg) zu der Entscheidung des Ravensburger-Verlags. »Es geht nicht, jedes Buch dem Zeitgeist entsprechend schönzuschreiben. Es ist ja auch ein Stück Zeitgeschichte«, gibt sie zu bedenken. In der Bücherei befinden sich ihren Worten zufolge noch wenige alte Karl-May-Bände - seit sie im April die Leitung übernommen habe, habe aber niemand mehr einen ausgeliehen.

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Eine Bronzeplatte auf dem »Walk of Fame« im Bad Nauheimer Rosengarten erinnert an den Besuch von Karl May im Jahr 1904. © Petra Ihm-Fahle

Kirsten Rühs verweist auf Märchen in der Diskussion über Winnetou

Kirsten Rühs von der Buchhandlung Rühs in Bad Nauheim kennt die strittigen Bücher nicht, hält die Reaktion des Verlags aber ebenfalls für übertrieben. »Es ist eine fiktive Geschichte, kein Sachbuch. Wenn wir jedes Buch aus dem Programm nehmen, weil es eventuell rassistisch, gewaltverherrlichend, nicht genderkonform oder ähnliches ist, können wir gleich bei den Märchenbüchern anfangen«, sagt sie. Sie sehe es nicht als ihre Aufgabe, anderen vorzuschreiben, was sie lesen sollen und was nicht. Nach Ansicht von Rühs versucht eine Interessengruppe, Einfluss zu nehmen, und der Verlag gebe sofort nach. »Wie viele Bücher werden wegen eines Shitstorms wohl noch vom Markt genommen? Wo bleibt unsere Meinungsfreiheit?«, fragt sie.

Christina Baumgärtner von der Buchhandlung am Park in Bad Nauheim hat seit Jahren kein Karl-May-Buch mehr verkauft. Das fragliche Kinderbuch hatte sie auf Empfehlung des Verlagsvertreters bei Ravensburger allerdings vorbestellt. Sie sagt: »Über die Presse erfuhren wir, dass der Titel nicht kommt, worüber wir uns etwas gewundert haben. Mein Eindruck ist, dass es in dem Buch um die große Freundschaft der Kinder und das Völkerverständigende geht.« Es stelle sich die Frage, wo man anfange und aufhöre, Literatur vom Markt zu nehmen: »Was etwa ist mit Piratenbüchern?«

Wer Jugendliteratur über indigene Völker in der Buchhandlung sucht, stößt auf den deutschsprachigen Thriller »Firekeeper’s Daughter« von Angeline Boulley. Der Inhalt bietet neben einer spannenden Handlung auch einen Einblick in die Kultur der »Native Americans«. Für jüngere Kinder führt Baumgärtner das Sachbuch »Bei den Indianern«, ebenfalls von Ravensburger.

Tiefe Spuren bei Betroffenen

Isil Yönter (Ausländerbeirat Bad Vilbel) kennt das neue »Winnetou«-Buch nicht - es komme auf die Abbildungen und Texte an. »Sofern eine Höherwertigkeit weißer Helden und eine Minderwertigkeit indigener Stämme vermittelt wird, ist es richtig, so ein Buch zurückzuziehen«, sagt sie. Werde Historie umgeschrieben oder falsch dargestellt, gelte das genauso. »Welche Figuren werden mit welchen Eigenschaften bestückt?« Dienten also Inhalte zum Lernen von klein auf zur Reproduktion von Vorurteilen, Zuschreibungen, Diskriminierungen und Rassismen, so sei dies falsch. Die Romantisierung der Eroberung Amerikas, der jahrhundertelange Kolonialismus mit Ausbeutung, Folter, Ausrottung und Erniedrigung hätten bei den Betroffenen tiefe Spuren hinterlassen. Daher bedürfe es eines sensiblen, differenzierten Umgangs mit der Thematik.

Ausländerbeirat spricht von »positiver Diskriminierung«

Karl May bediente in seinen Abenteuerromanen viele Klischees und bildete keine reell existierenden Kulturen ab. Laut Prof. Rebecca Riall (Northwestern State University of Louisiana, USA) fühlen sich »Native Americans« von solchen Darstellungen teilweise beleidigt. Wie Riall ausführt, bestehe im größten Teil der Welt vielfach die Auffassung, als gehörten Indianer einer einzigen Kultur an, die im 19. Jahrhundert untergegangen sei. Das sei aber falsch. Wahr ist laut Rebecca Riall, dass es sich um »über 500 unterschiedliche Nationen mit eigenen Sprachgruppen, Religionen und Glaubensvorstellungen« handle, die auch weiterhin existieren.

Diese Darstellung von Indianern, auch wenn sie schmeichelhaft sei (so wie bei »Winnetou«), könne dazu führen, heutige Natives »als verzerrte Echos der echten Indianer« zu sehen - und somit zu einem unbeabsichtigten Rassismus. Etwas Ähnliches ist laut der Bad Vilbeler Ausländerbeiratsvorsitzenden Isil Yönter die sogenannte »positive Diskriminierung«. Die ziele darauf ab, eine Person zu idealisieren, zum »zivilisierten Freund« zu erklären und für das eigene Weltbild zu vereinnahmen. »Wohingegen die anderen seiner Gruppe zu ›Bösewichten‹ abgestempelt werden.« (Petra Ihm-Fahle)

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