1. Gießener Allgemeine
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Wetterau: Kann Vermarktung regionaler Produkte Probleme der Bauern lösen?

Erstellt:

Von: Jürgen W. Niehoff

Kommentare

bg_KA_MIT-Podiumsdiskussion
Das Ehepaar Daniela und Michael Vogler (Bildmitte) berichtet den Teilnehmern der Podiumsdiskussion, wie es aus seinem Hof einen Erlebnis-Bauernhof gemacht hat. © Jürgen W. Niehoff

Kann die Vermarktung regionaler Produkte die Probleme vieler Bauern lösen? Während einer Podiumsdiskussion in Altenstadt suchte der Kreisverband Wetterau der Mittelstands- und Wirtschaftsunion nach einer Antwort auf die Frage.

Die vergangenen Jahre als Landwirte seien sehr schwer gewesen. Und nur durch Zufall habe sich in jüngster Zeit ein zweites Standbein aufgetan, mit dem es um die Zukunft ihres rund 150 Hektar großen Landwirtschaftsbetriebs mit etwa 100 Rindern besser bestellt sein könnte: der Tourismus. Das erklärten Daniela Vogler und ihr Ehemann Michael, als sie die 30 Teilnehmer einer vom Kreisverband Wetterau der Mittelstands- und Wirtschaftsunion organisierten Podiumsdiskussion zum Thema »Regionalität und Landwirtschaft« über ihren Erlebnis-Bauernhof in Altenstadt führten.

Die Familie Vogler hält seit etwa zwei Jahren sechs Alpakas und sechs Esel. Für Erwachsene, die entschleunigen wollen, und für Kindergeburtstage bietet sie Wanderungen mit den Tieren an. Die Alpaka-Touren hätten sich mittlerweile zu einem wahren Renner entwickelt, es gebe eine lange Warteliste, berichtete das Ehepaar. Und das, obwohl sie erst seit dem vergangenen Jahr angeboten würden.

Wetterau: Wenig Zustimmung für Zertifizierung

»Ein mittelgroßer Hof ernährt heute kaum noch eine Familie, wenn alle auf dem Hof arbeiten und von ihm leben wollen«, sagte Michael Vogler. Er arbeitet daher seit Jahren als Betriebsleiter einer benachbarten Biogasanlage.

Dass das Leben in und von der Landwirtschaft schwieriger geworden sei, betonte anschließend auch Julia Kraushaar, Geschäftsführerin der MGH Gutes aus Hessen GmbH. Diese verteilt die Herkunfts- und Qualitätssiegel »Bio aus Hessen« und »Geprüfte Qualität - Hessen«. Regionalität, also die Vermarktung regionaler Produkte, könne der Schlüssel zur Lösung der Probleme sein, sagte Kraushaar. Dafür müssten sich die Betriebe zertifizieren lassen.

Das wiederum stieß bei den Teilnehmern der Diskussionsrunde auf wenig Gegenliebe. »Wir kämpfen doch jetzt schon mit der immer größer werdenden Bürokratie. Welcher Landwirt sitzt täglich gern drei Stunden am Schreibtisch und vernachlässigt in dieser Zeit seinen Acker«, sagte etwa Kreislandwirt Michael Schneller.

Wetterau: Politik sei keine große Hilfe

Der größte Teil der Anwesenden stimmte ihm zu. Hinzukomme, dass sich die Betriebe im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen jeder Bauernhof Rinder, Schweine und Hühner hielt sowie Ackerbau betrieb, im Zuge der Regionalität immer mehr spezialisieren müssten.

Keine große Hilfe sei in diesem Zusammenhang die Politik. Da mangele es vor allem an Verlässlichkeit. »Wenn ich einen neuen Weg gehe, muss ich investieren. Dafür benötige ich aber Planungssicherheit über einen größeren Zeitraum hinweg. Wenn aber die Politik alle paar Jahre neue Ziele vorgibt, dann ist das wenig hilfreich«, sagte Klaus Volker Reuhl, Inhaber des Betriebs »Wetterauer Früchtchen«.

Wetterau: Regionalität in der Nische

Und es gebe noch ein Problem. Mehr Regionalität könne für manchen landwirtschaftlichen Betrieb zwar die Lösung sein, gerade in der Nähe von Ballungsräumen mit vielen zahlungskräftigen Kunden. Doch wegen der während der Corona-Pandemie gemachten Erfahrung zu glauben, dass Regionalität alle Probleme der Landwirtschaft lösen könne, sei voreilig. Denn wenn durch eine Inflation Lebensmittel dauerhaft viel teurer würden, hätten regionale Produkte das Nachsehen gegenüber günstigeren Produkten ohne regionale Attribute. Dafür sorgten die großen Handelsketten mit ihren Discountern und Billigangeboten.

»In der Nische kann Regionalität gut funktionieren, doch der Schritt in die Breite ist eine gewaltige Herausforderung, die nicht leicht zu meistern ist. Dafür sorgen oft auch die Unterbrechungen regionaler Lebensmittelketten, wie beispielsweise die Schließung der Thylmann-Mühle in Schöneck vor wenigen Jahren oder des Schlachthofes in Büdingen. Man kann also sagen, dass Regionalität kein Selbstläufer ist und auch nicht alle Probleme der Landwirtschaft löst«, stellte Raif Thoma, Vorsitzender des Kreisverbands Wetterau der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, fest.

Vor der Diskussion sprach sich die Mittelstandsunion dafür aus, dass die Diplom-Ökonomin und Bad Nauheimer CDU-Stadtverbandsvorsitzende Annette Wetekam und der Agrarwissenschaftler Leon-Clemens Sehrt, Vorsitzender der CDU Reichelsheim, für die Wetterauer Union bei der nächsten Landtagswahl antreten sollen. VON JÜRGEN W. NIEHOFF

Auch interessant

Kommentare