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Wenn Männer die Not geflüchteter Frauen ausnutzen wollen

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Der großen Hilfsbereitschaft steht die Gefahr gegenüber, dass Frauen aus der Ukraine auch Situationen wie diesen ausgesetzt sein könnten. SYMBOLFOTO: IMAGO © Red

Um ein Dach über dem Kopf zu haben, müssen viele geflüchtete Menschen aus der Ukraine bei Fremden unterkommen. Wie gefährlich kann das im Zweifelsfall sein, beispielsweise für junge Frauen?.

Suche ukrainische Frau zum Heiraten.« Diese sinngemäß wiedergegebene Äußerung wurde nicht im Wetteraukreis getätigt, aber in einer großen Facebook-Gruppe, die sich der Wohnraumsuche für geflüchtete ukrainische Menschen verschrieben hat. In Minutenschnelle war das Heiratsgesuch wieder verschwunden - solche unverblümten Sprüche sind denn auch die absolute Ausnahme in der Gruppe. Gleichwohl sprach die WZ mit der Ersten Kreisbeigeordneten Stephanie Becker-Bösch (SPD), um sie zu fragen, ob und wie sie sexistisches Verhalten gegenüber weiblichen Geflüchteten wahrnimmt. Auch der Wetteraukreis vermittelt über das Kreishaus und die Kommunen Wohnraum.

Zunächst zurück zu der Facebook-Gruppe, in der oft Männer aus der Bundesrepublik ein Wohnraumgesuch beantworten, wenn die geflüchtete Ukrainerin jung und attraktiv ist. Oft geht es bei Wohnangeboten nicht um abgeschlossene Appartements, sondern zahlreiche Bürgerinnen und Bürger bieten gastfreundlich ein Zimmer innerhalb der eigenen Wohnung oder des eigenen Hauses an. Wohnungen sind knapp, die Menschen wollen helfen. Viele Geflüchtete stranden bei Freunden und Verwandten. Für Städte und Gemeinden sind private Unterbringungen insofern eine gute Lösung, da sie weniger kommunale Notunterkünfte bereitstellen müssen. Daher beschwert sich ein Großteil der Männer vermutlich berechtigterweise, wenn andere Internetnutzer ihre Hilfsbereitschaft durch Sprüche herabwürdigen.

Dann schrillten die Alarmglocken

Die Frage, was der eigentliche Grund für das Entgegenkommen ist, wird in der Facebook-Gruppe allerdings immer wieder diskutiert. Sind geflüchtete Frauen aus der Ukraine in Gefahr, als »leichte Beute« betrachtet zu werden? Die Informationen über versuchten Menschenhandel waren erschreckend. Doch was ist mit den Fällen, die sich in einer Grauzone bewegen? Wenn alleinstehende Herren, die sich insgeheim eine Partnerin wünschen, ihrem Gast vor dem Fernseher näher rücken?

In der Wohnungsbörse des Wetteraukreises wird anders gesucht und vermittelt. Welchen Eindruck hat Becker-Bösch, bei aller ernst gemeinten Hilfsbereitschaft, von der Angemessenheit manch einer Offerte? »Es stellte sich tatsächlich auch für mich relativ schnell heraus, dass Wohnungsangebote kamen, in denen stand: ›Ich möchte aber nur eine Frau, die zwischen 30 und 50 ist, blond und blauäugig.‹ Wir hatten auch spezifische Anfragen wie ›Ich möchte nur Kinder in einem bestimmten Alter mit aufnehmen‹«, schildert die Sozialdemokratin. Wie sie berichtet, hatte der Wetteraukreis kaum seine Wohnungsbörse eingerichtet, als auch schon weit über 400 Wohnungsangebote eingingen. »Da waren auch sehr skurrile Angebote dabei, was bei mir sämtliche Alarmglocken schrillen ließ.« Die Behörde ging daher schnell dazu über zu sagen: »Wenn wir diese Wohnungen als Wetteraukreis an ukrainische Geflüchtete weitergeben, wird ein Team aus unserer zuständigen Fachstelle vorab diese Wohnungsangebote in Augenschein nehmen.« Dabei vermerken die Mitarbeitenden auch eine Kurzinformation in einer Akte, um sicherzugehen, »dass zumindest der erste Anschein nichts Verwerfliches mit sich bringt«.

Den Weg über die Behörde gehen

Am liebsten sind dem Kreis laut Becker-Bösch abgeschlossene Wohnungen. Einlieger- oder Etagenwohnungen, aber auch kleine Häuser, um die Risiken so gering wie möglich zu halten. »Ich hatte vor zwei Wochen ein langes ausführliches Gespräch mit Vertretern des Polizeipräsidiums Mittelhessen und des Polizeidistrikts Wetterau, wo ich es entsprechend noch mal angesprochen habe«, betont Becker-Bösch. Sie will ausschließen, dass sich Frauen in zwielichtigen Situationen wiederfinden und nur aufgrund von Dankbarkeit nicht adäquate Annäherungsversuche tolerieren. Von Gastgebern sei so etwas zu unterlassen. Die Erste Kreisbeigeordnete empfiehlt Geflüchteten, den offiziellen Weg zu gehen und über die Behörde zu suchen. »Bei uns wird gesammelt und aufgenommen. Wenn jemand wohnungssuchend ist, kann er zu seiner Stadt gehen und sagen: ›Ich brauche eine Wohnung.‹« Die Kommune erhalte jeden Morgen die neuen Angebote des Wetteraukreises und könne darauf zugreifen.

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