Vorsicht Rutschgefahr: Eiszeit in der Wetterau

Friedberg/Bad Nauheim (jw). Blitzeis in der Wetterau: Wer am Donnerstag früh raus musste, begab sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Glatteis. Nichts mehr ging, mit dem Ergebnis, dass bis zum Mittag gähnende Leere auf der Kaiserstraße und in der Bad Nauheimer Innenstadt herrschte.

Glatteis am Morgen bringt Kummer und Sorgen: Gerade einmal 24 Kunden hat Christian Herrmann von der Friedberger Buchhandlung Bindernagel von 9 bis 11.30 Uhr gezählt. "Das ist nicht viel", sagt der Seniorchef, hat aber eine "lyrische" Empfehlung parat: "Bei Schnee und Eis und Hagel - geh’ zu Bindernagel. Bücherlesen ist bei jedem Wetter ungefährlich", empfiehlt Hermann. Nur: Wie kommt man von zu Hause ins Geschäft? "Ich habe mir Socken über die Schuhe gezogen. Das funktioniert, man rutscht nicht."

Doch die Socken saugen sich nach einiger Zeit mit Eis und Wasser voll. Besser sind Schuhkrallen. "Die Nachfrage ist gro?, sagt Marc Spahr, Juniorchef des gleichnamigen Schuhgeschäfts in der Bad Nauheimer Parkstraße. 25 Euro kosten die Gummibänder mit Spikes und Schneeketten, die einfach über die Schuhe gezogen werden. Eine 74-jährige Bad Nauheimer, die gerade vom Johannisberg kommt, trägt die Schuhkrallen seit 30 Jahren. "Damit ist man absolut sicher", erzählt sie. Klack-klack macht es auf dem Bürgersteig, als sie ihren Weg fortsetzt, während die Passanten ringsum mit Stöcken oder an den Hauswänden Halt suchen.

In Bad Nauheim ist besonders die Altstadt ein gefährliches Pflaster. Gletscherzungen bedecken manche Gassen. Einem macht das wenig aus. "Ich bin ja Eis gewohnt", lacht Rolf "Pilo" Knihs. Aber auch der Ex-Eishockey-Nationalspieler und Marktplatz-Wirt findet das Wetter "brutal". Sein Tipp: "Hände aus den Hosentaschen." Damit man sein Gleichgewicht hält.

Besonders für ältere Menschen ist Blitzeis gefährlich, selbst wenn sie mit dem Rollator unterwegs sind, wie eine 77-Jährige am Marktplatz sagt. "Man muss sich krampfhaft festhalten. Der Rollator lässt sich dann schwer lenken." Hätte sie nicht zur Ärztin gemusst, wäre sie zu Hause geblieben. Ihr direkter Weg führt über den Marktplatz, doch der gleicht einem Gletscherfeld. "Da hätte schon viel früher der Schnee geräumt werden müssen", schimpft ein Anwohner. Eine Frau, die dort am frühen Morgen ihr Auto abgestellt hatte, rutschte mit dem Heck gegen den Brunnen. So viel sie die Räder auch durchdrehen ließ, an ein Fortkommen war einfach nicht zu denken.

Keine Schneeschieber, kein Streusalz

Wer mit einem neuen Eiskratzer den Bürgersteig räumen will, hat derzeit Pech. Alles ausverkauft. "Ich habe im Dezember beim Händler angerufen. Die haben sich erst gar nicht namentlich gemeldet, sondern am Telefon gleich gesagt: ›Keine Schneeschieber, kein Streusalz, keine Schlitten!‹", erzählt Josef Steinhorst vom gleichnamigen Eisenwarengeschäft in der Friedrichstraße. Selbst Stiele für Schneeschaufeln sind nicht lieferbar, weil eine Fabrik abgebrannt ist. "Es hieß, wenn wir Glück hätten, bekämen wir eine Zuteilung."

In der Parkstraße ist Briefträger Bernd Saltenberger unterwegs. "So ein extremes Eis habe ich in über 25 Jahren noch nicht erlebt", sagt er. Morgens vor dem Dienst trägt er die WZ aus, in vielen Haushalten kam die Zeitung gestern erst später oder gar nicht an. "In den Nebenstraßen war es einfach nicht möglich, mit dem Auto zu fahren", sagt Saltenberger. Kein Problem ist das Glatteis indes für Hunde. "Die haben vier Beine und daher einen Riesenvorteil gegenüber uns Menschen", erzählt ein Spaziergänger im Kurpark.

Ein anderer Spaziergänger wundert sich, dass der Schnee nicht früher geräumt wurde. Er stammt aus Lettland, dort sei der Schnee stets sofort mit Lastern weggefahren worden. "Jetzt sind die Schneehaufen festgefroren. Wenn dann Blitzeis dazukommt, wird’s nunmal gefährlich."

Trotz Blitzeis waren auch gestern einige Pendler mit dem Fahrrad zwischen Friedberg und Bad Nauheim unterwegs. Eine riskante Sache. "Die Brücke über die B 3 zwischen Burgfeld und Brückbauer war oben spiegelglatt. Über dem ausgestreuten Splitt lag eine feste Eisschicht", erzählt ein 25-jähriger Fauerbacher. Auf der Kaiserstraße gibt’s das gleiche Problem, "doch es taut allmählich", berichtet ein Anwohner. "Auf den Parkplätzen stehen riesige Pfützen. Aber wo der Schnee festgefroren ist, ist es spiegelglatt." Für das Blitzeis könne keiner was, sagt seine Frau, "aber die Stadt hätte vorher die Nebenstraßen räumen müssen. Die Hospitalgasse wird überhaupt nicht geräumt." Immerhin hat ihr Mann vorgesorgt: "Zwischen den Jahren habe ich im Baumarkt noch sechs Eimer Streusalz ergattert."

Gebrochene Handgelenke und tonnenweise Salz-Splitt

Die spiegelglatten Gehwege am Donnerstagmorgen blieben nicht ohne Folgen: Im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus wurden bis zum Mittag rund 20 Sturzopfer versorgt. Die schlimmste Verletzung sei eine Sprunggelenksfraktur gewesen, sagte Nicole Hübner von der chirurgischen Ambulanz. "30 Leute ohne Anmeldung waren da", berichtete Dr. Karl Josef Gruber, Leiter der chirurgischen Praxis am Bürgerhospital. Und das bereits bis 13 Uhr. Vier gebrochene Handgelenke mussten eingerenkt werden, zwei Sprunggelenksbrüche und mehrere Kopfverletzungen wurden versorgt.

Auch die Rettungsdienste waren mehrfach im Einsatz. "Wir hatten rund 15 Stürze", berichtete Ingo Kirchner von der Leitstelle Wetterau. "Verdacht auf Knochenbrüche, aber nichts dramatisches", versicherte er. Verkehrsunfälle gab es hingegen kaum. "Ich habe Schlimmeres erwartet, als ich heute Morgen aus dem Haus bin." Die Autofahrer seien sehr umsichtig unterwegs gewesen.

Das bestätigte auch Erich Müller von der Polizei Friedberg. Nur zwei Unfälle im Kreisgebiet waren den Ordnungshütern bis Mittag bekannt. Bei einem wurden zwei Pkw-Fahrer leicht verletzt, bei dem anderen blieb es beim Sachschaden. "Die Streudienste haben sehr gut gearbeitet", betonte Müller.

"Wir sind seit halb fünf unterwegs", sagte Volker Schutt vom Friedberger Bauhof. Auf den Gehwegen sei es extrem glatt gewesen, sein Team habe Granulat gestreut. Das trete sich fest und biete dadurch eine rutschfeste Oberfläche. Bereits seit Wochen seien die Bauhofmitarbeiter unermüdlich im Einsatz. Trotz dieses Eifers kamen gestern in Friedberg viele zu spät oder gar nicht zur Arbeit, nicht nur bei Firmen und Geschäften, sondern auch im Rathaus, wie die WZ erfuhr.

Witzel: Das gibt einen teuren Winter

Die Mitarbeiter des Kur- und Servicebetriebs (KuS) seien extrem gefordert, sagte Bad Nauheims Bürgermeister Bernd Witzel. "Das gibt einen teuren Winter." Seit 6 Uhr morgens arbeite sein Team auf Hochtouren, bestätigte der stellvertretende KuS-Leiter Volkmar Dörn. 40 Leute waren im Einsatz, 20 Tonnen eines Gemischs aus Salz und Split wurden gestreut.

Auf den Bundes-, Landes- und Kreisstraßen habe man in der Nacht zum Donnerstag ab 2 Uhr dem Eis mit einem Gemisch aus Salz und Lauge den Garaus gemacht, berichtete Thomas Espenheim, Chef der Friedberger Straßenmeisterei. "40 bis 50 Tonnen sind draufgegangen." Er hat gehört, dass in einigen Skigebieten auf Schnee gewartet wird. "Wir sind da nicht geizig, die können gerne was von uns haben", sagte Espenhain lachend. Nicht das Fahren sei bei der Eisesglätte das Problem, sondern das Anhalten, und das gelte auch für Streufahrzeuge. "Obwohl wir gute Winterreifen haben." Noch sei reichlich Salz vorhanden. "Trotzdem hoffe ich auf Tauwetter", gestand Espenhain.

Auch der öffentliche Nahverkehr hatte mit dem Blitzeis zu kämpfen: Einige Buslinien der VGO fielen am frühen Morgen aus. "Die Hauptstraßen sind frei, aber die Nebenstraßen nicht", sagte VGO-Mitarbeiterin Barbara Sondergeld. Deshalb konnten einige Haltestellen nicht angefahren werden, darunter die Kaichener Kirche und die Assenheimer Schule. In Butzbach gab es mit einigen Linien Probleme, um 10 Uhr sei der Verkehr aber wieder gerollt. "Nicht immer pünktlich, aber das kann bei dem Wetter ja auch keiner erwarten."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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