1. Gießener Allgemeine
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Feuerwehr, Strom, Gas: So soll die Versorgung in der Wetterau trotz Omikron gesichert bleiben

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christoph Agel

Kommentare

Die Heizung soll schon funktionieren, wenn es draußen richtig kalt ist. Doch was wäre, wenn die Omikron-Variante des Coronavirus zu massiven Personalausfällen bei Energieversorgern führen würde? Wetterauer Unternehmen erklären, wie sie dramatische Szenarien verhindern wollen.
Die Heizung soll schon funktionieren, wenn es draußen richtig kalt ist. Doch was wäre, wenn die Omikron-Variante des Coronavirus zu massiven Personalausfällen bei Energieversorgern führen würde? Wetterauer Unternehmen erklären, wie sie dramatische Szenarien verhindern wollen. © IMAGO/MICHAEL GSTETTENBAUER

Die kritische Infrastruktur darf nicht ausfallen, auch nicht wegen der Omikron-Welle. Wetterauer Energieversorger, Feuerwehr und Polizei erklären, was sie alles tun, um ganz üble Szenarien zu verhindern.

Die harten Stromausfälle in Bad Nauheim sind ein paar Jahre her, in letzter Zeit gibt es kaum Grund zum Klagen. Man stelle sich aber mal vor, der Strom fällt lange aus. Die Heizung auch. Weil Corona im Personal des Energieversorgers wütet und es somit an Fachleuten fehlt, die die Systeme am Laufen halten. Das kann ärgerlich und auch gefährlich werden. Was tun Energieversorger dafür, dass solch ein Szenario nicht Wirklichkeit wird?

Ab wann es kritisch wird

Bei den Stadtwerken Bad Nauheim würde die kritische Lage eintreten, falls etwa 20 bis 30 Prozent der Gesamtbelegschaft gleichzeitig ausfallen würden und dies auch zu Engpässen in der Besetzung des Bereitschaftsdienstes im Entstörungsmanagement führen würde, macht Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Thorsten Reichel deutlich. Aber: »Durch unsere bestehenden Notfall-Maßnahmenplänen gehen wir aktuell davon aus, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt.« Es gebe je nach Lage mehrstufige Notfallpläne über alle Bereiche der Stadtwerke hinweg - zum Beispiel in Form von Umstellung auf Zweischichtbetrieb. Bei dem Versorgungsunternehmen arbeiten etwa 90 Menschen, davon circa 40 im Bereich Netze.

Was der kritischste Bereich ist

»Wir müssen nichts Neues erfinden« sagt Joachim Arnold, Vorstandsvorsitzender des in Friedberg ansässigen Energieversorgers Ovag. Für alle Bereiche der kritischen Infrastrukturen in der Ovag-Unternehmensgruppe gebe es Pandemiepläne. Also für alle Kunden in den Bereichen Wasser, Strom und Gas. »Der kritischste Bereich, wo alle Steuerungen der Infrastrukturnetze zusammenlaufen, ist die Verbundleitstelle der Ovag«, erläutert Arnold. Von dort aus werde die Versorgung mit Strom und Wasser geregelt. »Wenn da nicht mehr genügend spezialisierte Fachkräfte wären, die diese Leitstelle bedienen könnten, dann würde es zu großen Problemen führen.« Die Leitstelle muss beispielsweise beim Steuern permanent darauf achten, dass zwischen dem Strom, der ins Netz eingespeist wird, und dem, der entnommen wird, ein Gleichgewicht herrscht. Ansonsten würde die Energieversorgung zusammenbrechen und keinem Kunden stünde mehr Strom aus dem Netz zur Verfügung.

Um die Infektionsgefahr so niedrig wie möglich zu halten, habe die Ovag früh Mitarbeitern die Grundimpfung über die hauseigene Betriebsärztin ermöglicht, das gelte auch für das Boostern, sagt Arnold. Die Mitarbeiter in der Leitstelle sind seit Corona getrennt voneinander, je nachdem, ob sie für die Wasser- oder die Stromversorgung zuständig sind. Im Wartungs- und Reparaturbetrieb wurden kleinteilige Teams zusammengestellt, die unter sich bleiben. »So dass im Fall der Fälle immer nur eine kleine Einheit ausfällt«, erläutert Arnold, der insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt lobt.

Mit Netzen in Europa verflochten

Was aber wäre, wenn die kritische Infrastruktur trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von der Omikron-Welle überrollt würde? »Der extremste Fall wäre - und davon sind wir derzeit noch weit entfernt -, dass die Leute quasi kaserniert werden müssten, dass sie gar nicht mehr die Leitstelle verlassen dürften«, sagt Arnold. Denn klar sei: »Wenn wir als Versorger ausfallen, fallen auch alle anderen kritischen Infrastrukturen aus.« Zum Beispiel Krankenhäuser, deren Notstromaggregate nur eine gewisse Zeit überbrücken könnten.

Bisher sei die Versorgung der Kunden nicht durch die Pandemie beeinträchtigt worden, sagt der Ovag-Vorstandsvorsitzende. Im vergangenen Jahr wurden zeitweise in den Bereichen Wasser und Strom Schichtpläne gefahren, so dass bestimmte Personengruppen innerbetrieblich nicht mehr in Kontakt miteinander kommen konnten. »Da sind wir jetzt noch nicht. Wir beobachten genau, was um uns herum und im Betrieb passiert, und passen möglichst zeitnah und präventiv unsere Pläne und Pandemiemaßnahmen so an, dass wir das Ziel der nachhaltigen Sicherstellung der Versorgung erreichen können.«

Laut Arnold arbeiten bei der Ovag-Gruppe circa 400 Menschen, etwas mehr als die Hälfte der Belegschaft ist in den kritischen Infrastrukturbereichen der Wasser-, Strom- und Gasversorgung tätig, »Alles, was menschenmöglich ist, machen wir«, sagt Arnold. Er sagt aber auch, dass die Ovag nicht unabhängig von der Außenwelt sei: »Wenn die mit uns verflochtenen überregionalen Netze in Deutschland oder Europa ausfallen würden, würde dies auch in unserem Netz geschehen.«

Einheitliches Schichtdienstmodell bei der Polizei

»Die hessische Polizei hat bereits mit Beginn der Corona-Pandemie eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Kolleginnen und Kollegen zu schützen und die Einsatzbereitschaft jederzeit sicherzustellen. Die Funktionsfähigkeit der hessischen Polizei ist somit an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt in Hessen gewährleistet«, macht Tobias Kremp, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, deutlich. Zum Bereich des Polizeipräsidiums zählt auch die Polizeidirektion Wetterau, in der 313 Polizeibeamtinnen und -beamte arbeiten. »Damit die Polizei kein größerer Personalausfall durch Corona trifft und die Handlungsfähigkeit unter anderem auch bei der Wetterauer Polizei sichergestellt ist, wurde mit Beginn der Pandemie ein landesweit einheitliches Schichtdienstmodell eingeführt«, erläutert Kremp. Dieses stelle sicher, dass Dienstgruppen möglichst wenig Überschneidungen haben und nicht in Kontakt kommen.

Lob für Disziplin bei Feuerwehren

Auf Schichtbetrieb kann Kreisbrandinspektor (KBI) Lars Henrich nicht setzen, denn die 3804 Frauen und Männer in den Wetterauer Feuerwehr-Einsatzabteilungen engagieren sich allesamt ehrenamtlich. Henrich kann also froh sein, wenn in den einzelnen Städten und Gemeinden die Tagesalarmbereitschaft gesichert ist, da ja nicht jede Einsatzkraft dort arbeitet, wo sie wohnt, und dann im Notfall auch ausrücken kann. In diesen Tagen komme den Wehren aber zugute, dass viele Menschen Urlaub haben und wegen der Pandemie nicht verreisen, dadurch im Fall der Fälle also einsatzbereit wären, sagt Henrich.

Schon seit einiger Zeit gebe es Einschränkungen bei den Feuerwehren in der Wetterau: Keine Präsenzausbildung, dafür nur noch Theorie auf digitalem Wege. Besatzungen werden, wenn es geht, auf sechs Leute pro Fahrzeug begrenzt, damit es möglichst keine Durchmischung und damit weniger Ansteckungsmöglichkeiten gibt. KBI Henrich lobt in diesen schweren Zeiten seine Kameradinnen und Kameraden: »Die Disziplin bei den Feuerwehren war in der gesamten Pandemiezeit vorbildlich.« Die Einsatzbereitschaft sei nicht eingeschränkt. Und: »Die Impfbereitschaft und die Boosterbereitschaft in den Feuerwehren sind natürlich sehr hoch.«

Zur Not wohnt man im Feuerwehrhaus

Sollten all die bisherigen Vorsichtsmaßnahmen nicht greifen und Omikron auch im Feuerwehrwesen großflächig sein Unwesen treiben, dann müsste dennoch alles dafür getan werden, dass im Fall der Fälle eine schlagkräftige Truppe ausrücken könnte. Da wäre es eine Option, dass fünf geimpfte und dennoch infizierte Einsatzkräfte, die keine Symptome haben, gemeinsam in einem Fahrzeug sitzen. Der letzte Schritt sähe laut KBI folgendermaßen aus: »Man besetzt ein Feuerwehrhaus mit Ehrenamtlichen rund um die Uhr.« Die Aktiven würden dann im Stützpunkt wohnen und arbeiten beziehungsweise sich bereit halten. Jedes Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr habe rein formal einen gesetzlichen Freistellungsanspruch unter Berücksichtigung der Prioritäten, erklärt Henrich. Die Kommune erstatte den Lohnausfall, das gelte auch jenseits der Pandemie. Klar sei auch, sagt der KBI mit Blick auf Extrem-Szenarien, dass man sich bei Gleichzeitigkeit von Ereignissen entscheiden müsse: »Der Dachstuhlbrand im Wohnhaus geht vor der Ölspur im Ortsbereich.«

Auch interessant

Kommentare