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Viele Ideen für das neue Konzept der Volksbank Mittelhessen stammen von den Mitarbeitern und wurden von den Vorständen Dr. Peter Hanker (l.) und Dr. Lars Witteck "nur noch durchgewunken".

Keine Negativzinsen

Volksbank Mittelhessen stellt sich neu auf und erhöht Gebühren

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"Change the Bank!" heißt ein Projekt der Volksbank Mittelhessen, mit dem sich das Kreditinstitut bis 2023 neu aufstellen will, ohne dabei alte Werte zu verlieren. Es wird keine Negativzinsen für private Sparer geben. Aber: Einige Gebühren werden steigen.

Es gäbe ein Menge zu jammern, sagt Dr. Lars Witteck, Vorstand der Volksbank Mittelhessen. Draghi und die Zinsen, Kostendruck, Regulatorik und die Konkurrenz durch Online-Banken. "Dass es keine Zinsen mehr gibt, trifft regionale Banken hart. Wir haben ein konservatives Geschäftsmodell: In der Region Einlagen aufnehmen und als Kredite weitergeben. Wenn es keine Zinsen gibt, fühlen wir uns wie Hersteller von Ölheizungen, die jetzt erfahren haben, dass man bald keine Ölheizung mehr einbauen darf", sagt Witteck. Banker und Heizungsbauer haben ein Problem. Ihr bisheriges Geschäftsmodell ist ins Wanken geraten. "Es ist, wie es ist. Wir werden das nicht ändern. Aber wir wollen auch nicht mehr jammern. "Es reicht", sagt Witteck. Er kündigt an: "Die Volksbank geht in die Offensive."

Was tun? "Wir haben uns zuerst die Frage gestellt, was wir auf keinen Fall tun wollen", sagt Vorstandssprecher Dr. Peter Hanker. Negativzinsen an private Sparer weitergeben? Das Filialnetz radikal zusammenstreichen? Betriebsbedingte Kündigungen aussprechen? "Das kam für uns alles nicht infrage."

Die neue Strategie der Volksbank, die in dem Projekt "2023 - Change the Bank!" von mehr als 100 Mitarbeitern in über 20 Projekten erarbeitet worden ist, heißt: "Konsequente Ausrichtung auf die Kunden, intelligentes Sparen und radikale Effizienz in internen Abläufen". Zudem soll in den nächsten vier Jahren in das bestehende Filialnetz investiert werden. "Wir bleiben unserer Devise treu, dass wir in jeder Rathaus-Gemeinde in unserem Geschäftsgebiet mindestens einmal vertreten sein wollen", sagt Hanker. Um dies realisieren zu können, werde die Bank die Standorte und deren Angebote noch genauer auf die Nachfrage vor Ort zuschneiden. In Zukunft soll es daher vier Filialtypen geben: Stammhäuser, Regionalfilialen, Filialen und bis ins Jahr 2023 mehr als 40 neue sogenannte V-Points. Das werden Kleinst-Filialen mit SB-Bereich sein, in dem der Geldautomat als Kasse fungiert, inklusive einer Abwerfstation für Bargeld. "Die V-Points werden unsere kleinste Einheit. 80 Quadratmeter an frequentierten Stellen, zum Beispiel zwischen Bäcker und Supermarkt. Ein Mitarbeiter, ein Automat, ein Computer, keine offene Kasse, denn mit Kasse müssten zwei Mitarbeiter vor Ort sein", erklärt Hanker die im Vergleich zu heute deutlich abgespeckte Filialversion. "Uns war wichtig, dass ein Mitarbeiter vor Ort bleibt". Vereinzelt könne es in diesem Zuge aber auch zu Zusammenlegungen oder einem Umzug an einen neuen Standort kommen.

Die Volksbank beginnt mit zwei Testfilialen im Kreis Gießen und im Kreis Marburg-Biedenkopf. "Das wird jeweils ein Pilot. Dort wollen wir lernen, bevor wir das Konzept ab Ostern 2020 ausrollen", sagt Witteck. In Zukunft würde die Volksbank zudem in den Filialen gerne mit den jeweiligen Verwaltungen kooperieren. Man könne sich vorstellen, für eine Art Bürgerbüro Platz zu schaffen.

Konten werden teurer

Auch Preisanpassungen werden Teil der Veränderungen sein. Die Zeit, in der man Produkte verschenke, sei eben vorbei, glaubt Hanker. Das bisher ab einem gewissen Geldeingang kostenfreie Trendkonto (60 000 Kunden) werde in Zukunft 99 Cent im Monat kosten. "Das wird eine Woge der Bestürzung geben, aber wir müssen das anpassen."

Das Individualkonto, das sowohl Filial- als auch Online-Leistungen ermöglicht, steige im Preis von 3,50 Euro auf 4,95 Euro (85 000 Kunden). Und für papierhafte Belege werden Online-Kunden im neuen Jahr 2,95 Euro statt 2 Euro zahlen. Da man aber auch einen Anreiz schaffen wolle, dass Kunden in Zukunft häufiger die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzten, sei das neue Preismodell nicht nur be-, sondern unter Umständen auch entlastend, zum Beispiel bei der Nutzung digitaler Tan-Verfahren. Kurz: Ein Service, der hohe Kosten verursacht, wird höher bepreist, wo weniger Kosten anfallen, soll es für Kunden entsprechend günstiger werden.

Eine weitere gravierende Veränderung ist zudem unter dem Titel "Beyond Bank" geplant. "Durch die Digitalisierung werden wir effizienter, unsere Kreativität können wir dann dort einsetzen, wo Menschen gebraucht werden", sagt Witteck. Die Idee: Das Geschäftsmodell soll um Dienstleistungen erweitert werden, die nicht unbedingt mit Bank zu tun haben, aber Vertrauen voraussetzen. Hilfe rund ums Haus, im Alltag sowie bei Büroarbeiten, zum Beispiel bei der Kommunikation mit Krankenkassen oder Ämtern.

Keine Negativzinsen für Sparer

Eine wichtige Botschaft für private Sparer und kleine Betriebe: Die Volksbank Mittelhessen schließt Negativzinsen auch in der Zukunft "kategorisch" aus. "Negativzinsen sind mit dem Wesen einer Volksbank und dem einer öffentlich-rechtlichen Sparkasse aus meiner Sicht nicht vereinbar", sagt Vorstand Dr. Peter Hanker. Ausnahmen dieser Regelungen werden für kapitalmarktfähige Unternehmen oder institutionelle Adressen wie Versicherungen oder Stadtkassen sowie für Privatpersonen mit einem Vermögen jenseits der Millionengrenze gelten. "Andernfalls hätten wir schnell immensen Mittelzufluss, den wir nicht wieder als Kredit unterbringen könnten. Wir wollen nicht ausgenutzt werden", sagt Hanker. (mac)

Quelle: Wetterauer Zeitung

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