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Volker Kutscher im Interview: »Gereon Rath spielt nur noch die zweite Geige«

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»Es ist ein bisschen ungerecht, dass die Fernsehserie ›Babylon Berlin‹ so gut wie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, denn sie ist ja nicht die einzige Adaption meiner Romane«, sagt Autor Volker Kutscher. © IMAGO/PIPER

Mit »Der nasse Fisch« fing 2007 alles an. Seitdem lässt Autor Volker Kutscher Gereon Rath ermitteln. Kutschers neunter Krimi »Transatlantik« ist gerade erschienen. Darin wird Kommissar Rath buchstäblich zur Nebensache, was man bald in Friedberg erleben kann.

Herr Kutscher, »Transatlantik« ist der neunte Roman rund um Gereon Rath. Für jemanden, der die Reihe nicht kennt oder »nur« die Serie »Babylon Berlin« gesehen hat - kann man ohne oder nur mit wenig Vorwissen mit »Transatlantik« einsteigen?

Ja, das kann man. Mehr Lesevergnügen hat man allerdings, wenn man die ganze Reihe in chronologischer Reihenfolge liest, nicht allein wegen der Figurenentwicklung, sondern auch weil die soziale und politische Entwicklung in Deutschland zwischen den Jahren 1929 und 1937 so viel deutlicher wird.

Was dürfen die Zuhörer, die zur Lesung nach Friedberg kommen, erwarten?

Erste Leseeindrücke aus »Transatlantik« und ein bisschen Plaudern aus dem Nähkästchen des Autors.

Dieses Mal steht nicht Gereon, sondern Charlotte »Charly« Rath als Protagonistin besonders im Vordergrund. Machte das beim Schreiben einen Unterschied für Sie?

Natürlich, Charly Ritter ist ein ganz anderer Charakter als Gereon. Wobei sie jedoch merkt, dass sie sich in einigen Verhaltensweisen ihrem Mann angepasst hat - vielleicht auch anpassen muss, weil die Umstände es erfordern.

Charly ist seit Beginn der Reihe eine starke und - für die Zeitepoche, in der die Romane spielen - sehr unabhängige und selbstbewusste Frau. War es an der Zeit, dass sie noch mehr in den Vordergrund rückt?

Charly ist ja nun schon seit einigen Rath-Romanen so etwas wie eine zweite Hauptfigur, also war es sinnvoll, sie auch einmal ganz nach vorn in die erste Reihe zu stellen und Gereon nur die zweite Geige spielen zu lassen. Und ich muss sagen, das hat mir großen Spaß gemacht.

Die Romanreihe beginnt in den Goldenen Zwanzigern und zieht sich weit in die Zeit des NS. Die Bücher selbst sind voller liebevoller Details. Wie aufwendig ist die Recherche?

Ich sehe die Recherche gar nicht so sehr als Aufwand, ganz einfach, weil ich gerne recherchiere. Auch unabhängig von meiner Arbeit als Autor der Rath-Romane interessiere ich mich für die damalige Zeit und ihre Umstände; die Recherche dient also nicht nur zweckgebunden der Vorbereitung des Romanschreibens, sondern auch der Befriedigung meiner persönlichen Neugier.

Und wie verhält es sich mit historischen Personen, die in den Romanen auftreten? Wie nähert man sich diesen, um herauszufinden, was sie in ihren Szenen wohl gesagt hätten?

Man darf sich ja nichts vormachen: Sobald historische Persönlichkeiten wie Ernst Gennat oder Hermann Göring in meinen Romanen auftauchen, werden sie zu fiktiven Figuren. Allein schon, weil sie in einer fiktiven Romanhandlung auftauchen und mit fiktiven Charakteren wie Gereon oder Charlotte (Ritter) sprechen, Personen, die nie gelebt haben. Aber natürlich versuche ich, mich den jeweiligen historischen Persönlichkeiten und ihren überlieferten Charaktereigenschaften so gut wie möglich anzunähern, wenn ich sie fiktionalisiere.

Sie spielten ja gerade zu Beginn der Reihe auch mit diesen neuen und positiven Gefühlen von Aufbruch, Freiheit und Ausgelassenheit der Weimarer Jahre, die sich spätestens mit der Machtergreifung Hitlers verflüchtigen. War es spannend für Sie, diese Wendungen hin zur Zeit der Nationalsozialisten zu beschreiben?

Natürlich. Das ist ja eine Haupttriebfeder für mich, diese Romane überhaupt zu schreiben: Nachzuempfinden, wie die Zeitgenossen damals auf unterschiedlichste Art und Weise diese fatale Entwicklung Deutschlands von einem normalen Land zu einem Monster miterlebt haben.

Die Zeitläufte und Umstände korrekt und akkurat wiederzugeben ist eine Sache, Spannung zu erzeugen eine andere. Muss man da manchmal Kompromisse machen beim Schreiben?

Nein, da meine Kriminalhandlung immer fiktiv ist, muss ich da keine Kompromisse machen. Natürlich sind die Zeitumstände vorgegeben, in die die fiktive Handlung eingebettet ist, die historischen Hintergründe also. Aber solche Begrenzungen und Vorgaben regen die Kreativität meiner Erfahrung nach eher an, als dass sie sie einschränken.

»Transatlantik« spielt zu großen Teilen auch in New York und New Jersey. Geht man da anders heran als an die seinerzeit ebenfalls pulsierende Weltstadt Berlin oder gibt es Parallelen?

Das alte Berlin kenne ich eindeutig besser als das alte New York, aber die amerikanischen Schauplätze spielen im Roman ja auch keine so große Rolle wie Berlin. Ansonsten war der große Unterschied, dass Berlin damals das Zentrum einer Diktatur war und New York der Hort der Hoffnung und der Freiheit. Also das, was Berlin wenige Jahre zuvor auch noch gewesen war.

Die Romanreihe ist der Serie »Babylon Berlin« zeitlich deutlich voraus. Kommt man da manchmal in Gesprächen oder Interviews durcheinander?

Da ich an der Fernsehserie ja überhaupt nicht beteiligt bin und nur die Romanvorlagen liefere, gibt es da keinerlei Probleme. Ich bin in der Welt meiner Romane unterwegs, nicht in der der Fernsehserie.

Wie fühlt sich das an, wenn man vor dem Fernseher sitzt und eine Adaption von etwas sieht, das man selbst erschaffen hat? Und sind Sie zufrieden mit der Serie und der neuen Staffel, die ja ab diesem Jahr ausgestrahlt wird?

Ja, ich freue mich über jede Adaption meiner Romanserie. Es ist doch schön, wenn die eigene Arbeit andere Kreative inspiriert. Es ist ein bisschen ungerecht, dass die Fernsehserie so gut wie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, denn sie ist ja nicht die einzige Adaption meiner Romane. Es gibt eine wunderbare Graphic Novel des ersten Rath-Romans, es gibt gelungene Hörspiele, Theaterdramatisierungen und inzwischen sogar ein Spiel. Die aktuelle Staffel »Babylon Berlin« taucht sehr schön ins Gangstermilieu und in die Welt der Straßenkinder ein, zwei Themen, die auch im Zentrum der Romanvorlage »Goldstein« stehen.

»Transatlantik« ist das vorletzte Buch der Reihe, mit Band zehn wird sie enden. Wird der Abschied schwerfallen?

Das wird sich zeigen. Ich rechne mit gemischten Gefühlen. Zum einen werde ich mich sicherlich freuen, das gewaltige Rath-Projekt endlich zum Abschluss gebracht zu haben, zum anderen werde ich die Welt und die Figuren, die mich seit 20 Jahren begleiten, sicherlich auch vermissen. Aber so ist das ja im Leben: Abschiede gehören dazu.

Steht das Ende für Sie schon fest - oder wäre es möglich, dass die Figuren und ihre Geschichten Sie noch einmal überraschen werden?

Die Figuren überraschen mich immer wieder. Bei keinem Roman wusste ich bislang, wie er ausgeht, das entscheidet sich immer beim Schreiben, die Handlung entwickelt eine gewisse Eigendynamik. So ist jeder Roman für mich ein neues Abenteuer.

Illustrierte Erzählbände

Volker Kutscher ist am Mittwoch, 1. Februar, im Zuge der Reihe »Friedberg lässt lesen« zu Gast im Bibliothekszentrum Klosterbau in Friedberg. Die Lesung ist bereits ausverkauft.

Kutscher wurde 1962 in Lindlar im Bergischen Land geboren. Nach dem Studium arbeitete er als Tageszeitungsredakteur, bevor er sich dem Romanschreiben zuwandte. Kutscher lebt in Köln und Berlin. Seinen ersten Kriminalroman »Bullenmord« schrieb er 1996 zusammen mit Christian Schnalke. Nach weiteren im Bergischen Land angesiedelten Regionalkrimis begann Kutscher mit dem Roman »Der nasse Fisch« seine Serie um Kriminalkommissar Gereon Rath. »Transatlantik« ist Teil 9.

In einer Illustrierten Reihe der Berliner Künstlerin Kat Menschik erschien 2017 der Erzählband »Moabit«, der ein Ereignis aus der Jugend von Gereon Raths großer Liebe Charlotte Ritter schildert. 2021 erschien »Mitte«, eine von Menschik illustrierte Erzählung in Briefen, die Friedrich Thormann, den ehemaligen Pflegesohn der Raths, im Herbst 1936 begleitet.

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