Hormann

Vögel in Gefahr

Vögel füttern auch im Sommer?! Drei Wetterauer Experten klären auf

Vögel füttern, nicht nur im Winter: Unter Naturschützern und Ornithologen ist das stark umstritten. Dabei ist das Vogelhaus eigentlich Nebenkriegsschauplatz.

Vögel füttern auch im Sommer? Selbstverständlich - geht es nach den Briten. Dort hat das Füttern Tradition - nicht nur im Winter. Immer mehr Experten tendieren zur Ganzjahresfütterung. Eine aktuelle britische Langzeitstudie kommt sogar zu dem Ergebnis, dass sich die Artenvielfalt in Städten mit vielen Futterstationen deutlich erhöht. Trotzdem wird das Thema auch sehr kontrovers diskutiert. Einige Ökologen vermeiden das Füttern sogar ganz, um nicht in die Natur einzugreifen. Doch was ist nun richtig? Vögel füttern oder nicht, und vor allem wann? Drei Experten aus der Wetterau klären auf und verraten, worauf es wirklich ankommt.

Wenn füttern, dann richtig:Frank-Uwe Pfuhl füttert die Vögel in seinem Garten bereits seit zwei Jahren durchgehend. "Seitdem kann ich sowohl mehr Arten als auch überdurchschnittlich viele Bruten bei mir entdecken", sagt der Leiter der NABU-Regionalstelle Wetterau. Für den Assenheimer kommt es einer moralischen Pflicht gleich, die Vögel das ganze Jahr bei ihrer Futtersuche zu unterstützen. Die milden Winter seien gar nicht mehr das Problem. Vor allem im Frühjahr, zur Aufzucht der Jungen, bräuchten die Vögel mehr energiereiche Nahrung. Vor dem Hintergrund des Insektensterbens nähmen sie dafür vermehrt weite und kräftezehrende Strecken in Kauf. Ein Mehraufwand, der auch zur Verendung führen könne. Eine Zufütterung sei darum unabdingbar, sollte aber auch richtig gemacht werden, um den Nutzen größer als den Schaden zu halten. "Vogelfütterung hat in den vergangenen Jahren schon zu einem massiven Vogelsterben geführt", sagt Pfuhl. Wer viele Vögel an einer Stelle versammle, erhöhe die Ansteckungsgefahr - vor allem im Sommer. "Vögel sollten beim Fressen auf gar keinen Fall in ihrem eigenen Kot stehen", sagt der Umweltschützer. Offene Vogelhäuser seien zwar hübsch, aber vor allem gefährlich. Er empfiehlt darum zu jeder Jahreszeit frei hängende Silos. Die und auch Vogeltränken und -bäder sollten regelmäßig gesäubert werden. Weiterer Knackpunkt: das Futter. Mit einem zertifizierten Futter sei man immer auf der sicheren Seite. Damit schleppe man auch keine fremden Pflanzen ein.

Bewusstsein für Artenschutz schaffen:Viktoria Mader beginnt erst im Herbst mit der Fütterung. "In meinem Garten gibt es aber auch einige Obstbäume und Wildblumen. Ganzjahresfütterung halte ich hier nicht für notwendig", sagt die Biologin von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Sinnvoll sei eine Futterstelle auch schon im Sommer, wenn sie dauerhaft zur Verfügung gestellt würde. Das könne den Vögeln eine gute und sichere Nahrungsquelle signalisieren. Die Artenvielfalt unserer Landschaft könne man damit aber nicht erhöhen: "Das halte ich für eine gewagte These. Denn die großen Umweltprobleme lösen wir mit der Fütterung nicht." Für Mader ist es vor allem der didaktische Wert hinter der Fütterung, der motiviert. "Artenschutz kann erst passieren, wenn man die Arten kennt. Wenn man weiß, welchen es schlecht geht und welche Rolle der Mensch dabei spielt", sagt die Butzbacherin. Vogelbeobachtung am Futterhäuschen kann so zum Beispiel schon den Kleinsten nahegebracht werden. Viel bräuchte es dazu nicht: ein Fernglas und ein Bestimmungsbuch. Zeigen, dass Naturschutz Spaß macht - das sei das Ziel. Mit dem Interesse, käme dann auch das Bedürfnis zu helfen.

Potenzial des eigenen Gartens erkennen:"Die Frage der Fütterung ist eigentlich Nebenkriegsschauplatz", sagt Martin Hormann von der staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Viel wichtiger seien die Gärten, die deutschlandweit mit 3,5 Prozent etwa genauso viel Fläche einnähmen wie alle Naturschutzgebiete zusammen. "Das ist ein Riesenpotenzial, das man endlich erkennen und nutzen sollte." Thuja-Hecken, Golfrasen, Schotter und Steine: "Diese spießigen Yuppie-Gärten sind einfach scheußlich", sagt der Ornithologe. Die Menschheit müsse tierfreundlicher werden und den Ordnungswahn ablegen. "Die Natur ist nicht unordentlich. Wir müssen nur unseren Begriff von Schönheit verändern." Hormann füttert die Vögel nur im Winter. Auf seinem 2000 Quadratmeter großen - weitestgehend naturbelassenem - Hof würden sie das restliche Jahr über genug Nahrung finden. "Bei mir tobt das Leben", erzählt er. Nicht nur Vögel seien zu Gast, sondern auch Igel und Fledermäuse. Wer der Tier- und Pflanzenwelt etwas Gutes tun möchte, sollte der Natur darum hier und da ihren Lauf lassen, ihr Raum und Strukturen zurückgeben. Bäume, Büsche oder Wildblumen und -kräuter pflanzen. Das ginge übrigens auch auf dem Balkon. Mit den Blüten kämen auch die Insekten, und eine ganzjährige Fütterung sei dann nicht mehr notwendig. Die Natur würde wieder ihren natürlichen Lauf nehmen. "Es sind die vielen kleinen Dinge, die am Ende für das große Ganze sorgen." (Fotos: esa/sad/vo)

Dramatische Situation

Es steht schlecht um die Vögel in Deutschland. 118 Brutvogelarten sind vom Aussterben bedroht oder gefährdet (45 Prozent), 18 weitere Arten stehen auf der Vorwarnliste (sieben Prozent), darunter auch der Spatz. Vor allem einst weitverbreiteten Vögeln wie der Feldlerche, dem Mauersegler oder der Mehlschwalbe geht es zunehmend schlecht. Ihnen fehlen nicht nur Nahrung sondern auch Brutplätze. 13 Brutvogelarten sind in Deutschland bereits ausgestorben. (kge)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare