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Tritt das Wasser über die Deiche, helfen nur noch Sandsäcke

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Von: Jürgen Wagner

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Hilfe von der Stadt: Jan-Peter Loth und Stute Sally haben gute Erfahrungen mit dem Hochwasserschutz gemacht. © Jürgen Wagner

Laut einem Sachstandsbericht ist Friedberg weitgehend hochwasserfrei. Es wurden Deiche gebaut. Was darüber hinausgeht, ist Sache der Bürger. Aber auch die werden nicht alleine gelassen.

Die letzte Überschwemmung ereignete sich am 29. Januar 2021. Es war der Tag, als ein Jahrhunderthochwasser die Büdinger Altstadt flutete. Die Situation in Friedberg-Fauerbach war damit zwar nicht zu vergleichen. Aber wenn die Usa Hochwasser führt, droht der Reiterhof Loth Schaden zu nehmen. Schuld daran ist eine kleine Usa-Brücke am Ende der Wassergasse.

»Die Brücke ist ins Bachbett hineingebaut worden«, sagt Jan-Peter Loth, Juniorchef des Reiterhofs. Bei Hochwasser führe die Usa viel Treibgut mit sich. »Holz, aber auch Autoreifen und anderer Müll.« Das bleibt an der relativ niedrigen Brücke hängen und staut das Wasser, das über die Ufer tritt. Für den Reiterhof Loth bedeutet dies »Land unter«.

Reißender Fluss vor dem Wohnhaus

Zuerst wird die vordere Koppel überflutet, dann sammelt sich das Wasser an der Wegkreuzung hinter der Reithalle, von wo es wie ein reißender Fluss am Wohnhaus vorbei auf die Felder in Richtung Ossenheim läuft. »Das Wasser steht dann 50 Zentimeter hoch.« Das Wohnhaus der Familie hat keinen Keller. Aber die Reithalle lief beim letzten Hochwasser voll, der Stall zu etwa einem Viertel. Vom Reitplatz werden Sand und Schotter weggespült. Und nach dem Hochwasser muss angespülter Müll weggeräumt werden.

Als die Hochwasserschutzmaßnahmen vor über 20 Jahren geplant wurden, sei überlegt worden, auch auf der östlichen Usa-Seite, vor dem Reiterhof, einen Wall anzulegen. »Am Ende der Planung war kein Geld mehr da«, sagt Loth. Der Schutz des Reiterhofs liegt nicht im öffentlichen Interesse, ist Privatsache. »Die Hilfe von der Stadt, dem Bauhof und der Feuerwehr war aber riesengroß«, sagt Loth. Im Gegensatz zum Hochwasser von 2003 habe die Stadt nicht alle Sandsäcke an andere Orte abgegeben. »Damals waren wir alleine auf weiter Flur.« Diesmal befüllten Feuerwehrleute die Sandsäcke und halfen so, noch größere Schäden zu verhindern. Loth: »Bürgermeister Antkowiak war selbst vor Ort. Alles hat super geklappt.«

Beim nächsten Hochwasser wissen die Verantwortlichen, wo sie als erstens nach dem Rechten schauen müssen: Die Brücke am Ende der Wassergasse muss frei von Treibgut sein. Wäre sie höher und breiter, wäre dies aus Sicht des Reiterhofs noch besser.

Es gebe Eigentümer, die um die Probleme wüssten und sich darauf einstellten, sagte Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU) im Ausschuss für Stadtentwicklung, wo der Sachstandsbericht zum Hochwasserschutz vorgestellt wurde. Seit 2002 wurde die Usa zwischen den 24 Hallen und dem östlichen Teil von Fauerbach eingedeicht, ist auf dem Papier »hochwasserfrei«. Auch die Wetter bei Bruchenbrücken - der Stadtteil wurde im August 1981 von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht - wurde komplett eingedeicht (2008/09). Die letzten Überschwemmungen in Dorheim und Ossenheim seien vergleichsweise »moderat ausgefallen«, heißt es im Bericht. In der Kernstadt und in Bruchenbrücken seien kleinere Schutzmaßnahmen getroffen worden, seither gibt es keine neuen Initiativen zum Bau von Hochwasserdämmen.

Zwei Tage Zeit für Vorbereitungen

Nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 in der Eifel wurden auch andere Regionen hellhörig. Reicht der bestehende Schutz? Im November 2021 traf sich im Rathaus eine Hochwasserkonferenz. Vertreter von Stadt, Oberer und Unterer Wasserbehörde sowie dem Wasserverband Nidda beratschlagten, was zu tun ist. Eine wichtige Botschaft, die von dem Treffen ausging, lautet: Hauseigentümer wie auch die Rettungskräfte von Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk (THW) haben zwei Tage Zeit, sich auf Hochwasser einzustellen. Die Wetter wird von den Wasserbehörden als »langsames Gewässer« bezeichnet. Zwischen dem Auftreten des Hochwassers im Oberlauf und einem Anstieg in Friedberg vergehen zwei Tage.

Nicht zu vergessen: Bei Hochwasser steigt auch das Grundwasser an. Den Grundwasserspiegel muss man sich wie einen großen, unterirdischen See vorstellen. Dagegen haben Schutzmauern keine Wirkung: Sind die Kellerräume nicht abgedichtet, dringt Wasser ein. Deshalb empfehlen die Behörden allen vom Hochwasser betroffenen Hauseigentümern, Rückschlagventile in der Abwasserleitung und Fensterschotts für die Kellerfenster einzubauen.

Aktuell keine neuen Hochwasser-Schutzmaßnahmen geplant

»Großflächige Hochwasserschutzmaßnahmen für Ossenheim und Dorheim« werden im Managementplan der Stadt als »technisch sehr aufwändig mit entsprechend hohen Kosten« bezeichnet. Untersucht werden soll der Wall im Kuhweidweg in Dorheim. Dort knickt die Wetter vor dem Spielplatz im »Anger« um rund 45 Grad ab. Das Wasser kann übertreten und die angrenzenden Grundstücke bis zum Festplatz überfluten. Der Wasserverband hat bei der Hochwasserkonferenz im November 2021 im Rathaus zu verstehen gegeben, dass ein großflächiger Schutz für alle Betroffenen nicht zu leisten sei; in Friedberg seien derzeit keine Maßnahmen geplant. Hochwasser kann auch an Seebach und Straßbach auftreten. 2021 wurde die Autobahn A 5 zweimal überflutet. Gefährdet ist auch der Reiterhof »Marienhof« in der Frankfurter Straße. Hier hofft die Stadt auf die Umsetzung des Projekts »100 wilde Bäche«, in das auch der Straßbach aufgenommen wurde.

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Die Usa wird wie die Wetter von den Wasserbehörden als »langsames Gewässer« eingestuft. Tritt am Oberlauf Hochwasser auf, dauert es zwei Tage, bis die Wassermassen am Unterlauf in Friedberg ankommen. Aber dann wird’s nass und ungemütlich, weiß man auf dem Reiterhof Loth. © Nicole Merz

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