Für magische Momente sorgt die Neue Philharmonie Frankfurt mit Dirigent Steven Lloyd Gonzalez.
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Für magische Momente sorgt die Neue Philharmonie Frankfurt mit Dirigent Steven Lloyd Gonzalez.

Tatort Seewiese: Orchestrale Dolchstoß-Effekte

Friedberg (hau). Frank Heckel strahlt. Eben noch stand das Zirkuszelt Kopf und feierte vier Stunden lang mit der Neuen Philharmonie Frankfurt und ihren Solisten die schaurig-schönsten Musik-Tatorte.

Aber auch, nachdem die letzten mörderischen Melodien in den galaktischen Weiten einer makellosen Vollmondnacht über der Seewiese verklungen sind, kann der Frankfurter Filmkomponist kein Auge vom leergefegten Tatort lassen.

"Bedrohlich und düster kann ich gut", schmunzelt der freundliche Blonde mit der hellen Aura. Deshalb habe er mit orchestralen Dolchstoß-Effekten wohl auch der Welt wunderbarsten Walzer in die Luft sprengen dürfen. Niemand nahm es ihm übel, ganz im Gegenteil. Es gab Ovationen für Überraschungs-Arrangement und seine mörderisch gute Umsetzung.

Die "Donaukatastrophen" dürften die 3000 Musikbegeisterten, die am letzten Klasse-Klassik-Sommer-Wochenende ins zweimal ausverkaufte Zirkuszelt strömten, nachhaltig beeindruckt haben: Urplötzlich blitzt im vertrauten Geplätscher der (in Wahrheit gar nicht so) schönen blauen Donau Wagners Rheingold auf, "Der 3. Mann" aus dem Wiener Nachkriegs-Thriller schleicht sich ebenso hinein wie Berlioz’ apokalyptische "Dies Irae" und Smetanas Moldau. Als sich liebliche Geigen ein mörderisches Stelldichein mit dröhnenden Pauken und Röhrenglocken geben, scheint des Kaisers rotes Blut ins blaue Wasser der K&K-Monarchie zu rinnen.

"Das Verbrechen hat seine eigene Farbe und seinen eigenen Klang", grinste Dr. Ralph Philipp Ziegler ins Publikum. Der künstlerische Leiter der Neuen Philharmonie Frankfurt schien selbst eine Mordsfreude am neuen Sommerprogramm des energiegeladenen Orchesters zu haben.

Jedenfalls übertraf sich der Moderator selbst mit seinen amüsant-informativen Brücken von einer mörderischen Melodie zur anderen zwischen Klassik, Rock und Pop, zwischen Wien und London, dem Weltall und dem Paradies. Wobei Ziegler das Paradies ganz nah an Hessen ansiedelte: um des Baumes der Erkenntnis willen und dessen verführerischem Äppler.

Mit der Ouvertüre zu Johann Strauss’ verruchter Fledermaus hatte das Orchester auf die "Donaukatastrophen" eingestimmt, und den Bläsern schrieb Heckel kriminelles "Wiener Blut" auf den Leib, bevor der Szenenwechsel ins jüngere Wien von Rocklegende Falco Gänsehaut bescherte.

Für dessen "Jeanny"-Blick in die kranke Verbrecherseele trat mit Rockröhre Achim Dürr auch die Musical Family Hanau als Backgroundchor zum ersten Mal ins Rampenlicht, derweil Konzertmeister Ralf Hübner seinen Höllentanz zwischen Violine und E-Gitarre begann. Das Kultgefühl von zwölf Jahren Klasse-Klassik-Sommer-Erfolgsgeschichte griff Raum, und die Vertreter von Ovag, Stadt und Sparkasse Oberhessen wirkten glücklich in ihrer Veranstalterhaut.

Klaus Doldingers berühmt-berüchtigte "Tatort"-Melodie und der "Banküberfall" der Ersten Allgemeinen Verunsicherung gaben die Startrampe für einen Steilflug durch galaktische Weiten mit dem Raumschiff Enterprise und die Space Odyssee des legendären Major Tom. In der anspruchsvollen Wechselrolle zwischen David Bowie und Freddy Mercury wie auch in den großen Fußstapfen von Stammgast-Sänger Franco Leon hatte sich Solist Andreas Gräser zu bewähren. Das Publikum spendete brausenden Beifall.

"Genial, ich komme wieder"

Glanzvolle Höhepunkte des sphärischen Weltraumflugs waren der klangfarbenfrohe "Jupiter" aus Gustav Holsts monumentaler Planeten-Suite und Michael Jacksons "Earth Song", den Heckel eigens für die wunderbare (und höchst schwangere) Katrin Glenz arrangierte. Mit ihrer dunklen Stimme hauchte Glenz später auch den musikalischen James-Bond-Feuerwerken irisierendes Leben ein, dem "Skyfall" noch intensiver als der "Licence to kill". Tief beeindruckt zog Konzertbesucherin Evelyn Abraham ihren "Chapeau!". Sie sei das erste Mal dabei und eigentlich der klassische Purist. Aber: "Das ist so genial, ich komme wieder."

Unter dem agilen Dirigat des Briten Steven Lloyd Gonzalez – er dirigierte schon das London Symphonic Orchestra, arbeitete mit Sir Simon Rattle und Daniel Barenboim – schöpfte das Orchester bei Sir William Waltons Krönungsmarsch aus dem Vollen. Transparenten Glanz schenkten die Musiker Graingers Country Gardens, sie lockten mit Miss Marples Erkennungsmelodie das Publikum aus der Reserve und holten aus zum sphärischen An- und Abklingen in Richard Wagners dramatischem Lohengrin.

Der Sprung zu den ganz großen Rock-Gefühlen schien ein kleiner.

Unversehens fanden sich die Fans in der tragischen "Bohemian Rhapsody" wieder, mit Boxlegende "Rocky" Balboa wollten sie fliegen und fiebern mit Flipper-Meister "Tommy". Auch in Coldplays "Paradise" mochte das rockige Spektakel nicht enden. Als Vorboten des nächsten Sommerprogramms "Männersachen" hielten das gelbe U-Boot der Beatles und der schweißtreibende Tanz von Dschinghis Khan her, bis das Zelt wogte.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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