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Siegertexte im Workshop erfolgreich entnebelt

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Die siegreichen Autorinnen und Autoren des Jugend-Literaturpreises 2021 mit Lektoren vor der Jugendherberge unterhalb des Kahlen Asten in Winterberg. Dreieinhalb Tage lang wurde hier an jedem Wort gefeilt. © LEA JAMES

Winterberg im Hochsauerland - ein Synonym für Skisport, Wandern, Rodeln und Wellness. Nicht für 24 Jugendliche aus Oberhessen, die sich dort mit Gramatik und Stilfragen beschäftigten.

Die Corona-Pandemie hat auch den Jugend-Literaturpreis der Ovag nicht verschont. Vergangenes Jahr fiel der Lektorats-Workshop, das Herzstück des Wettbewerbs, aus; die Texte wurden in Zweier-Treffen oder per Skype lektoriert. In diesem Jahr sollte auf den Workshop nicht verzichtet werden. Statt ins (noch) nicht corona-gerechte Ovag-Ferienheim in Bad Kissingen ging’s in die Jugendherberge Winterberg, direkt unterm Kahlen Asten gelegen.

In vielen der 24 Geschichten, die im September prämiert wurden, geht es um Flucht vor dem Krieg oder vor den Eltern, um Ausreißer, Tageträumer und Menschen am Rande der Gesellschaft. Wie kommt man darauf? »Ich hatte ein bisschen zuviel Phantasie im Kopf, da habe ich die eben aufgeschrieben«, sagte eine Autorin in ihrer unvergleichlich (vor-)witzigen Art. »Ich bin 14 und schreibe schon sehr, sehr lange«, stellte sich eine andere Teilnehmerin vor.

Das Erfinden von Geschichten ist ihre Passion, doch auch das Schreiben muss gelernt sein: »Ich schreibe seit dem Kindergarten, da habe ich immer Wellenlinien gemalt.« Wie man heute weiß: ein guter Anfang.

Von Donnerstagabend bis Sonntagvormittag wurde gelesen, diskutiert, korrigiert, umgeschrieben, wieder verworfen und neu formuliert. Jedes Wort muss stimmen, sonst stimmt auch die Geschichte nicht. Wie wichtig Bücher sind, unterstrich der Schriftsteller Feridun Zaimoglu: Als Kind zog der Sohn türkischer Einwanderer 26 Mal um, Halt fand er in Stadtteil-Bibliotheken: »Bücher sind Medizin gegen das Gift der Realität.«

Nach dem Kennenlernen am ersten Abend wurden am Freitag alle Geschichten in der großen Runde angelesen und ausgiebig besprochen (mit Schutzmaske, was die Sache nicht einfacher, aber hoffentlich sicherer machte). Auch die Autoren (es waren, wie in den Vorjahren, überwiegend Autorinnen, dazu drei männliche Teilnehmer) schlüpften in die Rolle des Kritikers, lobten, wiesen auf Schwachstellen hin, wollten unklare Stellen erläutert haben. Wie reden Jugendliche und wie Erwachsene? Ist die verwendete Sprache dem Gegenstand angemessen? Kann etwa ein Junge, von dem wir erfahren, dass ihm die Zeit davonrennt, im nächsten Satz durch die nächtlichen Straßen »schlendern«?

Texte werden entrümpelt

Am Samstag wurden diese Fragen in kleineren Arbeitsgruppen neu gestellt. Alle Texte wurden aufpoliert, geglättet, entrümpelt. Eine Frage, die jedes Jahr auftaucht, dreht sich um die Gestaltung von Dialogen: Heißt es nach der ersten Wortmeldung »sagte XY«, darf es auch nach der zweiten und dritten so heißen; und nicht »erklärte«, »erläuterte«, »gab zu bedenken«, »glaubte er anmerken zu müssen« oder gar »fügte er schmunzelnd hinzu«. Der zwanghafte Wechsel des Ausdrucks nennt sich Synonymitis, ist ansteckend, lässt sich im Vergleich zum Coronavirus aber durch Streichen bekämpfen.

Apropos Corona und andere erkältungstechnische Unbilden: Andreas Matle, Initiator des Wettbewerbs, musste seine persönliche Teilnahme absagen, wurde per Skype hinzugeschaltet. Zwei weitere Referenten fielen ebenfalls aus. So bestand das Lektorenteam aus den Schriftstellern Franziska Gerstenberg, Nele Polatschek und Feridun Zaimoglu, der Germanistin Janine Clemens vom Literarischen Zentrum Gießen (LZG) und dem Autor dieser Zeilen. Und dafür, dass niemand bei der Abfahrt vergessen wurde, sorgte wieder Lea James von der Öffentlichkeitsarbeit der Ovag.

Bei der Schlussrunde am Sonntagmorgen wurden »mehr Pausen« und »mehr Donuts« gewünscht. Noch ein (ironischer) Wunsch: Mütter, die ihren Töchtern den Wettbewerbstext abtippen, sollten etwas mehr Sorgfalt bei der Rechtschreibung walten lassen. Immer diese Mütter! Aber gut, das man jemanden hat, auf dem man die Fehler schieben kann.

Bei soviel Grübeln und Nachdenken tut ein Spaziergang am Sonntagmorgen gut. Das trübe, nasskalte Wetter hielt eine kleine Gruppe nicht vom Gipfelsturm ab. Oben auf dem Kahlen Asten, mit 841 Metern der zweithöchste Berg von NRW, erwartete die Wanderer eine zauberhafte Nebelwelt. Auf dem Weg lag Totholz in grauen Pfützen, die Baumkronen trugen Nebelmützen. Ein Bild, wie von einem romantischen Maler. Und siehe da: Der Asten war gar kein kahler...

Die 24 Sieger-Geschichten des Jugend-Literaturpreises der Ovag erscheinen im Februar als Buch (»Gesammelte Werke«). Danach folgen Lesungen in Schulen und Bibliotheken.

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