Coronabedingt tritt das Römerberg-Quartett mitten im Kirchenschiff auf. FOTO: GK
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Coronabedingt tritt das Römerberg-Quartett mitten im Kirchenschiff auf. FOTO: GK

Perlen der Kammermusik

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg(gk). Genau 31 Jahre trennen Joseph Haydns 1793 entstandenes "Reiterquartett", op. 74, Nr. 3 in g-moll von Franz Schuberts 1824 uraufgeführtem Streichquartett", op. 29 in a-moll (Rosamunde). Diese beiden Werke bildeten den ersten Teil des Eröffnungskonzerts der Sommerkonzerte in der evangelischen Stadtkirche. Für einen fulminanten, mit viel Applaus honorierten Auftakt sorgte das seit 2001 bestehende Frankfurter Römerberg-Quartett. Coronabedingt traten die vier Musiker (Michael Hahn, Andrea Seeger , Violine; Hildegard Singer, Viola und Ruth Sarrazin am Violoncello) mitten im Kirchenschiff stehend auf - vor einer beachtlichen Kulisse von gut 80 Gästen, die sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen wollten.

Dass die für ein vierköpfiges Streicherensemble gegenüber einem regulären Auftritt im Chor wesentlich ungünstigeren akustischen Voraussetzungen kaum eine Beeinträchtigung des Hörgenusses darstellten, war dem präzisen, punktgenauen Zusammenspiel der Instrumentalisten zu danken. Nichts wurde verwischt, kaum ein Ton verlor sich im hohen, weiten Raum.

Joseph Haydn gilt mit seinen mehr als 80 Streichquartetten als "Vater" dieses Genres. Sein bekanntes "Reiterquartett" in g-moll beginnt mit einem düsteren Kopfsatz in markantem galoppartigen Rhythmus. Ihm folgt ein wunderbar stilles, in sich gekehrtes Largo assai - ein Kontrast, wie er größer kaum sein könnte.

Heiterkeit trifft Melancholie

Der Finalsatz nimmt den galoppierenden Rhythmus des Kopfsatzes nicht nur auf, sondern steigert ihn ins Atemlose. Das populäre Quartett endet - nach düsterem Beginn in g-moll - im strahlenden G-Dur. Die zahlreichen schroffen Wechsel von Rhythmus, Tempo und Stimmung des anspruchsvollen Werks meisterte das Römerberg-Quartett scheinbar mühelos.

Schuberts im März 1824 uraufgeführtes Quartett in a-moll entstand zu einer Zeit, als in Wien bereits die Epoche der Salonmusik ihren Anfang nahm. Das Interesse an anspruchsvoller Kammermusik nahm in den folgenden drei Jahrzehnten stetig ab.

Die vier Sätze des "Rosamunde"-Quartetts zeichnet ihr liedhafter Charakter aus - vor allem Andante und Menuett (als Scherzo) im 2. und 3. Satz. In ihnen greift Schubert auf seine Bühnenmusik zu "Rosamunde" und die Vertonung von Schillers "Die Götter Griechenlands" ("Schöne Welt, wo bist du?") zurück.

Scheinbare Idylle, Heiter-Volkstümliches weicht tiefer Melancholie - der Sehnsucht nach einer untergegangenen Welt voll Schönheit und Harmonie. Es war bewegend zu hören, mit welchem Einfühlungsvermögen sich die Musiker des Römerberg Quartetts dieses zwischen Dur und moll "zerrissene" Werk "zueigen" machten. Jedem, der sich von dieser Musik ergreifen lässt, steht fast zwangsläufig das tragische Schicksal ihres Schöpfers vor Augen. Auf langanhaltenden, begeisterten Applaus folgte die Pause.

"Dieses Stück muss mit größtem Einfühlungsvermögen behandelt werden": So steht es auf Italienisch als fast befehlsartige Anweisung im Manuskript von Ludwig van Beethovens 1800 entstandenem Streichquartett Nr. 6 in B-Dur. Das Römerberg Quartett nahm sich diesen Hinweis voll zu Herzen und präsentierte dieses Werk des Übergangs "colla più gran delicatezza". Vor allem dessen Schlusssatz mit der bezeichnenden Überschrift "La Malinconia" (die Melancholie) wartet mit zahlreichen Schwierigkeiten auf. Unterschiedlichste Stimmungslagen von tiefster Depression bis hin zu überschwänglicher Lebensfreude lassen diesen in rasendem prestissimo ausklingenden Satz zu einem kontrastreichen, spannungsgeladenen Meisterstück werden.

Für ihre kongeniale Interpretation auch dieser Perle erhielten die Akteure minutenlangen Schlussapplaus.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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