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Erlesene Texte: Die Preistärger des Jugend-Literaturpreises mit Laudator Denis Scheck (vorne, 3. v. l.) und Siegerin Laura Nold aus Grünberg (vorne, 4. v. l.).

16. Jugend-Literaturpreis der Ovag

Nicht nur für Autoren gilt: Es lebe der Konjunktiv!

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24 junge Autorinnen und Autoren sind in Friedberg mit dem Jugend-Literaturpreis der Ovag ausgezeichnet worden. Doch das warerst der Auftakt. Jetzt folgen Workshop, Buch und Lesereise.

Der Konjunktiv sei "die wunderbarste Erfindung unserer erfindungsreichen Sprache", sagte der Literaturkritiker Denis Scheck: Dank ihm können wir uns vorstellen, was gar nicht real ist und auch niemals sein wird. Aber vielleicht wahr und unterhaltsam. Scheck, der im Fernsehen schon mal Bücher in die Tonne wirft, war als Laudator voll des Lobes für die Texte und die jungen Autoren, die beim 16. Jugend-Literaturpreis der Ovag ausgezeichnet wurden.

Im Mittelpunkt des Wettbewerbs stehen Texte. Also betrachten wir kurz eine Szene aus einer der Geschichten: Eine Tochter besucht die Eltern zum Weihnachtsessen. Es riecht nach Braten, die Tochter schiebt ihr mitgebrachtes vegetarisches Essen in die Mikrowelle, der Kater streicht um ihre Beine. "›Na, Fettsack‹, begrüße ich ihn und beuge mich zum Streicheln nach unten. ›Der kriegt nicht mehr als früher auch‹, sagt meine Mutter. ... Mein Vater sitzt in Unterhose auf dem Sofa und schneidet sich die Fußnägel."

Schon am Anfang der Geschichte ist klar: Die reden aneinander vorbei. Alle Bemühungen, das Bild einer trauten Familie aufrechtzuerhalten, sind vergebens, die Kommunikation erschöpft sich in Floskeln: "Die Rotweinflecken gehen doch nie wieder raus."

"Zuhause" heißt die Geschichte von Laura Nold aus Grünberg, die mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. Die 23-Jährige ist bereits zum fünften Mal unter den Preisträgern. Die Zweitplatzierte Kerstin Uebele (Bad Nauheim) ist zum sechsten Mal dabei, Julie Sophia Schöttner (3. Platz) zum achten Mal. Von den 24 Preisträgerinnen (die männliche Form denken wir uns mit, immerhin drei junge Männer sind diesmal dabei) standen 16 mindestens schon einmal auf dem Siegerpodest. Wer einmal beim Lektorats-Workshop dabei war, hat Blut geleckt.

Er habe die Texte der Preisträger "gelesen und gestaunt", sagte Denis Scheck. Der Literaturkritiker, bekannt aus der ARD-Sendung "Druckfrisch", verschwieg aber nicht, dass die Texte "ein energisches Lektorat benötigen". Den jungen Autoren verriet er ein paar "Betriebsgeheimnisse". Mut müsse man haben, nicht nur beim Schreiben, auch bei der Kritik. Ein Beispiel: Kafkas berühmtes Zitat "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns". Die Axt? Mit einer Axt könne man einem zugefrorenem Tümpel etwas anhaben, aber keinem Meer, sagte Scheck: "Auch Kafka konnte schlechte Tage haben."

Wie eine Feile im Nusskuchen

Warum faszinieren uns literarische Figuren, die es ja doch nur im Konjunktiv, in der Möglichkeitsform gibt? Schecks Antwort: Im Spiel der Kunst entwickelt der Mensch seine moralischen Wertmaßstäbe, lesend verstehen wir die Welt. Ein Buch sei wie ein Kuchen mit eingebackener Feile, der einem Häftling ins Gefängnis geschickt wird: Es ist Fluchtmittel, hilft uns, der Gegenwart zu entkommen. Das sei "die große Freiheit der Literatur", die sich Scheck selbst von Büchern minderer Qualität nicht nehmen lassen will - man denke nur an Paulo Coelho, dessen Werke "aus dem literarischen Urschlamm der Erbauungsliteratur gekrochen" seien.

"Ganzheitlich und nachhaltig" wolle man literarische Talente fördern, sagte Ovag-Vorstand Rainer Schwarz. Der Wettbewerb endet nicht mit der Preisverleihung. Es folgen das Lektorat mit Schriftstellern und Journalisten in Bad Kissingen, die Präsentation des Buches "Gesammelte Werke" und die Lesereise. Schwarz dankte vor allem jenen, die sich seit 16 Jahren für den Wettbewerb stark machten: den Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Schüler zum Schreiben animieren.

Sind die Geschichten lesenswert, so war die Preisverleihung auch hörenswert. Die in Büdingen lebende Sängerin Nashi Young Cho und ihre Begleiter Manuel Seng (Piano) und Nicole Badila (Kontrabass) spielten Perlen des Jazz in sparsamen Arrangements. Chos zarte und zugleich kraftvolle Stimme zauberte einen Hauch von Exotik in die Ovag-Hauptverwaltung in Friedberg. Beim König Lui-Song aus dem "Dschungelbuch" ("Ju-hu-hu, ich möchte sein wie du-hu-hu") hielt es Denis Scheck ("Eines meiner Lieblingslieder") kaum auf dem Stuhl.

Die Preisträger

1. Platz Laura Nold (Grünberg), 2. Platz Kerstin Uebele (Bad Nauheim), 3. Platz Julie Sophia Schöttner (Butzbach). Die weiteren Preisträger: Pia Bonn (Friedberg), Anna Cijevschi (Gießen), Petra Clauss (Lauterbach), Tatjana Cyrulnikov (Altenstadt), Enya Damm (Wetzlar), Valentina Dietrich (Friedberg), Elke Dreis (Niddatal), Julia Guissouma (Gedern), Seba Habibyar (Bad Nauheim), Timothy Heinle (Ranstadt), Patrizia Klug (Hungen), Maximilian Lipski (Gießen), Annika List (Lauterbach), Lotte Marscheck (Wettenberg), Helen Mehr (Friedberg), Carla Mende (Pohlheim), Joana Penner (Wettenberg), Maximilian Plänker (Bad Nauheim), Laura Schöning (Rockenberg), Vanessa Schweitzer (Friedrichsdorf) und Mascha Seip (Laubach). Geldpreise gingen an Schulbibliotheken. Der Karlhans-Frank-Gedächtnispreis geht ans Gymnasium Nidda, Sonderpreise erhalten die Klasse 10 c des Gymnasiums Nidda, die 9 d der Schrenzerschule Butzbach, ein Deutsch-Leistungskurs sowie weitere Schüler des Burggymnasiums Friedberg und mehrere Klassen des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums Gießen.

Die Waldsieldung, literarisch gesehen

Eine Preisträgerin stammt aus Altenstadt, weshalb der dortige Bürgermeister Norbert Syguda zu den Gratulanten zählte. "Tatjana Cyrulnikov und ich stehen derzeit ja häufiger in der Öffentlichkeit", sagte Syguda grinsend. Cyrulnikov, zum dritten Mal unter den Preisträgern, ist Vorsitzende der Wetterauer Jungen Union und will Ortsvorsteherin der Waldsiedlung werden. Bei der jüngsten Sitzung des Gremiums, als die Wahl eines NPD-Mitglieds selbst in der "New York Times" für Schlagzeilen sorgte, fehlte sie entschuldigt. Nun stelle man sich diese Szene vor: Eine Gruppe älterer Männer sitzt in einem Bürgerhaus. Sie wirken ratlos, desillusioniert, schläfrig. Keiner will Chef sein, und dann schrecken alle plötzlich auf, als sie merken, dass sie einen Rechtsextremen zum Ortsvorsteher gewählt haben. Ist das nicht viel eher ein literarisches als ein politisches Sujet?

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