Streuobstwiesen sind wahre Idyllen, doch ihr Bestanbd ist in Gefahr. Darauf macht der Verein "Weidewelt" aufmerksam.
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Streuobstwiesen sind wahre Idyllen, doch ihr Bestanbd ist in Gefahr. Darauf macht der Verein »Weidewelt« aufmerksam.

Streuobstwiesen

Naturschützer in Hessen schlagen Alarm: Kulturerbe in Gefahr

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Die Streuobstwiese ist in Gefahr. Die Zahl der Bäume in Hessen ist deutlich zurückgegangen. Naturschützer schlagen Alarm, so auch der in Friedberg und Wetzlar ansässige Verein »Weidewelt«.

Friedberg - »Weidewelt«-Sprecher Gerd Bauschmann (Dorheim) weist auf ein Positionspapier hin, das Tipps zur Beweidung von Streuobstwiesen gibt. Zwischen 1938 und 1987 ging die Zahl der Hochstamm-Obstbäume in Hessen von über 12 Millionen auf 750 000 zurück - ein Verlust von über 93 Prozent. Geht man von einem Flächenanspruch von 100 bis 150 Bäumen pro Hektar aus, müssen 1938 noch 800 bis 1200 Quadratkilometer in Hessen mit Obstbäumen bestanden gewesen sein. Bei der Hessischen Biotopkartierung wurden 1992 bis 2006 noch 9,4 km² Streuobstflächen erfasst. Auch flächenmäßig ist dies ein Verlust von über 95 Prozent in rund 60 Jahren.

Streuobstflächen unterlagen einer regelmäßigen extensiven Bewirtschaftung. Pflanzenschutzmittel und Mineraldüngung fanden in der Regel keine Anwendung. Zur nachhaltigen Nutzung waren vielmehr Baumschnittmaßnahmen und Nachpflanzungen notwendig. Traditionell war die Zwei-Etagen-Nutzung der Fläche: Neben dem Obstertrag wurde der Unterwuchs meist als Grünland (Wiese oder Weide), seltener zum Ackerbau oder als Gartenland genutzt.

Streuobstwiesen in Hessen: Opfer von Bauland und Straßen

Wie Bauschmann schreibt, werden heute immer mehr extensiv genutzte Hochstamm-Obstbestände zu Intensiv-Niederstamm-Plantagen umgewandelt. »Und immer noch werden Streuobstgebiete, ganz oder teilweise, als Bauland und Verkehrswege genutzt.« Neben diesen Totalverlusten geht der »Lebensraum Streuobst« auch durch unterlassene Pflege (Verbuschung, Verbrachung) oder falsche Grünlandpflege (Mulchen, Glyphosateinsatz) verloren. Vermehrt würden Streuobstbestände auch intensiv als Freizeitanlagen mit Musikbeschallung, Flutlicht und - trotz Corona - größeren Menschenansammlung »missbraucht«.

Streuobstbiotope gehörten auf Bundesebene zu den Lebensräumen, die von vollständiger Vernichtung bedroht sind und auf der »Roten Liste gefährdeter Biotoptypen Deutschlands« stehen. Da Hessen als »Streuobstland« auch auf Bundesebene eine besondere Verantwortung für den Erhalt der Streuobstbiotope habe, genießen diese gesetzlichen Schutz. Handlungen, die zu einer Zerstörung oder einer sonstigen erheblichen Beeinträchtigung der Biotope führen können, sind verboten.

»Weidewelt - Verein für naturschutzkonforme Landnutzung durch Beweidung« erstellt Positionspapier

Auch heute noch sei die Nachpflanzung von robusten, lokal angepassten Obstsorten als Hochstamm für den Erhalt von Streuobstbeständen essenziell. Obstarten und -sorten sollten gemischt sein und in unterschiedlichen Altersstufen vorkommen. Dadurch werde die biologische Vielfalt gefördert. Es werde ein ökologisches Gleichgewicht erzeugt, das den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln erübrige. »Ebenfalls wichtig ist der richtige Baumschnitt. Und auch für die Nutzung des Grünlands unter den Obstbäumen gibt es eine gute Alternative zum Mulchen oder Abspritzen: die Beweidung.« Allgemein würden Streuobstbestände zwar als »Streuobstwiesen« bezeichnet, bei einer Beweidung solle man aber besser von »Streuobstweiden« sprechen.

Zum Thema »Beweidung von Streuobstgebieten« hat »Weidewelt - Verein für naturschutzkonforme Landnutzung durch Beweidung« mit Sitz in Friedberg und Wetzlar ein 26-seitiges Positionspapier mit Vorschlägen und Empfehlungen herausgegeben. In der gleichen Reihe sind bereits Papiere über die ökologische Bedeutung der Beweidung, die Winterbeweidung, über Baumschutz und den Umgang mit Beutegreifern erschienen. Die »Weidewelt-Positionen« können angefordert werden unter weidewelt@aol.com.

Streuobstanbau in Deutschland: Seit März 2021 immaterielles Kulturerbe

Im März 2021 wurde der Streuobstanbau in Deutschland als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Zur Begründung hieß es: »Streuobstwiesen erhalten die Vielfalt an Obstsorten, sind ein Hotspot der Biodiversität, ein prägender Teil der Kulturlandschaft und ein Stück regionale Identität. Sie sind aus einer landwirtschaftlich-kulturellen Entwicklung hervorgegangen und direkt an menschliches Wissen gebunden.

Dabei sind die arbeits- und zeitintensive Pflege und Bewirtschaftung, die Obstverarbeitung, traditionelle Handwerkstechniken sowie verschiedene Feste und Bräuche Teil der Kulturform. Doch mit dem anhaltenden bundesweiten Rückgang der hochstammbesetzten Streuobstwiesen drohen die über Jahrhunderte entwickelten Praktiken und das Wissen über die Kulturform in Vergessenheit zu geraten.«

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