Schüler Ben verfolgt den Präsenzunterricht des Projektes "My way Wetterau" von Lehrerin Claudia Dornseifer. Sein großes Ziel ist der Hauptschulabschluss.
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Schüler Ben verfolgt den Präsenzunterricht des Projektes »My way Wetterau« von Lehrerin Claudia Dornseifer. Sein großes Ziel ist der Hauptschulabschluss.

„My way Wetterau“

Wetterau: Modellprojekt will Problemschülern neue Wege zurück in die Schule aufzeigen

  • vonHarald Schuchardt
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Schule schwänzen, Lernlücken, Ordnungswidkreitsanzeigen: Das Modellprojekt »My way Wetterau« will für »Problemschüler« eine berufliche Perspektive schaffen und dabei unorthodoxe Wege gehen.

Der Hauptschulabschluss ist das Ziel von Ben, Hanna und Lina (alle Namen geändert). Die 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen gehen jedoch nicht auf eine »normale« Schule. Sie sind drei von acht Jungen und Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren, die in diesem Schuljahr vom Modellprojekt »My way Wetterau« betreut werden. Das Ziel: Jugendliche, die Lernlücken haben oder die Schule schwänzen neu zu motivieren.

»Wir wollten mit diesem Projekt unorthodoxe Wege gehen, um auffällige Jugendliche dazu zu bewegen, wieder in die Schule zu gehen und ihnen Selbstvertrauen zu geben«, sagt Gottlieb Burk, Leiter der Butzbacher Gabriel-Biel-Schule, dem regionalen Beratungs- und Förderzentrum für den Westkreis, das rund 600 Schülerinnen und Schüler in 15 Stammschulen betreut.

Modellprojekt für Problemschüler: „My way Wetterau“ will Jugendliche auffangen

Burk ist einer der Hauptinitiatoren des in dieser Form nahezu einmaligen Projekts, das nach einem »langen, sehr konstruktiven Prozess 2017 an den Start ging«, erklärt die Erste Kreisbeigeordnete und Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch - und fügt hinzu: »Wir versuchen, auf diesem Weg Jugendliche aufzufangen - je früher, desto besser. So können wir sie in die Gesellschaft integrieren.«

Die Einmaligkeit von »My way Wetterau« beschreibt Carsten Rehbein so: »Diese enge Kooperation von Schulamt, Beratungsstellen, Jugendberufshilfe und Jugendamt sowie Pro Inklusio ist nicht alltäglich.« Rehbein ist Regionalleiter der in Frankfurt ansässigen gemeinnützigen »Pro Inklusio GmbH für soziale und berufliche Teilhabe«, die nach einer Ausschreibung den Zuschlag als Projektträger erhalten hat.

„My way Wetterau“: Modellprojekt für Problemschüler ist eine Mischung aus Schule und Praxis

»›My way Wetterau‹ ist eine Mischung aus Schule und Praxis an einem nicht schulischen Ort«, erklärt Burk die pädagogische Zielrichtung. Daher findet der Unterricht nicht in einer Schule, sondern in einem Gebäude im Industriegebiet Süd in Friedberg statt.

Corona-bedingt werden derzeit an zwei Tagen in der Woche nur Ben, Hanna und Lina vor Ort von Lehrkraft und rBFZ-Koordinatorin Claudia Dornseifer in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch unterrichtet. Die anderen fünf sitzen zu Hause an ihrem Tablet oder Laptop und erhalten den Online-Unterricht von rBFZ-Lehrkraft Anna-Lena Scheld, die ebenfalls von zu Hause aus unterrichtet.

Aufgrund der aktuellen Corona-Einschränkungen verfolgt Projektleiterin Elena Karl den Online-Unterricht in ihrem Büro. Zusätzlich bekommen ihre Schützlinge Arbeitspakete per Post nach Hause geschickt.

Wetterau: „Soziales Lernen“ ist fester Bestandteil des Modellprojektes für Problemschüler

Den Online-Unterricht kann Elena Karl am PC in ihrem Büro verfolgen. Die pädagogische Mitarbeiterin von Pro Inklusio leitet das Projekt, das auch ein berufsorientiertes Angebot beinhaltet. Hier können die Schülerinnen und Schüler in verschiedene Arbeitsbereiche, wie Hotellerie und Gastronomie oder Eventmanagement hineinschnuppern. EDV- und Bewerbungstraining sowie allgemeine berufliche Orientierung und Kompetenzvermittlung sind weitere Schwerpunkte in diesem Bereich.

Jeder fünfte Unterrichtstag gehört dem Bereich »Soziales Lernen« mit dem Training von Schlüsselkompetenzen, Kunstprojekten und Sportangeboten. »Natürlich mussten wir Corona-bedingt einiges ändern, um den Lernfortschritt sowie die Bindung an das Projekt und eine damit eingehende Tagesstruktur nicht zu unterbrechen«, erläutert Karl.

Neben dem Online-Unterricht - täglich von 8 bis 13 Uhr - erhalten die Jugendlichen per Post Arbeitspakete, deren Inhalt sie sowohl während als auch nach dem Unterricht abarbeiten.

Modellprojekt: Eltern der Problemschüler werden in das Modellprojekt eingebunden

Eingebunden in die Arbeit von »My way Wetterau« sind auch die Eltern der Jugendlichen. »Mein Sohn hat wieder Freude und Spaß am Lernen. Es müsste noch viel mehr gemacht werden, die Wartezeit ist viel zu lang. Der Bedarf ist doch da«, meint die Mutter von Felix, der zu den Fünfen gehört, die aktuell online unterrichtet werden.´Felix bestätigt das: »Das Projekt ist super, ich will wieder in die Schule gehen. Das ist mein Ziel.«

Auch im »Klassenraum« vor Ort ist Trio überzeugt. »Ich werde den Hauptschulabschluss schaffen«, sagt etwa Ben. Beim Erlangen des Hauptschulabschlusses kooperiert »My way Wetterau« mit der Bad Nauheimer Solgrabenschule. Ben hat wieder Vertrauen in sich selbst gefunden, entsprechend dem Leitgedanken von »My way Wetterau«: »Du bist mutiger als du glaubst, stärker als du scheinst und intelligenter als du denkst.«

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