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Mit dem Zollstock auf den Hungener Spielplatz

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Von: Dagmar Bertram

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Die Bohrwiderstandsmessung am Holzpfosten des Spielgeräts hat ergeben: Mit dem Material ist alles okay. © Dagmar Bertram

Schaukel, Rutsche, Trampolin - wer mit Julian Horstmann auf den Spielplatz geht, sieht noch viel mehr. Denn der Mitarbeiter des TÜV Hessen kontrolliert, ob die Spielgeräte gefahrlos genutzt werden können.

Es ist 8 Uhr am Morgen, zwei Männer stehen auf dem Spielplatz, ohne Kinder, dafür aber mit allerlei Gerätschaften. Einmal im Jahr treffen sie sich hier, der TÜV-Mitarbeiter Julian Horstmann und Klaus Rühl vom Hungener Bauhof. 32 Spielplätze betreibt die Stadt, sowohl in den kommunalen Kitas als auch im öffentlichen Raum. Einmal im Jahr wird Horstmann als unabhängiger Sachverständiger gerufen, um zu überprüfen, ob die Stadt als Betreiberin ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommt. »Sie muss dafür sorgen, dass die Geräte in einwandfreiem Zustand sind und sich niemand ernsthaft verletzt«, erklärt Horstmann.

Doch eigentlich mache nicht er die Hauptarbeit, sondern Klaus Rühl. Zusammen mit seinem Bauhof-Kollegen Sebastian Wolff ist Rühl ständig auf den Spielplätzen unterwegs. Beide haben einen entsprechenden Lehrgang abgeschlossen, sie kennen die Vorgaben und sehen, was repariert, erneuert oder erst mal nur beobachtet werden muss. Vieles können sie selbst machen und sparen der Stadt damit Geld.

Ein Kinderkopf aus Plastik

Nur hiergegen können sie wenig ausrichten: Vandalismus und Diebstahl. Von einer Bogenwippe ist schon mal die Kettenumrandung abgetrennt worden. »Und neulich wurde eine Kleinkindschaukel geklaut«, sagt Rühl, während er mit Horstmann zur Attraktion des Spielplatzes am Hof Grass geht: ein Kombi-Klettergerät.

Rühl greift zum Spaten und gräbt einen Pfosten frei. Horstmann klopft ans Holz, denn schon die Klangprobe lässt Rückschlüsse zu, ob das Material spröde ist. »Die Bauhof-Mitarbeiter können Oberflächenschäden sehen. Wenn zum Beispiel ein Pilz aus dem Holz wächst, kann man davon ausgehen, dass es feucht ist und fault. Wir übernehmen die Werkstoffprüfung«, sagt der TÜV-Mitarbeiter.

Deshalb hält er nun einen Bohrer ans Holz. Kurz darauf zeigt er auf einem Papierstreifen, was die stichprobenartige Widerstandsmessung ergeben hat: Zehn Zentimeter weit war alles in Ordnung, dann schlägt der Wert plötzlich aus. Kein Grund zur Sorge: »Da war ich durchs Holz durch, das ist der Sand dahinter«, erklärt Horstmann. Diese Ergebnisse sind Teil seines Berichts und werden digitalisiert und archiviert, »damit die Stadt nachweisen kann, dass sie ihrer Betreiberpflicht nachkommt«.

Jetzt wird weiter oben kontrolliert. »Moment, ich hole meinen Kinderkopf«, sagt Horstmann und kommt kurz darauf mit einem roten Gegenstand aus Hartplastik wieder. Hinter der Treppe, an einer Empore aus Holz, demonstriert er, wofür er gut ist. Dort ist quer ein Stange aus Metall eingezogen, damit kein Kind herunterfällt - das sieht gut aus. Horstmann zeigt aber auf die Lücke zwischen Emporenboden und Stange. »Wir schauen mal, was passiert, wenn ein Kind da durchrutscht.«z

Auch die Eltern sind gefragt

Ein echtes Kind will natürlich niemand gefährden, realistisch muss der Test trotzdem sein. Dafür nimmt Horstmann zunächst ein anderes, fast rechteckiges Plastikstück und schiebt es durch die Lücke. »Das ist der Körper, da würde das Kind schon mal nicht durchpassen.« Wäre dies der Fall, würde als nächstes der nachgeahmte Kopf zum Einsatz kommen: Wenn auch dieser durchrutscht, kein Problem. Wenn nicht, würde der Kopf steckenbleiben, während der Körper mit seinem Gewicht weiter nach unten zieht. Das kann zu schlimmsten Verletzungen führen. Mit einer Ausnahme, wie Horstmann erklärt: »Wenn das auf einer Höhe unter 60 Zentimetern passiert, kann man davon ausgehen, dass das Kind stehen kann und sich nicht verletzt.«

Zumindest nicht schwer - und das ist das Wichtigste, was Horstmann überprüft. Sein Job ist es, auch unscheinbare Gefahrenstellen zu erkennen und das Risiko zu minimieren, dass ein Unfall tödlich endet. Laut Norm dürfen Gehirnerschütterungen und Armbrüche auf einem Spielplatz vorkommen. »Wir wollen die Kinder nicht in Watte packen«, betont der TÜV-Mitarbeiter. Das bedeutet auch, dass nicht jede Brennnessel weggeschnitten wird und unter der Seilbahn kein Gummi-Granulat nötig ist, sondern ein Rasen als Fallschutz ausreicht.

Wichtiger ist es, zu überprüfen, ob die Nestschaukel hoch genug hängt: Ein daneben stehendes Kind soll, wenn es von der schweren Schaukel getroffen wird und hinfällt, nicht darunter eingequetscht werden. Ebenso wichtig ist es, bei der Holzrampe zum Hochklettern sicherzustellen, dass es ab einer gewissen Höhe keine Lücken gibt, in denen ein Finger steckenbleiben kann, falls das Kind herunterfällt. Und bei aller Arbeit, die Horstmann und Rühl erledigen: Ebenso wichtig ist es, dass die Eltern ihrer Aufsichtspflicht nachkommen.

INFO: SPLITTERNDES PLASTIK UND GEFÄHRLICHE KAPUZEN

Schwere Unfälle auf Spielplätzen kommen in Deutschland überaus selten vor. »Die Zahlen gehen deutlich zurück«, sagt Julian Horstmann vom TÜV Hessen. In den 90er Jahren war das noch anders, was zumindest aber etwas Positives nach sich zog: Die Vorgaben wurden daraufhin geändert und tragen nun Früchte. Ein Strangulationsunfall in Offenbach zum Beispiel führte dazu, dass Horstmann zur Prüfung immer auch eine Kette mitbringt, die aussieht wie ein Stöpsel fürs Waschbecken. Damit kontrolliert er an Rutschen, ob das unten meist geknotete Bändchen einer Kapuze hängenbleiben kann.

Bei Spielgeräten nach DIN EN 1176-1 sind solche Sicherheitsaspekte berücksichtigt. Plastik, das gesplittert zu scharfen Kanten führt, gibt es hier nicht, dafür aber Bauteile, deren Belastbarkeit überprüft wurde und für die auch Ersatz besorgt werden kann. Das ist wichtig, denn ein Spielgerät kann bei guter Wartung jahrzehntelang genutzt werden. Das merkt man allerdings auch am Anschaffungspreis: Ein Kombi-Klettergerät kostet zum Beispiel mehr als 10 000 Euro.

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Der Spielplatz am Hof Grass wird heute vom TÜV überprüft. © Dagmar Bertram
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Mit dem Zollstock misst TÜV-Mitarbeiter Julian Horstmann mit Klaus Rühl vom Hungener Bauhof unter der Schaukel, ob ein Kind darunter eingequetscht werden kann. © Dagmar Bertram
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Mit sog. Lehren, die einen Kinderkopf und -körper simulieren, wird gecheckt, ob ein Körperteil im Spielgerät steckenbleiben kann. © Dagmar Bertram
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Beim Trampolin reicht die Hand zur Kontrolle aus. © Dagmar Bertram
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Unschön, aber kein Sicherheitsrisiko: Messerspuren am Seilbahnsitz. © Dagmar Bertram
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Wichtig ist es, bei der Holzrampe zum Hochklettern sicherzustellen, dass es ab einer gewissen Höhe keine Lücken gibt, in denen ein Finger steckenbleiben kann, falls das Kind herunterfällt. © Dagmar Bertram

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