Krematorium: Moderne Technik in denkmalgeschütztem Haus

Friedberg (jw). Krematorien sind für viele Menschen mit Tabus belegt. Kaum einer hat jemals ein Krematorium besucht, und so kursieren schnell Gerüchte wie die, teure Särge würden nicht verbrannt, sondern weiterverkauft, und das Zahngold oder der Schmuck der Verstorbenen füllten doch sicher die Kaffeekasse der Betreiberfirma. Nichts davon ist wahr, sagt Gabriele Schreiber von der Offenbacher Dienstleistungsgesellschaft ESO. Vor drei Jahren übernahm die ESO das Krematorium auf dem Friedberger Hauptfriedhof. Damit sich die Bürger ein Bild von der Einrichtung machen können, lädt die Betreiberfirma für den 16. Juli zum Tag der offenen Tür ein.

Als das Friedberger Krematorium 2008 außer Betrieb gesetzt wurde, war die Technik völlig veraltet. Die ESO, ein Eigenbetrieb der Stadt Offenbach, der seit vielen Jahren Krematorien betreibt, investierte über 1 Million Euro in diese einzige Anlage ihrer Art im Umkreis von 30 Kilometern. Acht Monate lang dauerte die Sanierung, modernste Technik wurde eingebaut, ein ständiger Kontakt zur Denkmalpflege war dafür nötig. Um die riesigen Brennanlagen in den Keller zu schaffen, mussten sich die Handwerker allerhand einfallen lassen, damit das Mauerwerk nicht beschädigt wird.

Nicht nur die Räume wurden komplett saniert, auch die Leitwarte wurde erneuert und ein neuer Ofen wurde installiert. Der Keller gleicht einer Heizungsanlage, moderne Technik trifft hier auf die alten Fliesen und die engen Zuschnitte der Räume. Die Arbeiten waren notwendig, um den Umweltanforderungen gerecht zu werden und einen ökologisch sinnvollen Betrieb zu gewährleisten. So wird das Gebäude nun über die Abwärme des Krematoriums beheizt.

Die ESO hatte sich in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren durchgesetzt und unterzeichnete im März 2008 den Pacht- und Betreibervertrag mit einer Laufzeit von 14 Jahren. Heute blicken die Betreiber auf zweieinhalb Jahre zurück und ziehen ein durchaus positives Resümee. "Zwar wissen nach wie vor viele gar nicht, dass die alte Anlage wieder in Betrieb genommen wurde, doch der Kundenkreis wächst stetig an", sagt Werner Hornoff, Leiter des Krematoriums. Als Vorteil der Anlage nennt er die Ortsnähe: Für die Kunden fallen Fahrtzeiten und Fahrtkosten weg. Auch aus dem Umland kämen mittlerweile viele Bestatter nach Friedberg. "Wir haben flexible Servicezeiten, bieten Einäscherungen innerhalb von 24 Stunden oder einen Hol- und Bringservice", sagt Hornoff. Seit der Wiederinbetriebnahme verzeichnet die Anlage rund 3000 Einäscherungen. Die Leistungsgrenze ist noch nicht erreicht. 3500 Einäscherungen pro Jahr seien möglich, sagt Hornoff. "Die steigende Zahl sehen wir als Bestätigung unserer Arbeit," ergänzt Gabriele Schreiber, Leiterin der Städtischen Friedhöfe in Offenbach.

Urnen aus Blech, Maisextrakt und Brotteig

Wer sich ein Bild von der neuen Anlage machen will, kann dies am Samstag, 16. Juli, von 13 bis 16 Uhr beim Tag der offenen Tür tun. Geplant sind Führungen durch die Anlagen, garniert mit vielen Informationen über die Historie des Gebäudes. Das im Jahr 1917 in Betrieb genommene Krematorium zählt zu den ersten seiner Art in Deutschland. Interessant dürfte nicht nur der Dreikammerofen mit einem Spitzenheizwert von 900 Grad sein, auch über das Qualitätsmanagement oder über die verschiedenen Urnen wird dann aufgeklärt. Die üblichen Weißblechurnen etwa zersetzen sich nach 15 Jahren, von den Öko-Urnen aus Maisextrakt ist bereits nach vier bis sechs Wochen nichts mehr übrig. Bei Seebestattungen hingegen werden Urnen aus Brotteig verwendet, die sich zersetzen, bevor sie in Kontakt mit dem Meeresboden kommen. Ein Indiz dafür, dass die Emissionen des Ofens die Grenzwerte nicht überschreiten, liefert nicht nur die EDV-gestützte Technik, sondern auch eine Beobachtung, die Krematoriumsmitarbeiter Jürgen Kröll neulich gemacht hat. "Wildenten hatten sich auf dem Glockenturm niedergelassen, direkt über dem Schornstein. Das hat denen nicht geschadet."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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