1. Gießener Allgemeine
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Joe Bausch in Friedberg: Gefängnisarzt und Entertainer

Erstellt:

Von: Harald Schuchardt

Kommentare

sda_bausch_010322
Joe Bausch kommt zur Lesung in die Augustinerschule - liest aber eher selten. Meistens erzählt er aus seinem abwechslungsreichen Leben. © Loni Schuchardt

»Ich warne Sie, ich kann alles außer kurz«, sagte Joe Bausch zu Beginn seines Auftritts bei »Friedberg lässt lesen« am Freitagabend in der ausverkauften Aula der Augustinerschule.

Seine »Drohung« machte der ehemalige Gefängnisarzt, der als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner Tatort bundesweit bekannt wurde, wahr. Über zweieinhalb Stunden dauerte die Lesung, die allerdings mit einer Buchvorstellung recht wenig zu tun hatte.

Es wurde ein vergnüglicher Abend, bei dem der 68-Jährige, der bis zur Versetzung in den Ruhestand als Regierungsmedizinaldirektor in der JVA Werl tätig war, aus seinem Leben erzählte - meist mit viel Humor, sich aber auch durchaus ernst mit dem deutschen Strafvollzug und dessen Folgen auseinandersetzte.

Mit dabei war - wie schon vor drei Jahren - die Band Bluesdoctors aus Gießen, allerdings waren die Musiker nur zu dritt, da Schlagzeuger Manfred Jung krankheitsbedingt ausgefallen war. Doch auch als Trio überzeugten Hartmut Dietrich (Harp, Gesang), Gitarrist Thomas Geis und Christoph Handrack (Piano, Gesang) mit ihrem fetzigen Blues, etwa mit dem Song »On my way« zum Auftakt.

»Die drei hätten ja ruhig länger spielen können. Jetzt muss ich ran«, sagte Bausch, der nach »monatelanger Abstinenz« bestens aufgelegt war. »Eigentlich müsste ich ja Geld bezahlen, weil ich wieder auftreten darf.«

Zu seinen beiden Büchern, dem zehn Jahre alten »Knast« und dem vor drei Jahren erschienen Bestseller »Gangsterblues«, griff der Autor nur selten.

»Ich kann auch vorlesen«, sagte Bausch, der jedoch überwiegend frei redete, von seinen Anfängen als Arzt - er wollte einst Urologe werden - bis hin zum Umgang mit den Medien. Dabei flanierte er unentwegt über die Bühne, meist im Halbdunkel am nicht ausgeleuchteten Bühnenrand, um so Kontakt mit den Besuchern zu bekommen.

Kontakt ist ihm wichtig - bei seinen Auftritten ebenso wie in seinen 32 Jahren in der größten Justizvollzugsanstalt Nordrhein-Westfalens mit 1100 Insassen, darunter im Hochsicherheitstrakt die »Creme de la Creme«, wie Bausch die Mörder, Betrüger und Drogenhändler, die zum Teil Jahrzehnte lange Haftstrafen verbüßen, bezeichnete.

»Kennen Sie jemanden, der nicht beruflich im Knast war?«, fragte Bausch die Besucher. Er treffe in seinen Lesungen schon mal auf »alte Bekannte«, sagte der Arzt, der auch in der JVA Dokumentationen drehte. Dank dem JVA-Leiter, der viel Verständnis für Öffentlichkeitsarbeit hatte, wurde Werl zur »Bundesjustizmedienanstalt, bei der die Filmteams ein und ausgingen«, wie Bausch erzählte.

Für ihn stünden die Täter oft zu sehr im Mittelpunkt, daher drehte er eine fünfteilige Serie für den WDR, bei denen die Opfer zu Wort kamen. »Die hatten nach zehn und mehr Jahren noch panische Angst; die Täter sehen das alles viel entspannter«, sagte Bausch, der aus seinem zweiten Buch »Gangsterblues«, einige konkrete Fälle kurz anlas, um sie dann in seiner Bildsprache zu erklären.

Zum Abschluss ein Elvis-Song

Ganz ruhig wurde es, als Bausch das tragische Schicksal eines jungen Mannes erzählte. Der hochtalentierte Fußballer wurde mit 15 von einem Talent-Scout aus Afrika nach Deutschland geholt, trainierte bei einem Bundesligisten, bekam schwere Rückenprobleme und wurde vom Management fallengelassen. Um weiter Geld zu seiner Familie zu schicken, rutschte er ins Drogenmilieu ab. Bausch: »Knast ist nicht immer was zu lachen«. Auch viele Psychopathen sitzen in den Gefängnissen statt in einer forensisch-psychiatrischen Klinik. »Wir müssen im Knast Probleme lösen, die wir nur ganz schwer lösen können«, sagt Bausch, der ein einheitliches EU-Strafrecht fordert. »Aber das kriegen wir ja in 16 Bundesländern nicht hin. Jeder legt das Gesetz anders aus.«

Den Abschluss des Abends gestalteten die Bluesdoctors mit ihrer Version des Elvis-Hits »Heartbreak-Hotel«, während Bausch leicht tänzelnd und höchst vergnügt durch den Saal ging und sich so von den begeisterten Besuchern verabschiedete.

Auch interessant

Kommentare