+
"Wünch Dir was": Beim Auftakt des ISEK-Prozesses zur Stadtentwicklung in Friedberg werden Vorschläge gesammelt und auf einem überdimensionalen Stadtplan markiert. Ideen gibt es viele, es fehlt nur an Bürgern, die sich beteiligen.

Stadtentwicklungsprozess gestartet

ISEK: Viele Ideen für Friedberg gesammelt, aber nur bescheidene Resonanz

  • schließen

Friedberg (jw). Nur rund 60 Bürger kamen am Montag zum Auftakt des ISEK-Prozesses in Friedberg. Im Oktober starten die AGs, dann erhofft sich die Stadt mehr Zulauf.

Der Friedberger ISEK-Prozess ist gestartet, die Bürger sollen bei der Stadtentwicklung mitreden. Mögen die Erwartungshaltungen hoch sein, so war der Andrang beim Auftakt am Montagabend im Bürgerhaus Ockstadt eher mäßig. Es waren über den Daumen gepeilt 0,2 Prozent der Bevölkerung, die Interesse zeigten. Die Arbeitsgruppen kommen erstmals am 14. Oktober zusammen. Bleibt es bei der mauen Beteiligung, wird Friedberg zur grünen Oase ohne Autos.

Okay, das war übertrieben. Autos dürfen auch in Zukunft in Friedberg fahren. Betrachtete aber die Stadtpläne, auf denen die Teilnehmer des ISEK-Auftaktforums farbige Punkte dorthin klebten, wo sie Verbesserungspotenzial sehen, dürfte die Kreisstadt ihr Gesicht radikal ändern. Grüne Punkte ("Freiraum") und blaue ("verkehrliche Änderung") waren deutlich in der Überzahl.

Auch die schriftlich geäußerten Wünsche der Teilnehmer lassen keine Zweifel darüber, was am meisten gewünscht wird: Weniger Autoverkehr, mehr Radwege, Umwandlung eines Teils der Kaserne in einen Park, ein Naturgarten auf den 24 Hallen ("Eigentümer enteignen"), ein mit Wasser gespeister Naturspielplatz am Kühlen Grund. Manche Wünsche berühren Privateigentum ("Golfplatz ökologisch gestalten"), manche konterkarieren, worauf sich die Stadtverordneten bereits festgelegt haben: die Aufteilung von Wohnen und Gewerbe in der Kaserne etwa.

Sechs Stationen

Sechs Stationen mit Stadtplänen und Tafeln für Notizen waren im Bürgerhaus Ockstadt aufgebaut. Dass der ISEK-Auftakt in einem Ortsteil stattfindet, begründete Bürgermeister Dirk Antkowiak mit Raumproblemen in der Stadthalle. Vielleicht wäre das Festzelt auf dem Herbstmarkt der bessere Ort gewesen, zumindest wären dann mehr Friedberger gekommen. Es waren 62 Personen anwesend, inklusive Stadtverordnete, Verwaltung, Presse und Vertretern des Stadtplanungsbüros Firu; eine einzelne Einzelhändlerin war erschienen.

Mehrere Teilnehmer bemängelten, dass nur wenige Friedberger erschienen seien, obwohl der Termin, wie Antkowiak sagte, seit Wochen bekannt war. Der Bürgermeister verwies noch einmal auf den Sinn des ISEK-Prozesses: "Wir wollen Friedberg mit den Friedbergern planen." Kirsten Janson und Anika Rorhfuchs-Buhles von Firu unterstrichen dies, die "Experten vor Ort" wollen man einbinden. Umso erstaunlicher, dass ein Teilnehmer genau das Gegenteil forderte, nämlich Anstöße von ortsfremden Experten.

Zweifel, aber auch positive Stimmen

"Was Friedberg besonders macht" war eine der sechs Stationen überschrieben. Eine Antwort lautete: "Stagnation seit 30 Jahren". Überhaupt war an vielen positiven Aspekten ein "aber" oder "leider" angehängt: Es gibt zwar touristische Anziehungspunkte, aber sie werden nicht beachtet.

Der Abend war - nach der Umfrageaktion mit dem "Roten Sofa" in der Kernstadt und allen Stadtteilen - abermals eine Art Brainstorming in Sachen Stadtentwicklung: Jeder durfte Wünsche und Ideen aufschreiben, ob und wie sie umzusetzen sind, soll in den Arbeitsgruppen diskutiert werden. "Irgendwie hatten wir das alles schon", wurde mehrfach geäußert. Der Agenda-Prozess ist bei vielen noch in guter, oder sagen wir besser: in lebhafter Erinnerung.

Viele Teilnehmer äußerten leise Zweifel. "Das bringt uns nicht weiter", "Banalitäten" oder "Alibiveranstaltung" war bei den Diskussionen zu hören. Andere bemängelten, dass "doch wieder nur das gleiche Klientel wie beim Agenda-Prozess" gekommen sei. Aber es gab auch andere Stimmen: "Es wird viel zu viel gemeckert. Das ist ein positiver Prozess, diese Botschaft müssen wir nach außen tragen", sagte eine Unternehmerin. "Auch die Meckerer sind beteiligt." Und müssen sich spätestens in den Arbeitsgruppen die Frage stellen, ob der ein oder andere Wunsch überhaupt finanzierbar ist. Das Schlusswort hatte Dr. Christiane Pfeffer, Leiterin des Amtes für Stadtentwicklung, die zugab, man habe mehr Resonanz erwartet. Nun hofft sie auf eine rege Beteiligung möglichst vieler Bürger in den Arbeitsgruppen.

Die nächsten Termine

Sechs Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten des ISEK-Prozesses. Die Themen lauten: Bildung und Soziales; Erreichbarkeit und Mobilität; Freiraum, Klima und Naherholung; Wohnen; Einzelhandel und Wirtschaft; Kultur und Tourismus. Die ersten drei AGs treffen sich am Montag, 14. Oktober, um 19 Uhr in der Stadthalle; für die drei übrigen AGs beginnt die Arbeit am Dienstag, 22. Oktober (gleicher Ort, gleiche Uhrzeit). Am Samstag, 19. Oktober, können die Friedberger beim Tag der offenen Kaserne (12 bis 17 Uhr) erneut auf dem roten ISEK-Sofa Platz nehmen und ihre Ideen für die Entwicklung der Kreisstadt loswerden.

Kommentar

Wenn man feststellt, dass es die "üblichen Verdächtigen" waren, die am Montag zum Auftakt des ISEK-Prozesses kamen, ist das nicht despektierlich gemeint. Es gibt eine kleine Gruppe von Bürgern, die sich nicht entmutigen lassen und sich trotz mancher Rückschläge ("Die Politiker machen ja doch, was sie wollen") für die Allgemeinheit engagieren. Gut, dass es sie gibt. Wenn der übergroße Rest der Friedberger aber kein Interesse zeigt, ergibt sich eine Unwucht. Dann wird der Fußgängertunnel, der unter den Bahngleisen nach Fauerbach führen soll, zu einem der am meisten gewünschten Projekte, weil er die meisten bunten Punkte auf dem Stadtplan erhalten hat. Dass der Tunnel die Stadt zig Millionen kosten würde, steht auf einem anderen Blatt. Auch ärgerte sich ein Stadtverordneter über die Forderung "Mehr Grün": "Genau dafür setzten wir uns doch seit Jahren ein." Noch nicht alles läuft rund beim Versuch, die Stadtentwicklung auf neue Füße zu stellen. Damit das Ergebnis am Ende nicht wackelt, ist eine größere Beteiligung unbedingt erforderlich.

Quelle: Wetterauer Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare