"Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtig"

Friedberg. Der Bundestag hat Ende Oktober ein neues Kinderschutzgesetz verabschiedet. Es sieht unter anderem den Einsatz von Familienhebammen und eine bessere Zusammenarbeit der Jugendämter vor. Der Bundesrat hat das Gesetz nun vorerst blockiert.

Kritisiert wird vor allem die unklare Finanzierung nach den ersten vier Jahren sowie die unzureichende Verzahnung von Jugendhilfe und Gesundheitsschutz. Eine Gruppe engagierter Fachkräfte aus Friedberg und Umgebung hakt bereits jetzt bei diesem Punkt ein.

Die Vernetzung der in Kinder- und Jugendhilfe tätigen Menschen – das ist das Anliegen von Dr. med. Andreas Rave (Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie), Justina Buch (Schulpsychologin am Staatlichen Schulamt Friedberg), Markus Pleyer (Kinder- und Jugendpsychotherapeut), Romy Nickel (Diplom-Sozialarbeiterin) und Frank Appel (Diakonie). Gemeinsam versuchen sie, die Zusammenarbeit und den Netzwerkgedanken der unterschiedlichen Professionen voranzutreiben. Im August organisierten sie im Schulamt erstmals eine Veranstaltung, die die Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen und Kontakteknüpfen bieten sollte. Eingeladen waren unter anderem Kinderärzte, -psychologen und -psychotherapeuten, Schulleitungen, Schulpsychologen und -therapeuten, Sprecher aus den Kindergärten, Angestellte aus dem Jugendamt, vom Sozialen Dienst und von Wildwasser Wetterau.

"Wir haben bewusst einen freundlichen und ungezwungenen Rahmen gewählt. Es war ein gemeinsames Kennenlernen in netter Atmosphäre", erinnert sich Romy Nickel. Das Besondere an der Veranstaltung sei gewesen, dass sie Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen die Gelegenheit zur Begegnung bot. Neben Angestellten aus städtischen und sozialen Einrichtungen seien viele niedergelassene Therapeuten und Ärzte gekommen.

Schweigepflicht ist Selbstverständlichkeit

Ungefähr 50 Fachkräfte waren der Einladung gefolgt. "Es scheint also ein Bedürfnis nach Meinungsaustausch vorhanden zu sein", sagt Andreas Rave. Er und Justina Buch tauschen sich bereits seit längerem über Schwierigkeiten, Probleme und Lösungen ihrer Fälle aus. Dass dies immer unter Wahrung der Schweigepflicht geschieht, ist eine Selbstverständlichkeit, betonen beide. Sie haben allerdings festgestellt, wie bereichernd und fruchtbar dies für ihre Arbeit und somit auch für die Behandlung ihrer Patienten ist. Dieser Erkenntnis entsprechend sei es wünschenswert, die Verständigung zwischen unterschiedlichen Professionen zu fördern. "Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist unheimlich wichtig", bestätigt Romy Nickel.

Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe werden mit vielfältigen Problemen und Konflikten ihrer Klienten konfrontiert. Diese können von Schwierigkeiten in der persönlichen und schulischen Entwicklung bis hin zu akuten Notsituationen wie Schulverweigerung, Perspektivlosigkeit oder gar Misshandlungen reichen. "Die Probleme sind von einer einzigen Anlaufstelle allein oft gar nicht zu lösen", sagt Markus Pleyer. Umso wichtiger sei es, die Kontakte zwischen unterschiedlichen Behandlungs- und Beratungsstellen zu intensivieren, findet auch Rave. "Den Betroffenen kann schneller adäquat geholfen werden, wenn die Abstimmungswege zwischen den unterschiedlichen Hilfestellern verkürzt werden. So wird Zeit effektiver genutzt und es kommt zu weniger Reibungsverlusten", sagt Buch. Die Runde aus engagierten Fachkräften würde sich wünschen, eine jährliche Veranstaltung zum Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Kinder- und Jugendhilfe etablieren zu können.

Sie können sich auch vorstellen, das Programm durch Fachvorträge zu erweitern. Zudem erhoffen sie sich, dass die Veranstaltung die Kolleginnen und Kollegen dazu anregt, sich weiter zu vernetzen. "Möglicherweise entstehen Untergruppen, die sich auch in kleinerem Kreise austauschen und gegenseitig unterstützen." Trotz aller Freude an der Sache und ihrem Nutzen kritisiert Pleyer, dass das Engagement bisher nicht ausreichend gewürdigt werde. "So etwas ist nicht vorgesehen und es bezahlt auch niemand. Wir machen das zu einem guten Teil in unserer Freizeit." Carolin Ebert

Quelle: Wetterauer Zeitung

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