In den heißen und trockenen Sommern fallen im Vogelsberg immer mehr Bäche trocken, hier der Streitbach in Groß-Eichen. FOTO: RS
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In den heißen und trockenen Sommern fallen im Vogelsberg immer mehr Bäche trocken, hier der Streitbach in Groß-Eichen. FOTO: RS

"Grundwasserpegel halten"

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Der Anfang war radikal: Vertreter der Schutzgemeinschaft Vogelsberg haben Ende der 1980er Jahre auch mal Anlagen der Wasserversorger abgebrannt, die Wasser aus dem Vogelsberg ins Rhein-Main-Gebiet lieferten. 30 Jahre später haben sie sich zu einem konstruktiven Gesprächspartner entwickelt.

Zum 30. Geburtstag hat sich die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV) mit einer Konzeptstudie beschenkt. Deren Fragestellung lautet: Wie kann die sichere Wasserversorgung für das Rhein-Main-Gebiet mit Natur- und Wasserschutz vereinbart werden? Im Rückblick auf die SGV- Geschichte räumte deren wissenschaftlicher Berater und Autor der Studie, Dr. Hans-Otto Wack, ein, dass auch die Schutzgemeinschaft in dieser Zeit dazugelernt, sich von einer Protestgruppe zu einem konstruktiven Gesprächspartner entwickelt habe.

Bagger brannten

Mit Schildern und Aktionen hatte die SGV nach ihrer Gründung im Herbst 1989 drei Jahre gegen die Fernwasserleitungen nach Frankfurt protestiert, die immer mehr Biotope im Vogelsberg bedrohten. Es sei klar gewesen, wo der Feind steht, erinnerte sich Hans-Otto Wack bei der Jubiläumsfeier, die in der NABU-Umweltwerkstatt Wetterau stattfand, an die Konflikte in den frühen Jahren. Da habe auch mal ein Bagger oder auch ein Brunnenkopf gebrannt, räumte das Urgestein der Trinkwasserschützer eine Radikalisierung angesichts der scheinbar übermächtigen Wasserversorgungsunternehmen ein.

24 Stunden lang blockierten Mitglieder der SGV im heißen, trockenen Sommer 1992 das Wasserwerk Inheiden, von dem aus ein Teil des Vogelsbergtrinkwassers nach Frankfurt geleitet wird. "In dieser Nacht fing es an zu regnen", beschrieb Wack ein scheinbares Wunder nach wochenlanger Dürre.

Mindestens genauso wunderbar war, dass die SGV nach dieser Blockade plötzlich als Gesprächspartner akzeptiert und eingeladen wurde. Das sei auch für die SGV ein Lernprozess gewesen. Wack: "Weil wir zum ersten Mal begriffen haben, dass in Wiesbaden bei der obersten Wasserbehörde nicht nur böse Feinde sitzen." Deshalb habe es nicht mehr genügt, gegen Missstände zu protestieren, man habe auch konstruktive Vorschläge machen müssen.

Zwar sind die Interessen immer noch im Grundsatz gegensätzlich. Die Wasserversorger, unter anderem Mainova, Hessen-Wasser und OVAG, wollen Wasser aus dem Vogelsberg nach Frankfurt leiten, das nur 20 bis 25 Prozent des Trinkwasserbedarfs aus eigenen Quellen deckt. Die SGV will dagegen Ökologie und Landwirtschaft im Vogelsberg schützen und deshalb weniger Wasser abgeben. In den vergangenen 30 Jahren ist aber auch gegenseitiges Verständnis gewachsen.

"Mithilfe des Wassers, das nach Frankfurt geflossen ist, wurde die Elektrifizierung Oberhessens finanziert", erinnerte Wack an die Ursprünge der Fernwasserversorgung am Ende des 19. Jahrhunderts. "Das war ein Geben und Nehmen, und das wünschen wir uns heute wieder." In ihrer Dokumentation und Studie zur Wasserversorgung mahnt die SGV, dass der Konflikt um die Fernwasserleitungen mit einem weitergehenden Stadt-Land-Konflikt verbunden sei.

Die SGV räumt aber auch ein, dass der ursprüngliche Konflikt zwischen Wassergewinnung und Naturschutz im Vogelsberg geringer geworden ist. "Seit Einführung der umweltschonenden Grundwassergewinnung vor rund 20 Jahren lässt sich beweisen, dass die Wasserversorgung Rhein-Main und der Wasserbedarf des Naturraums miteinander vereinbar sind", stellt die SGV in der Publikation fest. Voraussetzung sei, dass bei Betrieb und Genehmigung die Vorgaben dieses Systems, zum Beispiel die Beachtung von Mindestgrundwasserpegeln, eingehalten würden. In einigen Gebieten nähmen die Konflikte wieder zu, weil die Regeln nicht beachtet würden.

Für eigene Brunnen in Ballungsgebieten

Die SGV fordert, dass Frankfurt eigene Brunnen erhält und seinen Trinkwasserbedarf zu einem höheren Anteil selber deckt. Letzteres sei eine gesetzliche Vorgabe. Dies könne durch einen geringeren Trinkwasserverbrauch erreicht werden. So könne für Toilettenspülung oder Grünflächenbewässerung auch Regen- oder Mainwasser genutzt werden.

Dies ist bisher aber nicht im Interesse der Stadt Frankfurt und der Versorgungsunternehmen, an denen sie beteiligt ist. 5,7 Millionen Euro Gewinn hat die Mainova 2018 mit dem Trinkwasserverkauf erwirtschaftet. Damit trägt sie erheblich zum städtischen Haushalt bei. So lässt sich die Analyse der SGV in Teilen auch als Kapitalismuskritik lesen. Als privatwirtschaftlich arbeitende Unternehmen müssten die Versorger Umsatz und Gewinn steigern. Deshalb sei es notwendig, die Wasserversorgung wieder öffentlich-rechtlich zu organisieren, wolle man ernsthaft Einsparungen erreichen, resümiert die SGV.

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