Große Gefühle

  • vonHarald Schuchardt
    schließen

Liebesbriefe werden heute kaum noch geschrieben, auch wenn der Trend sich da angeblich gerade wieder etwas dreht. Noch vor einigen Jahrzehnten war dies anders. Insbesonders in den zurückliegenden Jahrhunderten erklärten sowohl Männer als auch Frauen in meist blumiger Sprache ihre Liebe per Brief, darunter viele prominente Zeitgenossen.

Liebesbriefe werden heute kaum noch geschrieben, auch wenn der Trend sich da angeblich gerade wieder etwas dreht. Noch vor einigen Jahrzehnten war dies anders. Insbesonders in den zurückliegenden Jahrhunderten erklärten sowohl Männer als auch Frauen in meist blumiger Sprache ihre Liebe per Brief, darunter viele prominente Zeitgenossen.

Der letzten Spezies hat sich die Frankfurter Theatercompanie »Die Tagträumer« angenommen. Die in Friedberg lebenden Regisseurin Veronika Brendel hat eine szenische Lesung inszeniert, die weit mehr als eine Lesung im üblichen Sinne ist. Bei ihrem Auftritt am Sonntagnachmittag im voll besetzten Kesselhaus des Alten Hallenbads lasen Uta Eckhardt, Gudrun Schnitzer, Ingeburg Amodé, Armin Hauser und Aaron Henninger nicht nur die Briefe von Oscar Wilde, Beethoven, Napoleon, Robert Schumann und Clara Wiek oder Bettina von Brentano.

Sie spielten die jeweiligen Protagonisten exzellent, manchmal ganz kurz, manchmal etwas länger, oft alleine, aber auch im Duett, während die Kolleginnen und Kollegen mit kurzen Zwischentexten die Hintergründe erläutern.

Untermalt wird das intensive Spiel der Fünf mit kurzen, immer passenden musikalischen Intermezzi von Geigerin Agi Perregi. Balladen, wie »Memories« aus Cats wechselten sich ab mit Wiener Melodien oder »Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?«.

Letzteres spielte die junge Virtuosin nach den von allen Fünfen gemeinsam gelesenen Brief des Münchner Komikers Karl Valentin an seine geliebte Liesl, wobei er zu dem Fazit kommt: »Mit unserer Schreiberei ist es sehr traurig«.

Valentins Ausführungen zum Thema »Schreiben« waren allerdings alles andere als traurig. Doch es gab auch durchaus ernste und vor allem überraschende Momente.

Zeitgleich lasen Ingeburg Amodé und Aaron Henninger die Briefe von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel. Minutenlang prasselten Liebkosungen, Liebesschwüre und Kosenamen auf die Besucher ein. Doch das Lächeln über diese Liebeserklärung verging den Zuhörern schnell, als sie erfuhren, dass es die Abschiedsbriefe des Paares waren. »Erst erschoss er sie, dann sich selbst«, erläuterte Uta Eckhardt.

Der Tod von Romy Schneider bewog 1982 dessen langjährige große Liebe Alain Delon zu einem ergreifenden letzten Liebesbrief an sein »Püppchen«, intensiv vorgetragen von Aaron Henninger. Armin Hauser überraschte als Mozart mit leicht österreichischem Akzent am Klavier sowie als sichtlich verärgerter Napoléon Bonaparte, der seiner Josephine mit harten Worten vorwarf, dass sie ihm nie antworte.

Die abwechslungsreiche Inszenierung endet mit einem »Briefe-Feuerwerk« mit kurzen Ausschnitten aus Briefen von Marlene Dietrich über Hildegard Knef bis hin zu Marilyn Monroe. Nach und nach verlassen die fünf die kleine Bühne, Agi Perregi spielt eine letzte Melodie auf ihrer Geige, die sie abrupt beendet. »Ich liebe Dich« liest sie auf ihrem Smartphone. »Ich liebe dich auch« tippt sie ein. Die Gegenwart hatte die begeisterten Besucher wieder. Briefe schreiben ist doch schöner.

Kommentare