Angst kann in vielen Formen auftreten - zum Beispiel als soziale Phobie. Betroffene verlassen nur selten noch das Haus. Andere leiden an sogenannten Panikstörungen - spontan auftretende Angstattacken. SYMBOLFOTO: NICI MERZ
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Angst kann in vielen Formen auftreten - zum Beispiel als soziale Phobie. Betroffene verlassen nur selten noch das Haus. Andere leiden an sogenannten Panikstörungen - spontan auftretende Angstattacken. SYMBOLFOTO: NICI MERZ

Selbsthilfe-Gruppe

Gemeinsam gegen die Angst

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Mit einem Unfall kam die Angst - vor dem Autofahren, vor Parkhäusern, vor dem Supermarkt. Doch Lisa M.* suchte sich Hilfe - bei Ärzten und in Selbsthilfegruppen. Eine dieser Gruppen trifft sich jeden Mittwoch in Butzbach.

Nach Friedberg fahren? Kein Problem. Gießen? Auch nicht. Aber Kassel? "Auf gar keinen Fall", sagt Lisa M. (*Name geändert, die Redaktion). Die Strecke wäre neu, zu weit. Unbekannt. Noch vor einigen Jahren wäre sie nicht einmal mit dem Auto in den Supermarkt um die Ecke gefahren. Das hat sich zwar geändert - auch, weil Lisa daran gearbeitet hat-, ganz verschwunden ist die Angst aber nicht.

Es ist nicht nur die Angst vor dem Autofahren. Es ist die Angst an sich, die ständig auftreten kann, ohne dass Lisa M. erklären könnte, was genau ihr Angst macht. Zum Beispiel meidet sie Parkhäuser. Oder Warteschlangen. "In solchen Situationen bekomme ich Atemnot. Herzklopfen. Meine Beine sind wie gelähmt."

Arbeitsstelle aufgegeben

Vor einigen Jahren noch, erzählt sie, war es besonders schlimm: "Ich bin morgens aufgewacht, dann kam die Angst" - und blieb den ganzen Tag über als Begleiter.

Angefangen hat es mit einem Unfall auf der Autobahn vor knapp 15 Jahren. "Bis dahin hatte ich ein schönes Leben." Der Unfall ging zwar glimpflich aus, dennoch veränderte sich für Lisa von da an alles. Zuerst konnte sie keine Autobahn mehr fahren, bald schon wollte sie gar nicht mehr am Steuer eines Autos sitzen, kurz darauf begann sie, den Supermarkt zu meiden. Und da sie mit dem Auto zur Arbeit fahren musste, gab sie letztlich ihre Stelle auf.

Angststörungen gibt es in vielen Ausprägungen. Eine Form davon sind Phobien - etwa vor Spinnen oder Tunneln. Andere Formen sind die sogenannten Panikstörungen - spontan auftretende Angst- attacken - oder die Sozialphobie. Auch damit hat Lisa M. Erfahrung. Der letzte Weihnachtsmarktbesuch in Frankfurt endete damit, dass sie bloß hinter den Buden gehen konnte. "Seither bin ich nicht mehr dagewesen."

"Es gibt so viele Ängste", sagt sie. Doch alle, die von Angststörungen betroffen seien, "sitzen im selben Boot". Deswegen seien Selbsthilfegruppen ein wichtiger Teil des Umgangs mit der eigenen Angst.

Lisa M. hat das selbst immer wieder erfahren. Sie ist viele Jahre in einer Gruppe gewesen. Aus terminlichen Gründen musste sie aussteigen. Doch schon bald hat sie eine eigene gegründet - zuerst in Butzbach, dann in Friedberg. Beide gibt es nach wie vor. Nun ist eine dritte hinzugekommen, auch in Butzbach (siehe unten).

90 Minuten dauert ein Treffen. Eine Besonderheit ist die "Fünf-Minuten-Sanduhr": Zu Beginn hat jeder fünf Minuten Zeit zum Erzählen. Von der Angst, davon, wie die Woche war. Von guten und von schlechten Erfahrungen.

Meistens sind mehr Frauen in der Gruppe, sagt Lisa M. "Aber es ist wichtig, dass auch Männer kommen. Weil die vieles aus einer anderen Perspektive sehen." Auch beim Alter der Teilnehmer wünscht sie sich eine gute Mischung: "Der Krankheit ist es ja auch egal, welches Alter jemand hat." Eine Angststörung kann bei 20-Jährigen ebenso auftreten wie bei 60- oder 70-Jährigen. Eine Selbsthilfegruppe alleine reiche als Hilfe zwar nicht aus (daher muss jeder Teilnehmer entweder eine Therapie machen oder hinter sich haben), aber, sagt Lisa M.: "Sie ist der Punkt auf dem i."

Sie nennt ein Beispiel: Erst kürzlich habe sie in der Gruppe von ihrer Angst vor roten Ampeln gesprochen. "Ich kann es nicht erklären, wovor ich genau Angst habe. Aber es hat etwas mit dem Stillstand zu tun." Ein anderer Teilnehmer gab ihr einen Rat: Statt sich beim Warten an der Ampel auf die Angst zu konzentrieren, solle sie zählen. Eins, zwei, drei… "Es hat funktioniert." Keine Atemnot, kein Herzklopfen. Jetzt könne sie problemlos an der Ampel stehen - auch ohne zu zählen.

So helfen sich die Teilnehmer gegenseitig. Denn, sagt Lisa M.: "Es geht immer um Lösungen." Und die gibt es in den meisten Fällen - auch wenn es nicht leicht ist, sie zu finden.

Lisa ist ein gutes Beispiel dafür. Allein, dass sie wieder Auto fährt. Oder dass sie sich wieder mit Freundinnen trifft. "Am Anfang habe ich immer abgesagt. Man findet ja viele Ausreden: Kopfschmerzen, Zahnschmerzen…"

Sobald es möglich ist, möchte sie wieder eine Therapie machen. Früher, vor dem Unfall, wäre sie nie auf die Idee gekommen, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sagt sie. Weil sie aus einer Zeit komme, in der psychische Krankheiten abwertend betrachtet worden seien. Heute weiß sie es besser: "Wer sich einen Arm bricht oder zu hohen Blutdruck hat, geht ja auch zum Arzt."

Die Gruppe

Seit Juni trifft sich in Butzbach die Selbsthilfegruppe "Sorgenfresser". Menschen mit Ängsten, Panikattacken und sozialen Phobien können sich jeden Mittwoch ab 18 Uhr untereinander austauschen und nach Lösungen für ihre Probleme suchen.

Betroffene, die Verständnis und Beistand durch andere suchen und damit das Gefühl entwickeln, mit ihren Angsterfahrungen nicht allein zu sein, sind herzlich willkommen. Die angebotenen Räumlichkeiten sind groß genug und bieten genügend Möglichkeiten zur Einhaltung der Abstandsregeln.

Nähere Informationen gibt es unter Telefon unter 01 51/50 62 09 35 oder über die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Wetteraukreises unter Telefon 0 60 31/83 23 45.

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