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Das Kirchenasyl selbst war nicht umstritten, sagt die scheidende Friedberger Pfarrerin Susanne Domnick. Wie es in der Gemeinde umgesetzt war, darüber gab es Auseinandersetzungen. Ab Mai wirkt Domnick in Frankfurt. 

Domnick-Abschied

Abschied von Pfarrerin Domnick: Keine Frau für Sonntagsreden

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Beim Abschied schenkt Friedbergs Pfarrerin Susanne Domnick dem WZ-Reporter einen Button: "Ich bin anders als vermutet, selten wie erwartet und erst recht nicht, wie andere es gern hätten." Passend.

Frau Domnick, bei der Gemeindeversammlung Anfang Dezember in der Stadtkirche wurde eine Aussprache zwischen Ihnen und dem Kirchenvorstand gefordert. Gab es die gewünschte Klärung?

Ja und nein. Wir haben eine Form gefunden, uns voneinander zu verabschieden. Der Weg des Kirchenvorstands, mich hier loszuwerden, ist aber nicht zur Sprache gekommen. Und das ist ja das, was den Riss durch die Gemeinde macht. Nicht, dass ich gehe, sondern wie ich gehen muss.

Sie hätten sich einen anderen Abschied gewünscht?

Für mich ist es wirklich in Ordnung, in den letzten Amtsjahren noch einmal etwas Neues zu machen. Ich habe hier in Friedberg ein unglaublich großes und weites Feld bearbeitet. Das im Alter von 60 ein bisschen zu verkleinern, ist in Ordnung. Aber wie das gelaufen ist, das hat die Gemeinde tief geschädigt.

Manche hatten den Eindruck, der Dekan wolle eher einen Schlussstrich ziehen, als die Probleme innerhalb der Kirchengemeinde zu lösen.

In der Kirchengemeinde gibt’s keine Probleme. Es gab Probleme im Pfarrteam und im Kirchenvorstand. Ich schätze das genauso ein, aber damit müssen die klar kommen, die sagten: Zwei Vakanzen sind uns lieber als eine Pfarrerin, die ein bisschen eigenmächtig ist.

Es gibt auch Leute, die Ihnen die Schuld an der Misere zuschreiben, weil sie polarisieren.

Ich habe das gehört und weniger als Polarisierung erlebt. Vergessen wird, dass in Beziehungen alle einen Anteil haben, und ich unterschlage meinen nicht. Es ist bequem, einen Sündenbock zu haben. Dann muss man nicht über sich selbst nachdenken.

Als Sie 1997 in Friedberg ankamen, haben Sie gleich polarisiert mit einem Abschiedsritual für Eschen, die in der Mainzer-Tor-Anlage gefällt wurden. Nachher wurde Ihnen "Geistervertreibung", "Esoterik" und "Gotteslästerung" vorgeworfen. Was haben Sie da gedacht?

Wenn ich die erste anständige Beerdigung gehalten habe und die Schwarze Sieben das an Fasching durch den Kakao gezogen hat, dann ist es durch. Sehen Sie: Wer bei dem Abschied dabei war, der hat, so glaube ich, gespürt, wie gut es tut, sich von alten Bäumen zu verabschieden. Wie wird das jetzt bei unseren Trauerfeiern in Zeiten von Corona? Würdevoll, in Liebe und Respekt von Menschen Abschied zu nehmen: Das nicht mehr zu können mit allen, die daran teilnehmen wollen, wird uns viel abverlangen.

Die Jugendarbeit war Ihnen sehr wichtig.

Ich habe am Anfang gedacht, es gibt ein evangelisches Jugendzentrum. Später habe ich mich für das Junity eingesetzt. Eine religionspädagogisch-verantwortliche Arbeit mit Jugendlichen, das ist ein Schwerpunkt geblieben.

Von Bäumen zu Menschen. Gibt es Gemeindemitglieder, an die Sie sich besonders gerne erinnern?

An einen von den Jungs am Taubenplatz (der Wohnsitzlosen-Treff am Konrad-Adenauer-Platz, d. Red.). Er kam im Oktober auf mich zu, zitierte meine Predigt vom letzten Weihnachtsgottesdienst und sagte, daran erinnere er sich bis heute. So eine Nachhaltigkeit, das hätte ich nie erwartet. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich Obdachlosen und den Geringsten so nahe sein kann. Dazu zählt auch die Arbeit von Birgit Pflügel beim gemeinsamen Mittagessen.

Das Pfarrhaus stand bei Ihnen stets offen.

Permanent. Warum kriegen Pfarrerinnen und Pfarrer so schöne Häuser? Es ist ja kein Selbstzweck, dass Pfarrer so toll wohnen dürfen. Es geht darum, in diesen Häusern Schutzraum zu bieten. Angefangen hat das hier, als es für Jugendliche keine Räume gab, dass im Keller eine Band geprobt hat. Ich habe vorne ein Bild, da steht "Schutz und Heimat" in verschiedenen Sprache drauf, auch auf Persisch und Arabisch. Freunde haben das Bild gemalt. Neulich steht der Pizzalieferant davor und sagt mit großen Augen: "Das ist ja schön, was da steht." Dafür sind Pfarrhäuser da, dass Menschen dort Zuflucht finden, dass Jugendliche in Not Aufnahme finden.

Haben Sie das Gefühl, der Gemeinde Schutz und Zuflucht gegeben zu haben?

Ja. Das hat sich 23 Jahre lang entwickelt. Durch die Aufnahme von Geflüchteten hat sich meine Arbeit total geändert, auch mein Glaube hat sich geändert.

Das Kirchenasyl war auch in der Gemeindeversammlung ein wichtiges Thema.

Das Kirchenasyl selbst war nicht umstritten. Der Kirchenvorstand war sich einig, dass wir das gewähren. Was sich in den letzten Jahren nicht mehr transportiert hat, war, dass ich einer Schwangeren nicht sagen kann: Ich kann in drei Wochen, wenn wir Kirchenvorstandssitzung haben, entscheiden, ob du kommen darfst. Dann wäre sie abgeschoben worden, nach Polen ins Lager. Der vorige Kirchenvorstand, der bis Herbst 2015 im Amt war, hatte damit einen anderen Umgang. Dann haben sich die Entscheidungswege verkompliziert. Der barmherzige Samariter kann nicht zu dem am Boden Liegenden sagen: Ich bespreche das in meinem Gremium und sage dir morgen, ob ich dir ein Pflaster geben kann. Das geht nicht. Da im Kirchenvorstand niemand mehr war, der sich damit wirklich identifiziert hat, wurde das schwierig. Für alle Notleidenden gilt: Die halten sich weder an die Arbeits- noch an die Öffnungszeiten. Entweder kümmern wir uns um sie oder nicht.

Sie waren immer eine politische Pfarrerin, haben auf Demos gegen Rechtsextremismus gesprochen, mit Ihrer Meinung nie hinterm Berg gehalten. Gab es Leute, die Ihnen rieten, sich zurückzuhalten?

Davon ist bei mir wenig angekommen. Es gibt Menschen, mit denen bin ich im Gespräch, die das sehr kritisch sehen. Die meisten Rückmeldungen lauteten aber: Wir sind so froh, dass die Kirche den Mund aufmacht! Es gab alte Leute, die gekommen sind, eine Spende abgegeben haben und sagten: Wir finden das Kirchenasyl super! Natürlich gibt es Kritik. Aber für viele Menschen ist die Kirche mit diesem Handeln glaubwürdiger geworden. Die haben gespürt: Da werden nicht nur Sonntagsreden gehalten.

Ein Gebäude ist Ihnen in Friedberg ganz besonders ans Herz gewachsen.

Die Stadtkirche hat sich tief in mich eingeprägt. Ein Höhepunkt meiner Zeit hier war die 700-Jahr-Feier der Stadtkirche im Jahr 2006, mit den wunderbaren Menschen vom Förderverein und aus der Gemeinde, die sich dabei engagiert haben.

Was bleibt von Friedberg?

Viel. An der Nordseite der Stadtkirche gab es eine Aufschrift, grammatikalisch falsch: "Don’t trust god". Darüber habe ich bei meiner Einführung 1997 gepredigt. Warum sollen wir eigentlich nicht Gott trauen? Lasst es uns doch einfach probieren. Das sage ich auch zu den Konfis, wenn die fragen: Was soll mir das bringen? Dann sage ich: Probier’s aus. Dazu habe ich in Friedberg eine solche Bereitschaft gefunden, sich auf die Suche zu begeben und nicht fertig zu sein mit den Dingen, das war unglaublich und einfach großartig. Ansonsten: Friedberg, die Kleinstadt, wo man alles beieinander hat, alles in Fahrrad-Nähe. Genügend groß, dass man sich nicht beobachtet fühlt, aber klein genug, um den Überblick zu behalten. Ich mag Friedberg auch heute noch, obwohl es sich in den 23 Jahren sehr verändert hat. Bad Nauheim hat uns den Rang abgelaufen. Ich bin nach wie vor Mitglied im IZF, in der Antifa-BI und anderen Initiativen. Und es gibt einfach großartige engagierte Menschen hier.

Was erwartet sie in Frankfurt-Ginnheim?

Eher klassische Gemeindeaufgaben. In einem Stadtteil von Frankfurt hat die Pfarrerin ein anderes Auftreten, da bin ich nicht das evangelische Gesicht der Stadt. Ich bin wieder für einen Kindergarten zuständig, darauf freue ich mich, in meinem Oma-Alter. Es gibt eine gute Kirchenmusik, es gibt eine sehr aktive Gemeinde. Es wird darum gehen, eine fröhliche Gemeinde sein zu können. 2021 steht ein Jubiläum an, dann ist die Bethlehemkirche ›schon‹ 50 Jahre alt. Und für Jubiläen von Kirchen bin ich ja Fachfrau.

Wie wünschen Sie sich den Abschied von Friedberg?

Ich wünsche mir ein großes, großzügiges, fröhliches Fest. Und wenn wir am 31. Mai wegen der Corona-Krise noch nicht feiern dürfen, dann machen wir das eben später.

Abschiedsfeier

Pfarrerin Susanne Domnick (60) verlässt nach fast 23 Jahren die evangelische Kirchengemeinde Friedberg. Dieser Entscheidung vorausgegangen waren Unstimmigkeiten im Pfarrteam und im Kirchenvorstand, insbesondere zum Umgang mit dem Kirchenasyl. Domnick hat in ihrer Zeit in Friedberg die Arbeit in der Kirchengemeinde geprägt und viele wegweisende Impulse gegeben. Ab Mai wird sie als Pfarrerin in der Bethlehemgemeinde Frankfurt-Ginnheim wirken, ihre letzte Amtshandlung in Friedberg wird die Konfirmationen am 16. und 17. Mai sein. Am Sonntag, 31. Mai, soll Pfarrerin Domnick mit einem Gottesdienst in der Stadtkirche (17 Uhr) und einem Umtrunk verabschiedet werden. 

Quelle: Wetterauer Zeitung

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