1. Gießener Allgemeine
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Feilen, Schmiergeln, Bohrarbeiten, bis die Kurzgeschichte leuchtet

Erstellt:

Kommentare

jw_ovag_151122_4c
Die siegreichen Autorinnen und der ebenfalls siegreiche Autor (wo bleibt der Männernachwuchs?) mit Lektoren im Hof vor dem Tagungsheim der Ovag in Bad Kissingen, das sich wieder vier Tage lang in eine Literaturwerkstatt verwandelte. © Red

Die 23 Siegerinnen und ein Sieger des Ovag-Jugend-Literaturpreises haben auf einem Workshop an ihren Kurzgeschichten gefeilt. Im Februar erscheinen sie in Buchform.

Das Tagungs- und Erholungsheim der Ovag in Bad Kissingen wurde 1905 »zur Zeit des edlen Luitpold« als Kinderheim gegründet. »Der Jugend, die da krank und siech, ist es geweiht. / Zu lindern ihres Daseins Jammer und ihr Leid«, steht auf einem Monolithen im Garten. Seit Jahrzehnten bereiten sich hier Ovag-Lehrlinge auf Prüfungen vor, Mitarbeiter treffen sich zu Klausuren.

Einmal im Jahr verwandelt sich das Haus in eine Literaturwerkstatt. Dann treffen sich hier die Sieger des Jugend-Literaturpreises der Ovag. Seit 19 Jahren gibt es den Wettbewerb, der deutschlandweit Maßstäbe gesetzt hat und vor zehn Jahren nicht umsonst mit dem Deutschen Kulturförderpreis ausgezeichnet wurde.

Die vier Tage Arbeit an den Texten werden von sechs Lektorinnen und Lektoren angeleitet: die Schriftstellerinnen Uschi Flake, Franziska Gerstenberg und Dana von Suffrin, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Ovag-Pressesprecher und Buchautor Andreas Matlé und der Autor dieser Zeilen. Hinzu kam erstemals der Rundfunkjournalist Martin Maria Schwarz, Moderator des Senders HR 2.

Die Jugendlichen zwischen 14 und 23 Jahren stammen aus dem gesamten Ovag-Gebiet, von Friedberg bis, wie eine Autorin sagte, »Romrod, das ist am Ende von gar nichts«. Von morgens bis abends brüteten sie über ihren Kurzgeschichten, zunächst in großer Runde, dann in Kleingruppen. »Ich hatte Lust, einen Mord zu beschreiben«, sagte eine Autorin über ihren Text. Andere fanden einfühlsame Worte für existentielle Gefühle wie Ohnmacht, Trauer, Angst oder eine verschmähte Liebe, deren Geschichte sich liest »wie in Honig getauchter Schmerz« (Heinrich Heine).

Die innere Logik der Geschichte muss stimmen. Wer sich zu einem geheimnisumwitterten Ort mit zwei Tannen aufmacht, darf nicht bei Weiden landen. Werden Motive eingeführt, dürfen sie nicht ins Leere laufen. So lautet eine Regel: Wenn da eine Pistole an der Wand hängt, muss sie irgendwann losgehen. Kurzgeschichten seien dann stark, »wenn sie ein Rätsel enthalten«, verriet Zaimoglu. Gerstenberg wies daraufhin, dass literarische Figuren widersprüchliche Eigenheiten besitzen dürfen -wie im richtigen Leben auch. Sonst langweilen sie die Leser.

Früher las man Texte stets laut vor

Tipps dieser Art gab es für die jungen Autorinnen und den jungen Autor (die Männer sind bei diesem Wettbewerb stets in der Minderheit) zuhauf. Etwa den, Füllwörter wie »immerhin«, »womöglich«, »allerdings« oder »eigentlich« zu streichen; die braucht man nicht, eigentlich. Und uneigentlich auch nicht. Dann wird der Text schlanker, konzentriert sich aufs Wesentliche, erhöht seine Wirkung. Am Ende entstehen solche wunderbaren Sätze wie »Man kann den Wind auch unter Wasser flüstern hören.«

Dana von Suffrin gab den Autorinnen den Tip, sie sollten ihre Texte laut lesen. »Dann merkt man, ob man stolpert.« Ist das Buch erschienen, beginnt eine Lesereise durch oberhessische Schulen. Dann gilt es, den eigenen Text wirkungsvoll vorzutragen.

Wie das geht, weiß Martin Maria Schwarz. Lautes Vorlesen sei noch im 19. Jahrhundert Standard gewesen; wer leise las, machte sich verdächtig, sagte er. Von Goethe ist die Weisheit überliefert, das gedruckte Wort sei nur ein »trauriges Surrogat« des gesprochenen Wortes. Man muss Goethe nicht alles glauben, aber dahinter steckt die Erkenntnis, dass ein Text erst mit dem lauten Vortrag zu dem wird, was er in seinem Kern ist: Kommunikation. Soll diese gelingen, muss auf die richtige Betonung geachtet werden.

Für die Organisation des Workshops waren Bea König vom Literarischen Zentrum Gießen und Anne Naumann von der Ovag zuständig. Mit dabei war auch wieder Ovag-Vorstand Joachim Arnold, der, wenn er nicht im Home Office arbeitete, in die Arbeitsgruppen reinschnupperte.

Bei der Schlussrunde hörte man nur begeisterte Stimmen: »Ich habe so viel mitgenommen!«, »Danke für die vielen Tipps«, »Das waren intensive, aber auch spannende Tage« und natürlich: »Ich mache beim nächsten Mal wieder mit.« Das versprach auch Arnold: »Ich komme nächstes Jahr auch wieder.«

Doch zunächst wird am 10. Februar im Dolce in Bad Nauheim die 19. Auflage der »Gesammelten Werke« mit den preisgekrönten Geschichten präsentiert.

Auch interessant

Kommentare