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Rainer Schwarz. FOTO: PM

Erfahrung und Bauchgefühl

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Friedberg/Gießen(jw/pm). Am 1. Januar hat für die Ovag eine neue Zeitrechnung begonnen. Nach 20 Jahren hat Rainer Schwarz (68) das kommunale Energieunternehmen verlassen. Joachim Arnold übernimmt den Vorstandsvorsitz, Oswin Veith rückt in den Vorstand nach.

Schwarz kann nun "Dinge tun, die bisher zu kurz kamen", wie er der Gießener Allgemeinen Zeitung sagte. Zumal das Unternehmen solide aufgestellt sei: "Ich habe keinen Zweifel, dass die Ovag in zehn Jahren genauso gut dasteht, wie das heute der Fall ist."

Schwarz hat im Laufe seines Berufslebens einige Stationen absolviert - von einem Jahrzehnt bei der Hessischen Finanzverwaltung über das Amt als Bürgermeister von Gedern und Vizelandrat des Wetteraukreises bis zum Ovag-Vorstand. Er ist Diplom-Finanzwirt, Steuerberater, Buchprüfer und war Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizei und Verwaltung. 2001 drückte Schwarz aber noch einmal die Schulbank. An der Strombörse in Leipzig legte er die Händlerprüfung ab. "Es war mir wichtig, die komplexen und komplizierten Vorgänge nicht nur zu verstehen, sondern auch mitreden, sprich handeln zu können."

Um die Jahrtausendwende erlebte Schwarz eine regelrechte Zeitenwende, die Strombranche beschritt den Weg vom Monopol zur Liberalisierung. "Viele in der Branche sprachen schon vom Ende der Stadtwerke. Das ist nicht eingetreten, und - das darf ich ohne falsche Bescheidenheit heute sagen - die Ovag hat alle neuen Prozesse, nicht nur beim Strom, sondern auch im Bereich Wasser und beim Personennahverkehr, hervorragend gelöst."

Ihm sei damals bewusst gewesen, was diese tief einschneidende Wechsel bedeutet. "Womit aber keiner rechnen konnte, waren die politischen Begleiterscheinungen bis hin zu Vorgaben der EU. Dass ständig die Spielregeln geändert wurden, sehr oft überraschend und gegen die Meinung der Fachleute." Wie es die Ovag schaffte, sich im Wettbewerb zu behaupten? "Kompetenz, Fachwissen und gute Mitarbeiter sind die Basis für verantwortungsvolles Handeln. Dazu spielen Erfahrung, Bauchgefühl oder auch Instinkt und die Bereitschaft, hin und wieder ein kalkuliertes Risiko einzugehen, eine Rolle."

Man dürfe sich in dieser Branche nie zu sehr von Emotionen leiten oder gar provozieren lassen, sagt Schwarz. "Manchmal ist es besser zu schweigen und nicht auf jede Pressemeldung, die gegen einen selbst oder das Unternehmen gerichtet ist, zu reagieren." Nichthandeln könne auch Ausdruck von Souveränität sein. "Man muss nicht auf jeden Zug sofort draufspringen, man muss nicht jeder sich anbahnenden Änderung mit vorauseilendem Gehorsam entgegenkommen - was heute leider oft geschieht. Manchmal gilt auch: Wer zu früh kommt, vernichtet Ressourcen."

Kritik an der Energiewende

Schwarz beobachtet die Entwicklung auf dem Strommarkt mit kritischem Blick: "Beim Aufbau eines wettbewerbsfähigen EU-Strommarktes schlug Deutschland seinen eigenen energiepolitischen Weg ein. Die Energiewende sollte ein Vorzeigeprojekt mit Strahlkraft werden. Aber: Je länger dieses Projekt läuft, umso deutlicher wird, das die ›deutsche Energiewende‹ nicht die Strahlkraft und das ›Feuer‹ für die europäischen Staaten entfachen wird. Die Regierung verfehlt die wichtigsten Ziele beim Klimaschutz, während andere Industriestaaten eigene, teils erfolgreichere Wege gehen." Es fehle eine Gesamtstrategie, sagt Schwarz.

Und wie ist es um seine persönliche Zukunft bestellt? "Ich habe jetzt mehr Zeit für Freizeitbeschäftigungen, die mir lieb sind. Ich bin weiterhin Präsident der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg und werde in meiner Kanzlei, einer Steuer- und Wirtschaftsberatungsgesellschaft, weiterarbeiten. Es wird also nicht langweilig."

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