Sie alle haben einen Termin und müssen doch vor der Tür der Zulassungsstelle in Friedberg warten. Die wenigen Sitzplätze im Warteraum sind bereits alle belegt. Sowohl Händler als auch Privatleute kritisieren die Arbeit der Behörde.
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Sie alle haben einen Termin und müssen doch vor der Tür der Zulassungsstelle in Friedberg warten. Die wenigen Sitzplätze im Warteraum sind bereits alle belegt. Sowohl Händler als auch Privatleute kritisieren die Arbeit der Behörde.

Lange Wartezeiten

Deutliche Kritik an Kfz-Zulassungstelle in Friedberg

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Ihren Namen wollen Wetterauer Autohändler in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen. Doch hinter den Kulissen üben sie deutliche Kritik an langen Wartezeiten in den Zulassungsstellen.

Viele Bürger sehnen sich nach den Vor-Corona-Zuständen. Doch auf einigen Gebieten wird die Schraube wohl nie wieder zurückgedreht werden. Das dürfte auch in den Wetterauer Zulassungstellen so sein. Händler klagen über lange Wartezeiten bei Zulassung oder Ummeldung. Namentlich genannt werden möchten die Geschäftsleute nicht, sind sie doch auf den Service angewiesen.

»Wir sind alle froh, bis jetzt mit Corona überlebt zu haben. Jetzt kommt Gott Zulassungsstelle«, lautet der ironische Kommentar eines Unternehmers, der unter anderem als Händler tätig ist. Vor allem für Pkw-Verkäufer sei die Lage prekär. Nach Angaben des Händlers betragen die Wartezeiten bei Neuzulassungen teils zwei, drei Wochen, bei Ummeldungen fünf bis sechs Werktage. »Vor Corona kamen Privatleute oder Händler zur Zulassungsstelle, zogen eine Nummer und mussten mal einige Stunden warten.«

Heute gehe den Geschäftsleuten Geld verloren, weil sie Neuwagen vorfinanzieren müssten. »Wir bekommen vom Käufer erst Geld, wenn die Zulassung erfolgt ist«, sagt der Händler. Aktuell habe er für drei Wagen 160 000 Euro an verzinsten Krediten aufgenommen. Zuerst verstrichen etliche Tage bis zur Zulassung, dann lasse sich die Bank des Käufers eine Woche Zeit. »Kunden setzen uns die Pistole auf die Brust, wollen ihr Fahrzeug und sind verärgert.« Der Unternehmer erwähnt einen Käufer, der am Samstag mit dem Neuwagen verreisen möchte. Die Karosse wird aber erst am Montag zugelassen.

Kfz-Zulassungsstelle Friedberg: Schlechte Organisation?

Weiteres Problem: Markenhändler erhielten von Autoproduzenten oft besondere Prämien, die aber nur ausbezahlt würden, wenn das Fahrzeug kurzfristig angemeldet werde. Nach Ansicht des Geschäftsführers spielt Corona zwar eine Rolle, in erster Linie seien die Schwierigkeiten aber hausgemacht. Die meisten Mitarbeiter der Zulassungsstelle seien für Privatkunden zuständig, die aber kaum Termine erhielten. »Für Händler sind nur zwei Bedienstete abgestellt - viel zu wenig.«

Deshalb stauten sich tausende Fälle. Verantwortlich sei schlechte Organisation. Der Engpass sei eingetreten, obwohl die Zahl der Neuzulassungen vor der Mehrwertsteuer-Senkung um 35 Prozent gesunken sei. Früher hätten Beschäftigte der Behörde als Ansprechpartner für alle Kunden gedient, ob privat oder gewerblich. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, Arbeit müsse neu verteilt oder Personal aufgestockt werden.

Selbst zur Zulassungsstelle zu gehen, tut sich der Händler nicht mehr an. Wie die meisten Kollegen und viele Privatkunden beauftragt er einen Zulassungsdienst. Das bestätigt Manfred Diehl vom gleichnamigen Zulassungsdienst, der in Friedberg und Butzbach Büros unterhält. Solche Firmen profitieren von Corona. Diehl führt das in erster Linie auf Privatleute zurück, die sich an ihn wenden, weil sie bei der Behörde keinen Termin bekämen. »Wer zwischen 7.30 und 8.10 Uhr telefonisch durchkommt, kann am nächsten oder übernächsten Tag hingehen. Doch das ist Glückssache.« Seit Juli könne man den Termin per Mail beantragen, Wartezeiten von 10 bis 14 Tagen seien keine Seltenheit.

Kfz-Zulassungsstelle Friedberg: Dickes Lob für engagiertes Team

Der Zulassungsdienst hat andere Zugangswege. Diehl zufolge werden alle Papiere fertig gemacht und abends im Tresor der Zulassungsstelle deponiert. »Die Bearbeitung erfolgt in fünf bis sieben Werktagen«, sagt der Experte, der eine Lanze für das Team der Zulassungsstelle bricht. Es sei sehr engagiert, entstehe am Händlerschalter ein Stau, sprängen Kollegen in die Bresche. »Auf diese Leute lasse ich nichts kommen.« Letztlich helfe wohl nur eine Personalaufstockung.

Ob es dazu kommen wird, ist fraglich. Laut Kreisverwaltung wird die Schaffung neuer Stellen zwar geprüft, sei aufgrund der finanziellen Folgen von Corona aber sehr problematisch. Pressesprecherin Petra Schnelzer räumt Wartezeiten bei der Zulassungsstelle ein, führt sie aber grundsätzlich auf Corona zurück. Wegen Urlaub und Krankmeldungen bestehe aktuell ein Personalengpass. Zulassungsdienste, die wie Autohäuser Termine nur online beantragen könnten, müssten drei bis sieben Tage warten. In Friedberg würden pro Woche 500 Kunden bedient, am Händlerschalter bestehe ein Rückstand von etwa 600 Fällen.

Ein Zurück zu Vor-Corona-Zeiten wird es nicht geben. »Die Online-Terminvergabe bleibt bestehen«, sagt Schnelzer. Nach der Krise soll ein Schnellschalter für Kennzeichen-Diebstahl oder -Verlust sowie Ausfuhrkennzeichen eingerichtet werden.

Kfz-Zulassungsstelle Friedberg: Termin nach wochenlangen Versuchen

Auch ein Privatmann, der in Friedberg geboren und nach 40-jähriger Abwesenheit nach Bad Nauheim gezogen ist, hat so seine Erfahrungen mit der Zulassungsstelle gemacht. Ihm selbst sei es mit Mühe gelungen, sein Auto umzumelden. Anders seine Ehefrau: »Sie hat wochenlang vergeblich versucht, telefonisch durchzukommen. Da sie berufstätig ist, konnte sie nicht ständig anrufen.« Ab einer gewissen Uhrzeit sei stets eine Bandansage erfolgt, wonach alle Termine vergeben seien. Nach gefühlt »25 000 Versuchen« habe seine Frau das große Los gezogen.

Im Juni habe man es zunächst per Mail probiert, damals seien online aber keine Termine vergeben worden. Schließlich fuhr das Ehepaar nach Friedberg, um vom Türsteher belehrt zu werden, dass die Terminvergabe nur per Telefon erfolge. Der Bad Nauheimer informierte seine Kfz-Versicherung. Die Sachbearbeiterin habe Verständnis gezeigt und keinen Druck gemacht. Allerdings sei folgender Hinweis erteilt worden: Bei einer Polizeikontrolle könne die fehlende Ummeldung als Ordnungswidrigkeit eingestuft werden. Fazit des Mannes zur Zulassungsstelle: »Ich muss sagen, mir fehlt jedes Verständnis!«

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