Bahnstreik? Dann gehe ich halt shoppen!

Wetteraukreis (sch). Bis zu 30 Minuten länger mussten Reisende gestern Vormittag am Friedberger Bahnhof dem Vernehmen nach auf ihren Zug warten. Die S 6 nach Frankfurt fiel zeitweise komplett aus. Eisiger Wind bei Minusgraden wehte über die Bahnsteige, auf denen vor allem Wochenendpendler und Fernfahrer wegen des Streiks der Lokführer frieren mussten.

Bereits am Dienstag war der Zugverkehr ausgebremst worden. Diesmal standen die Züge zwischen 8.30 bis 11.30 Uhr still.

Wie im ganzen Rhein-Main-Gebiet kam es auch in Friedberg zu Wartezeiten und Zugausfällen. Überwiegend genervt waren die Wetterauer Bahnreisenden, die gestern auf Gleis 3 auf ihren Zug Richtung Frankfurt warteten. Ein junger Azubi, die sich an der Johann-Philipp-Reis-Schule zum Fachangestellten für Bäderbetriebe ausbilden lässt, wollte endlich nach Hause - nach Göttingen. "Das ist total scheiße mit dem Streik: Ist ja okay, dass die höhere Löhne wollen, aber ich zahle trotzdem die sauteure Fahrkarte und muss jetzt 30 Minuten warten." Ein Mitschüler aus Limburg, der im Rebstock-Bad in Frankfurt arbeitet, sah das genauso: "Ich schaue jeden Tag auf die RMV-Internetseite - nur heute nicht, und jetzt das!"

Eine Schülerin, die über Frankfurt nach Mainz wollte, nahm den Streik lockerer: "Ach, das ist nicht so schlimm, wenn ich noch länger warten muss. Dann gehe ich halt auf der Kaiserstraße shoppen."

Ganz so entspannt sahen es zwei junge Studentinnen, die nach Frankfurt zum Einkaufen unterwegs waren, nicht. "Es ist schon sehr nervig, das auf dem Rücken von Pendlern und Studenten auszutragen", meinte die Mathe-Studentin. Man habe Glück, dass vorlesungsfreie Zeit sei. Kritisch seien solche Wartezeiten während des Semesters. Da bestehe nämlich Anwesenheitspflicht.

Ein Physiotherapeut aus Bad Nauheim, der übers Wochenende nach Leipzig wollte, zeigte mehr Verständnis: "Ich verstehe das schon. Jeder will mehr Geld, aber man könnte es wenigstens einen Tag vorher ankündigen. Das kam ja heute aus dem Nichts. Jetzt verpasse ich wohl meinen Anschlusszug in Frankfurt."

Auf dem S 6-Bahnsteig fanden sich am Vormittag nur wenige Reisende - die aber zeigten sich gelassen: Ein Referendar einer Friedberger Schule wartete verfroren auf die erste nach dem Streik fahrende S-Bahn um 11.47 Uhr. "Die letzte kam nicht. Ärgerlich, aber dann muss ich eben die nächste nehmen. Das ist nicht so schlimm, ich fahre nur heim nach Frankfurt." Ein junger Elektrotechnik-Student mit Rastalocken wartete ebenfalls auf die S 6: "Das ist nicht so tragisch mit dem Warten. Das Zugpersonal wird gute Gründe für den Streik haben."

Einige Reisende hatten erst gar nichts vom Stillstand gehört und schauten erstaunt auf die Anzeigetafeln. "Streik? Ich hab gar nichts mitbekommen. Ist nicht so schlimm, sind ja Semesterferien", sagte eine junge Studentin, die fürs Grundschullehramt in Frankfurt eingeschrieben ist. Eine ältere Dame, die Richtung Hannover fahren wollte, zeigte sich ebenfalls verdutzt: "Ach, die streiken heute? Wusste ich gar nicht. Ich bin heute ohne Probleme gefahren." Sie hatte Verständnis: "Sollen die ruhig mal streiken: Ist richtig so!"

Auch ein ehemaliger WZ-Praktikant war unterwegs nach Hannover. Ulrich Schneckener, 1987 Mitarbeiter in der Redaktion, meinte augenzwinkernd: "Ich kann euch jetzt leider nicht den empörten Bahnkunden vorspielen. Auf meiner Strecke soll es keine Verspätung geben. Ich will nach Berlin und fahre wegen den Streiks extra über Hannover."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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