Aufnahmen mit einer fast meditativen Kraft

Friedberg. »Sie vermitteln Information als Impfung gegen den Hass« – mit diesen Worten sprach Manfred de Vries, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, einer Arbeitsgemeinschaft von zehn Schülerinnen und Schülern der Johann-Philipp-Reis-Schule unter Leitung von Otto Lomb und Adrian Nestoriuc Dank und Anerkennung aus.

Sie waren zusammen mit zehn weiteren Teilnehmern des Grundkurses Katholische Religion der Jahrgangsstufe 11 im Februar für eine Woche nach Auschwitz gefahren, um sich am Ort millionenfachen Mordes vornehmlich an den europäischen Juden ein Bild von den Relikten des Vernichtungslagers, das mittlerweile zum Weltkulturerbe erklärt wurde, zu machen.

Außerdem trafen sie sich dort mit Schülern der JPRS-Partnerschulen aus Czerwionka in Polen und Suceava in Rumänien und beschlossen die Gründung von Arbeitsgemeinschaften gegen Antisemitismus und Rassismus, die das in Auschwitz Erlebte und Erfahrene nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen wollen. Ihr erstes gemeinsames Projekt: die Erstellung einer Fotodokumentation zum Thema: »Zukunft braucht Erinnerung – Rückblick auf Auschwitz«. Am Dienstag wurde die Ausstellung – zeitgleich mit den beiden Partnerschulen – im Foyer der Reis-Schule in Anwesenheit vieler Gäste eröffnet.

Der stellvertretende Schulleiter Thomas Remmert bezeichnete das Engagement der AG und ihrer Leiter als »vorbildlich« und zeigte sich stolz auf ihre Arbeit – zumal diese ausschließlich in der Freizeit stattgefunden habe. Eltern- und Förderverein sowie dem Wetteraukreis sei für ihre Unterstützung zu danken.

Manfred de Vries verwies in seinem Grußwort auf Vater und Mutter, die der Hölle von Auschwitz und dem Rigaer Ghetto zwar lebend entrinnen konnten, aber zeitlebens unter den traumatischen Erinnerungen zu leiden hatten. Der Völkermord am europäischen Judentum sei ein singuläres Ereignis und dürfe nicht durch den Vergleich mit ähnlichen Ereignissen relativiert werden: »Ich freue mich, dass ich hier sein darf.« Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender ließ den persönlichen Erinnerungen seines Vorredners nüchterne Zahlen folgen, die die unvorstellbaren Dimensionen des Verbrechens im Zeitraum von knapp drei Jahren deutlich werden lassen. Der 27. Januar als Tag der Erinnerung an die Befreiung des Lagers 1945 sei noch viel zu wenig in den Köpfen verankert, so Hollender. Auch Florstadts Bürgermeister Herbert Unger lobte das Engagement der Schüler. Was im Februar stattgefunden habe, sei viel mehr als ein Auschwitzbesuch der üblichen Art.

Dies dokumentiere die Ausstellung in überzeugender Form. Aus Auschwitz lernen – das heiße, gegen den heutigen alltäglichen Rassismus in unserer Gesellschaft vorzugehen.

Danach lud AG-Leiter Otto Lomb zum Rundgang durch die Ausstellung mit etwa 25 Fotos, die von Schülern aller drei Partnerschulen aufgenommen wurden, ein. Hierbei wurden die zahlreichen Besucher nicht alleingelassen, sondern von AG-Mitgliedern wie Michael Gumpert und Manuel Schenz mit Erläuterungen und Hintergrundinformationen versorgt. Die gezeigten Farb- und Schwarzweißaufnahmen präsentieren sich mit knappen, lakonischen Untertiteln.

Würde hier nur Information geboten, könnte man die Ausstellung zwar als lobenswert, aber wenig originell bezeichnen. Aber sie leistet viel mehr. Ein Foto zeigt in Nahaufnahme nichts anderes als ein Stück Stacheldraht. Nebenan sieht man die typische Häftlingskleidung – an der Stange aufgehängt wie in einem Bekleidungsgeschäft. Der Untertitel lautet »ghosts«. Die besten Fotos besitzen eine fast meditative Kraft, die im scheinbar banalen Detail den Horror der riesigen Vernichtungsmaschine für Augenblicke greifbar werden lässt. Hannah Arendt betitelte ihr Buch über den Prozess gegen Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren des Holocaust, »Von der Banalität des Bösen«. Genau dies wird in der kleinen Fotokunstausstellung in leiser, unaufdringlicher Weise – jenseits der Feiertagsreden mit hohlem Pathos – präsent. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen – bis nächsten Montag besteht noch Gelegenheit. Gerhard Kollmer

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