Aufbau eines Zirkuszeltes: Fast so wie beim Einmann-Iglu

Friedberg (jw). Ein Einmannzelt baut jeder Laie in zehn Minuten auf. Heringe in die Erde, Stangen aufstellen, Zeltplane drüber. Und ein Zirkuszelt? Wieviel Leute braucht man dafür und wie lange dauert sowas? Das wollte der WZ-Reporter wissen und war am Freitag auf der Seewiese.

Die Arbeiter vom Circus Universal Renz bauen dort das Zirkuszelt für den "Kreisstadtsommer" auf. Eine schweißtreibende Angelegenheit für zwölf starke Jungs, im Prinzip aber das gleiche wie der Aufbau eines Einmannzeltes - Heringe in die Erde, Stangen aufstellen, Zeltplane drüber. Wenn da nur nicht der sintflutartige Regen gewesen wäre.

Morgens um 9 Uhr geht's los. Am Tag zuvor wurde der kreisrunde Zeltplatz mit einer Schablone auf der Wiese aufgezeichnet, jetzt werden die Anker gesetzt - mächtige, über einen Meter lange Eisennägel, die mit Vorschlag- und Presslufthammer in den Boden getrieben werden. Das metallische Klackern ist weithin zu hören. Der Boden ist nach all dem Regen weich, trotzdem dauert's ein paar Stunden, bis das erledigt ist. Der Reporter zählt derweil die Eisennägel. 118 sind es. Je vier in den zwölf Bodenplatten, an denen die Masten und die Stahlseile befestigt werden, dazu 70 in der Korona, dem Zeltkreis. Zuviele Zahlen machen jede Reportage kaputt, also schnell noch den Rest und dann weiter im Text: Sechs Lkw transportieren das Zelt, das 13 Meter hoch und 40 Meter breit ist. Die Masten sind 16 Meter hoch, 1200 Zuschauer finden darunter Platz.

"Das ist eines der größten Zirkuszelte in Deutschland", sagt Martin Kovatchev. Der 40-Jährige, ein bulliger Typ mit Oberarmen wie ein kanadischer Holzfäller, ist seit zehn Jahren Zeltmeister. Kovatchev war fast 30 Jahre lang Artist am Schleuderbrett. Jetzt führt er die Regie beim Aufbau, der sich allerdings hinzieht. 11 Uhr, Frühstückspause, still ruht die Seewiese. Fünf Leute helfen am Morgen, peu à peu rollen weitere Lkw an, bringen Stahlseile, Scheinwerfer, Stromkabel, Plastiksitze, Metallstangen, Arbeitsgerät und weitere Helfer. "Normalerweise brauchen wir eineinhalb Tage, dann steht das Zelt", sagt Kovatchev. In Friedberg aber gibt's jede Menge Sonderwünsche, weil die Arena für Comedy, Artistik, Quiz und Symphoniekonzerte genutzt wird. Das dauert etwas länger.

Doch dann geht's ganz fix. Kovatchev steigt in den Gabelstapler und lädt die Masten vom Sattelauflieger eines Lkw, der genau in der Mitte der Korona steht. Die Masten werden an ihrem späteren Standort abgelegt, mit dem Fuß an den im Boden verankerten Stahlplatten. Jede Menge Stahlseile, die an den Masten hängen, müssen entwirrt werden, Querstreben werden mit Bolzen am Kopf der Masten befestigt, dann werden Stromkabel verlegt.

Am Fuß der Masten sitzen Motoren und Seilwinden. So werden die beiden Stahlkolosse, die später das Zelt tragen sollen, automatisch aufgerichtet.

12.30 Uhr, besorgter Blick zum Himmel. Eine graue Gewitterfront zieht auf, die Wolken sehen aus wie das riesige Raumschiff in dem Weltuntergangsfilm "Independence Day". "Regen? Kein Problem", sagt Kovatchev. "Solange es keinen Wind gibt." Der ist dann auch gleich zur Stelle. Orkanartig fegt er über die Seewiese, und dann schüttet es wie aus Kübeln, die biblische Sintflut war ein Klacks dagegen. Der Seebach verwandelt sich in einen reißenden Strom, na gut, in ein reißendes Strömchen, schwappt fast über. Nach zehn Minuten ist der Weltuntergang vorbei, die Arbeiter kriechen unter der Ladefläche des Lkw hervor, verziehen keine Miene und machen sich wieder ans Werk. Nach weiteren 15 Minuten surren die Motoren und der erste der beiden Hauptmasten steht, festgezurrt mit zig Stahlseilen und Flaschenzügen, die - ähnlich wie beim Aufbau eines Einmannzeltes - an den Einsenankern befestigt werden.

"Der Regen kostet uns drei bis vier Stunden", sagt Kovatchev. Weil sich die Zeltplane mit Wasser vollgesogen hat. Erst am späten Nachmittag steht der zweite Mast, dann wird die Zeltplane mit den Motoren und Seilwinden hochgezogen, am Samstag folgen die Rondellstangen, die Rundleinwand, die Bestuhlung sowie der Aufbau zweier kleinerer Zelte vorne und hinten, und dann muss noch die Bühne samt Technik aufgebaut werden.

Es gibt keine Hektik, trotz der Routine werden alle Handgriffe sorgfältig und gewissenhaft ausgeführt, wegen der Sicherheit. Auch wenn alles ein wenig schwerer und größer ist: Im Grunde genommen funktioniert der Aufbau eines Zirkuszeltes wie ein Baukasten von Fischertechnik. "Ja", lacht Zeltmeister Kovatchev. "Wie bei Bob, dem Baumeister."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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