Fürs Spielen bleibt kaum noch Zeit

Freddy Pika hat eine Sammlung von 200 Flipper-Automaten. Der 51-Jährige wartet alle Geräte selbst. Ein Blick unter die Spielfläche zeigt: kein einfaches Unterfangen. Derzeit ist er fast jeden Abend in der Halle anzutreffen, denn am Wochenende treffen sich über 100 Spieler aus ganz Europa, um sich an der Stahlkugel zu beweisen.

Echzell (dab). Von der Wetterau in den Wilden Westen ist es nur ein Schritt. Der führt über die Schwelle einer Halle, die dem Echzeller Freddy Pika gehört. An den holzverkleideten Wänden hängen Kuhfelle, Pferdedecken und sogar ein Rinderschädel. Gleich hinterm Eingang ist eine Bar aufgebaut mit Hockern, deren Sitzfläche aus einem Sattel besteht. Das nimmt der Besucher aber erst auf den zweiten Blick wahr. Den Raum dominiert etwas anderes: Flipper-Automaten. 150 an der Zahl. "Normalerweise stehen hier zwischen 170 und 180 Geräte", erzählt Pika, dem jedes einzelne davon gehört. Er musste Platz schaffen, weil am Wochenende in der Halle ein Turnier ausgetragen wird. Über 100 Spieler aus ganz Europa kommen dann nach Echzell, um ihre Geschicklichkeit im Umgang mit der Stahlkugel zu beweisen.

Denn Geschicklichkeit, nicht Glück sei es, was einen guten Spieler ausmache, betont Freddy Pika. Und wie bei jeder anderen Sportart seien Talent und Training nötig. Ob er selbst an dem – nicht öffentlichen – Turnier teilnehmen wird, bei dem es auch Punkte für die Weltrangliste gibt, ist fraglich. Denn Pika muss als Veranstalter dafür sorgen, dass die Automaten einwandfrei laufen. "Da habe ich keine Ruhe im Hinterkopf."

Überhaupt bleibt dem 51-jährigen Sammler fürs Spielen kaum noch Zeit. Denn nicht nur jetzt, so kurz vor dem Turnier, verbringt er seine Abende und manchmal auch Nächte in der Halle. "150 Geräte sind am Leben zu halten. Das ist ein Job für zwei Techniker, die nichts anderes machen." Dabei kann sich der Echzeller auch ohne Flipper nicht über zu wenig Arbeit beklagen: Er führt in Friedberg ein Unternehmen mit Ersatzteilen und Zubehör für amerikanische Fahrzeuge.

Taschengeld mit Flippern verdient

Sinn fürs Geschäftliche bewies er schon als Jugendlicher: "Mein Taschengeld habe ich mir mit Flippern verdient." Ohne einen Pfennig Geld in der Tasche ging’s damals in den "Heustadl" nach Bad Nauheim. Das erste Spiel für den "Fireball", der dort in der Gaststätte stand, lieh Pika sich. Diese drei Kugeln reichten aus, um so viele Freispiele zu holen, bis der Zähler voll war. Dann verkaufte er die Spiele, "und von dem Geld habe ich mir eine Cola und eine Frikadelle gekauft".

"Ein Flipper hat zwar nur zwei Knöpfe, aber man kann viel damit anstellen", schwärmt Pika. Sinn des Flipperns ist es nicht, den Ball möglichst lange im Spiel zu halten, sondern Punkte zu bekommen. Und die gibt’s vor allem für das Erfüllen von Aufträgen. Wer sich gut anstellt, kann weitere Bälle ins Spiel holen und sie "parken", bis der erste Ball zwischen die "Flipper" – die Hebelarme unten rechts und links auf dem Spielfeld, mit denen die Kugel geschossen wird – rollt und damit unwiederbringlich verloren ist.

Mit einem älteren Gerät, das auf Mechanik basiert, könne ein gutes Spiel auch nur drei bis fünf Minuten dauern, bei einem modernen elektronischen bis zu einer Stunde, erzählt Freddy Pika. Was ihn am Flippern fasziniert: "Jedes Spiel ist anders, es gibt keine Wiederholung." Denn obwohl es immer dieselben Stahlkugeln sind, "läuft nicht eine Kugel wie die andere: Die eine will gleich nach Hause, die andere ist ein Selbstläufer, da sitzt jeder Schuss". Für ein erfolgreiches Spiel reiche es aus, wenn eine der drei Kugeln gut laufe.

Beim Spielen ist es aber nicht geblieben: Schon 1975 fing Freddy Pika mit dem Sammeln der imposanten Automaten an. Ein einsames Hobby war es, bis er vor dreieinhalb Jahren in der Wetterauer Zeitung las, dass es einen weiteren Sammler in Petterweil gibt. "Ich dachte, ich sei der einzige, der sich mit Flippern beschäftigt", erinnert sich Pika. Er nahm Kontakt zu dem Gleichgesinnten auf und wurde von ihm auf ein Flipper-Forum im Internet aufmerksam gemacht. "Das hat inzwischen über 8000 Mitglieder, und es werden immer mehr", erzählt der Echzeller.

Über diese Plattform kommt er inzwischen auch an Zuwachs für seine Sammlung. "Ich bin bekannt in der Szene und bekomme Automaten angeboten." Das Internetauktionshaus Ebay nutzt er nur zum Stöbern. Darüber zu kaufen, hält der 51-Jährige für problematisch, weil viele Geräte in desolatem Zustand seien und von den Verkäufern aus Unkenntnis oft falsch beschrieben würden.

"Herkules" läuft mit einer Billiardkugel

Unter seinen insgesamt 200 Flippern darf der "Fireball" aus Jugendtagen, 1972 gebaut, natürlich nicht fehlen. Auch ein "Herkules" ist dabei, der größte Flipper, der je gebaut wurde. Der zweieinhalb Meter tiefe Apparat wird mit einer Billiardkugel gespielt. "Der stand in den 80er Jahren als ›Eye-Catcher" in den Spielhallen, um die Leute anzulocken", erklärt Pika. Ihn zu spielen, sei aber uninteressant, "nur die Dimension beeindruckt". Das älteste Gerät, das sich in seinem Besitz befindet, "El Toro", ist Baujahr 1962, das jüngste 2010: "Avatar", dessen "Backglass" – die senkrechte Kopfscheibe über dem Spielfeld – genau wie der gleichnamige Film durch 3D-Effekte besticht.

Flipper, die Filme zum Thema haben, dominieren inzwischen den Markt. "Die Designer waren früher fantasievoller", bedauert Pika. Comic- und Abenteuerheld, Rennfahrer, Pirat, Außerirdischer, Baseball- und Kartenspieler – all das kann sein, wer sich an seine Flipper stellt.

Freddy Pika, der in den 70er Jahren in einem Automatenhandel gearbeitet hat, schwärmt von dieser Glanzzeit der Flipper. "Damals kam alle vier Wochen ein neues Gerät auf den Markt. Und weil die Hersteller die natürlich auch verkaufen wollten, landeten viele alte Flipper in der Pressse." Das lässt das Sammlerherz bluten, erst recht, weil die Zahl der Gleichgesinnten wächst, doch die der Flipper nicht. Denn hergestellt werden die Spielgeräte nur noch von einer Firma, die anderen gaben das Geschäft auf.

Das Ende der Flipper-Ära läuteten zum einen die Videospiele ein: Sie waren wartungsarm und nahmen weniger Platz ein, also ließ sich mit ihnen mehr Geld verdienen. Unwirtschaftlich wurden die Flipper auch, weil die Hersteller den Spielern immer mehr bieten wollten. Mehr Technik machte die Geräte teurer und hochempfindlich, doch immer weniger Techniker kannten sich damit aus.

Für Freddy Pika gilt das nicht. "Wenn ich die Flipper nicht reparieren könnte, würde das nicht funktionieren." In seiner Werkstatt stehen einige Geräte, die noch restauriert werden müssen. Typisch für Kneipengeräte sind Brandlöcher und Kratzer, die es auszubessern gilt. Bei manchen reicht es, sie zu überprüfen und aufzubauen, wobei das schon eine Menge Arbeit bedeutet. Pika hebt die Spielfläche eines elektromechanischen Automaten hoch: Nicht nur das "Playfield" ist auf der Unterseite mit Relais, Schaltern und Kontakten übersät, genauso sieht es auf einer weiteren Platte aus, die unter dem Spielfeld untergebracht ist. Nachdem Pika die Verschleiß- und defekten Teile der zwischen 120 und 150 Kilogramm schweren Geräte ausgetauscht hat, montiert er das komplette Spielfeld ab, säubert die "Bumper" und "Slingshots", poliert die Bahn, "damit der Ball ordentlich läuft". Flipper seien entgegen manchen Vorurteils nämlich gar nicht langsam, "sondern haben Feuer" – man muss sie nur richtig behandeln, das heißt: warten können.

Ein spielfähiges Gerät gibt es ab 500 Euro

Sich seinen Jugendtraum zu erfüllen, kostet Zeit, Platz und Geld. "Ein spielfähiges Gerät kann man ab 500 Euro kaufen, nach oben gibt es wenig Grenzen." Günstiger wäre es, "Pinball" am Computer zu spielen. "Aber ich verzichte doch nicht auf mein Auto, um mich an den Fahrsimulator zu setzen", vergleicht Pika. In seiner Sammlung fehlt noch ein "Circus Voltaire", 1997 gebaut. "Ich mag ihn nicht, aber ich habe ihn noch nicht", gesteht Pika. Etwa 1000 Stück seien nach Deutschland gekommen, "und die sind alle in Sammlerhand". Viel lieber als den "Circus Voltaire" hat er den "Medieval Madness", "ein wunderschönes Gerät mit einem tollen Spielablauf". Ziel ist es, das Land von einem bösen König zu befreien. Dazu muss der Spieler Jungfrauen befreien, Trolle besiegen und am Ende das Königsschloss zerstören.

An welchen Geräten sich die Turnierteilnehmer am kommenden Wochenende messen, wird ausgelost. Im K.o.-System machen die über 100 Spieler (und Spielerinnen) den Sieger unter sich aus. Dieser Wettbewerb ist auch ein Probelauf für die Veranstaltung, die 2013 in Pikas Halle stattfindet: Dann wird in Echzell die Weltmeisterschaft im Flippern ausgetragen.

Kontakt zu Freddy Pika ist per E-Mail möglich: alfred@pika.de .

Quelle: Wetterauer Zeitung

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