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Landwirte hadern mit Politik

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Von: Jürgen W. Niehoff

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Die drei Betreiber des »Hoffreunde«-Ladens (v.l.) Maximilian Reul, Stefan Zimmer und Jan Winter informieren über die Lage der heimischen Landwirte. © Jürgen W. Niehoff

Butzbach (jwn). Die Veranstaltung »Hessen grillt an« am Freitag in Nieder-Weisel und vier anderen Orten in Hessen war ursprünglich als Werbung für Produkte aus der regionalen Landwirtschaft geplant. Doch der Ukraine-Krieg hat alles über den Haufen geworfen.

Es sollte ein Gespräch mit Politikern und Verbrauchern werden, bei dem verdeutlicht werden sollte, dass eine Versorgung mit Lebensmitteln aus der Region nur dann funktionieren kann, wenn es im Umfeld genügend landwirtschaftliche Betriebe und Flächen gibt. Denn im vergangenen Jahr seien die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte auf einem Tiefpreisniveau angelangt, das wirtschaftliches Arbeiten kaum noch erlaubt habe; dazu die Forderung der Umweltverbände, den Tieren mehr Raum zukommen zu lassen. »Darauf haben viele von uns beispielsweise die Schweinemast zurückgefahren«, berichtet der Frankfurter Landwirt und Schweinezüchter Axel Schmitt. Er habe im vergangenen Jahr seinen Bestand um rund zehn Prozent verkleinert.

Schlimmer hat es Schweinehalter Sebastian Kartmann aus Nidda getroffen. Er wollte den sinkenden Preisen mit mehr Umsatz entgegentreten und hatte deshalb seine Ställe deutlich ausgebaut. Mittlerweile hält er zusammen mit seinem Vater 140 Zuchtsauen und 1300 Mastschweine - und er habe sich seit dem Umbau oft gefragt, ob dies der richtige Weg gewesen sei.

Dann begann Ende Februar der Ukraine-Krieg. Die Fleischpreise zogen zwar deutlich an, aber die Energiekosten für Strom, Benzin und Gas explodierten nahezu. »Deshalb sind wir immer noch nicht im Gewinnbereich, obwohl wir über 50 Prozent unseres Schweinefleischs auch heute noch regional vermarkten«, verrät Kartmann.

Es gibt auch Erfolgsgeschichten. Etwa die der drei Landwirte Stefan Zimmer (Seefeldhof), Jan Winter (Lindenhof) und Maximilian Reul (Wetterauer Früchtchen). Sie betreiben in Nieder-Weisel den Hofladen »Hoffreunde«. Bis vor Kurzem stand hier am Kreisverkehr an der B 3 noch eine kleine Hütte, an der regionale Produkte verkauft wurden. Nun ist es ein großes Gebäude. »Heute beschäftigen wir bereits zwölf Arbeitskräfte«, berichtet Zimmer. Vor allem die Beschränkungen während der Coronazeit hätten zum Erfolg beigetragen, vermutet er. Höchstens 25 Prozent der Produkte, die sie anbieten, kämen nicht aus der Region, darunter vor allem Obst und Gemüse.

Als die FDP-Vertreter Peter Heidt (MdB) und Dr. Jörg-Uwe Hahn (MdL) hinzustoßen, werden die drei deutlicher. »Die Landwirtschaft leidet momentan vor allem unter den Forderungen der Politik und der Gesellschaft nach mehr Tierwohl«, betont Reul. Der daraus resultierende Rückgang an Tierhaltung sei besorgniserregend. Die Landwirte würden manche Forderung zwar mittragen, dafür müsse aber die Finanzierung gesichert sein. Tierwohl gebe es nicht zum Nulltarif. »Darüber hinaus darf gerade vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges die Ernährungssicherung nicht vernachlässigt werden«, unterstützte auch Volker Lein, der Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, die Forderung.

Andrea Rahn-Farr, Vorsitzende des Regionalbauernverbands Wetterau-Frankfurt, glaubt, dass hessische und deutsche Bauern sehr wohl einen Beitrag zur Verringerung des Hungers auf der Welt leisten könnten. Dafür müssten aber die vorhandenen Potenziale genutzt werden. »So ist die Stilllegung von Flächen in diesem Zusammenhang kontraproduktiv. Sie muss rückgängig gemacht werden, auch wenn sich die Politik in Berlin dagegen noch sträubt.« Auch die Düngeverordnung müsse dringend geändert werden. Nicht ideologisches, sondern wirtschaftliches Handeln sei gefragt, lautete die Kritik am grünen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir.

Einig waren sich alle: »Es fehlt in der Krise an pragmatischer Führung durch die Politik«. Danach war der Grill freigegeben für Bratwürste und Sekt aus Hessen.

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