Werner Reusch (l.) im Gespräch mit Sergeant Gunter Arlt aus Chicago, der 1956 mit den ersten Panzern in die Kaserne kam.
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Werner Reusch (l.) im Gespräch mit Sergeant Gunter Arlt aus Chicago, der 1956 mit den ersten Panzern in die Kaserne kam.

Ayers-Kaserne: Gutes Geschäft für Taxifahrer und "Fräuleins"

Butzbach-Kirch-Göns (stp). Ungebrochen groß ist das Interesse an der Historie der früheren US-Kaserne zwischen Kirch-Göns und Langgöns. Zum dritten Rundgang von Heimatforscher Werner Reusch aus Ebersgöns kamen wieder knapp 90 Gäste, darunter mehrere Zeitzeugen. Sie erfuhren jede Menge über die Taxifahrer und "Fräuleins" vor der Kaserne.

Baubeginn für die Ayers-Kaserne war im Oktober 1952, berichtete Reusch. Im Einsatz waren 1200 Arbeiter, die 14 Tiefbrunnen bohrten und die erforderlichen Unterkünfte, Kantinen, Sporthallen, Theater, Clubs und Fahrzeughallen bauten. In Kirch-Göns und Pohl-Göns war man skeptisch. Denn wo 6000 US-Soldaten stationiert werden sollten, würden sich als Begleiterscheinung auch "Fräuleins" niederlassen, die sich ein Geschäft versprechen, so die Befürchtung. Moral und Gesundheit der Bevölkerung sahen viele in Gefahr. So warnte der Butzbacher Polizeimeister Schöneck: "Gegen die Invasion der ›Fräuleins" hilft nur: Bieten sie keine Wohnung an, verschließen Sie diesen Veronikas Herzen und Türen." Er drohte Vermietern mit Strafverfolgung wegen Kuppelei. Doch die ließen sich davon nicht abschrecken, stellten Zimmer und Wohnungen für die "Fräuleins" und Soldaten zur Verfügung. "So manches Haus wurde dadurch finanziert", erzählte Reusch.

Anfang 1953 kamen die ersten 3000 US-Infanteristen, ab 1956 wurden dann schwere Panzer stationiert. Es entstanden Bars, Etablissements wie das "Oasis" und Kneipen. Und viele Kirch-Gönser entdeckten ein neues Geschäftsfeld: Taxiunternehmer.

Für die Taxifahrer sei der "Pay Day", an dem der Sold ausbezahlt wurde, wie Weihnachten und Ostern an einen Tag gewesen. In Kirch-Göns gab es laut Reusch damals 16 Gastwirtschaften, die von US-Soldaten besucht wurden. Vor der Kaserne entstanden Läden für Souvenirs, Textilien und eine Pizzeria. Autohändler ließen sich nieder.

Amerikaner gegen Dreschflegel

Unerfreulicher waren die vielen Schlägereien der Soldaten untereinander und mit Deutschen in den Kneipen. In Kirch-Göns legendär sei noch heute die "Saalschlacht" unter Soldaten in der Gaststätte Winter am Bahnhof und in der Gartenstraße. Über Letztere titelte die "Butzbacher Zeitung" damals: "Amerikaner gegen Dreschflegel und Besen". Auch in der WZ waren immer wieder Artikel über Übergriffe einzelner Soldaten auf Frauen zu lesen. Reusch nannte beim Rundgang mehrere Krimalfälle, zum Teil mit Toten.

Ebenso kam es zu schweren Unfällen mit Panzern und anderen US-Fahrzeugen. Dennoch seien die deutsch-amerikanischen Freundschaftswochen immer gut besucht gewesen. Und: "Die US-Soldaten halfen in den Dörfern wo sie konnten. So beim Bau des Butzbacher Stadions und bei der Planierung von Sportplätzen, für Schulen und Kindergärten. Es gab ein großes finanzielles Engagement für Kinderheime", berichtete der Heimatforscher.

Zum Ende kam er auf die Geschichten der Taxifahrer zu sprechen. Etwa über die der farbigen Soldaten, der von den Fahrern nur "Kartoffelsuppe" genannt wurde. Er habe sich immer dort hinfahren lassen, wo es seine Leibspeise gab. "Einmal wollte ein Fahrer nach Hause und sagte ihm, es gebe heute nur weit weg in Frankfurt Kartoffelsuppe. Die Antwort: ›Let’s go to Frankfurt." Der Soldat wurde dann doch gefahren, löffelte seine Kartoffelsuppe und gab ein fürstliches Trinkgeld." (Fotos/Repo: stp)

Der Rundgang wird am Sonntag, 28. August, um 10 Uhr wiederholt. Am 18. September, 10 Uhr, geht es um den Militärflugplatz. Am Freitag, 23. September, gibt es ab 19 Uhr in der amerikanischen Kirche einen Abschlussabend, bei dem alte Fotos gezeigt werden. Ein Buch von Reusch ist ab November erhältlich und kann vorbestellt werden; werner.reusch@web.de.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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